"Es war ein harter Schlag"

Bosch-Beschäftigte enttäuscht über Schließung

Die Mitarbeiter von Bosch am Bremer Standort haben am Donnerstag für mehrere Stunden ihre Arbeit niedergelegt. Grund für den Warnstreik ist die geplante Schließung der Fertigung Ende des Jahres.
09.01.2020, 20:26
Lesedauer: 4 Min
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Bosch-Beschäftigte enttäuscht über Schließung
Von Lisa Boekhoff
Bosch-Beschäftigte enttäuscht über Schließung

Das Bosch-Werk in Bremen-Huchting soll geschlossen werden. Nach den Plänen der Geschäftsführung soll das Ende des Jahres passieren.

Frank Thomas Koch

Schon lange steht es nicht gut um das Werk von Bosch in Bremen. Im vergangenen Oktober machte das Unternehmen dann öffentlich: Die Fertigung soll geschlossen werden. Wut und Enttäuschung der Belegschaft sind bis heute da. „Es ist ein harter Schlag“, sagte ein junger Mitarbeiter auf dem Weg zum Werkstor mit seinen Kolleginnen und Kollegen. „Wir wissen, dass die Automobilbranche gerade in schweren Zeiten steckt. Doch wir haben nicht erwartet, dass das Ende so schnell kommt.“

Der Warnstreik war in diesem Moment fast beendet. Um 4 Uhr legte die Nachtschicht am Donnerstag die Arbeit nieder. In der Spitze sollen 250 bis 300 Beschäftigte am Streik teilgenommen haben. Die IG Metall rief zum Ausstand auf, um wieder Bewegung in die Gespräche mit Bosch zu bringen. Die Geschäftsführung will das Werk so schnell wie möglich schließen. Seit Jahren leidet der Autozulieferer unter dem Kostendruck in der Branche. Die Produktion von Lenksäulen soll nach Ungarn verlagert werden. Für das Unternehmen geht es um Zeit.

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Für die Gewerkschaft war der Warnstreik als Signal an Konzern und zugleich die Kunden des Werks in Bremen-Huchting gedacht. Uneinigkeit gibt es nach IG-Metall-Chef Volker Stahmann vor allem darüber, wann das Ende kommen soll. Darüber habe Bosch nicht diskutieren wollen. Die Gewerkschaft brach das letzte Gespräch im Dezember darum ab. Ende des Jahres solle hier Schluss sein, dabei gebe es aber noch Aufträge bis zum Jahr 2023. Jeder Monat zähle nun, in dem die Belegschaft weiter ihr Einkommen habe, sagt Stahmann. Für die Mitarbeiter gehe es um Zeit.

Am Donnerstag machte Bosch deutlich, dass der Schlusspunkt keineswegs in Stein gemeißelt sei. „Es ist kein Datum festgelegt“, sagte eine Sprecherin der Robert Bosch Automotive Steering. Der Ablauf sei Teil der Verhandlungen mit Betriebsrat und Gewerkschaft. Nun gebe es wieder einen Termin für ein Gespräch: Am 22. Januar wolle man sich erneut zusammensetzen. Fünf Verhandlungsrunden hat es bereits gegeben. In einigen Punkten sei man bereits nahe beieinander mit den Arbeitnehmervertretern.

Das Ziel sei nun, gemeinsam ein gutes Ergebnis für die Mitarbeiter auszuhandeln, ihnen zeitnah Gewissheit zu verschaffen, teilt die Sprecherin mit. „Die Entscheidung, die Fertigung in Bremen einzustellen, ist uns nicht leichtgefallen.“ Das beschlossene Vorgehen sei aus unternehmerischer Sicht jedoch notwendig, um die Lenksäulenproduktion in Europa wieder wettbewerbsfähig zu machen. „Eine Fertigung an drei Standorten ist wirtschaftlich nicht mehr tragbar. Daher wird man sich in Bremen künftig auf Entwicklungstätigkeiten konzentrieren.“ Insgesamt sollen 30 Plätze für eine Entwicklungseinheit in Bremen verbleiben. Das hatte Bosch bereits im Oktober angekündigt.

Zum Warnstreik vor Morgengrauen kamen auch Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD), Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke), Bürgerschaftsabgeordnete und Beiratsvertreter. Die Beschäftigten hätten ein „klares und deutliches Zeichen gegen den drohenden Verlust ihrer Arbeitsplätze gesetzt“ und hätten bei ihrem Kampf gegen die Schließung seine volle Unterstützung, die des Senats, der Bürgerschaft und des Beirats, äußerte sich Bovenschulte im Anschluss. Vogt versprach: „Wir werden mit dem Unternehmen und den Betriebsräten im engen Austausch bleiben, um sicherzugehen, dass wir den Mitarbeitern eine Perspektive bieten können.“ Die Betriebsräte des Stahlwerks von Arcelor-Mittal, von Daimler und Airbus leisteten den Kollegen in Huchting ebenfalls Beistand.

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Stahmann zufolge gibt es unter den Mitarbeitern zum Teil auch eine gewisse Perspektivlosigkeit. „Sie haben nichts mehr zu verlieren.“ Der Gewerkschaftsführer zeigte sich am Donnerstag beim Warnstreik verärgert über den Zeitplan und das Vorgehen von Bosch: „Das scheint alles von langer Hand vorbereitet.“ Schon im Vorfeld habe das Unternehmen mit 100 Mitarbeitern Abfindungsvereinbarungen getroffen – allerdings zu deutlich schlechteren Konditionen als nun von der Gewerkschaft gefordert.

Die Mitarbeiter standen am nasskalten Donnerstag über Stunden draußen vor dem Werkstor. Einige von ihnen arbeiten bereits länger als zwei Jahrzehnte für Bosch. „Das war wie eine Ohrfeige“, sagt ein Mitarbeiter über die Schließung. Er fühle sich „im Großen und Ganzen verarscht“, weil der Konzern nicht ehrlich zur Belegschaft gewesen sei. Zwei Jahre hätten er und seine Kollegen fast jedes Wochenende gearbeitet und wenig Zeit für Privates gehabt: „Hier hat man gelebt.“ Dass nun Schluss sei, das sei beschlossene Sache.

Doch wie schnell es gehen solle, darüber seien sie sehr erschüttert. Den Abbruch der Gespräche zwischen Gewerkschaft und Bosch sieht der Mitarbeiter als Strategie des Konzerns: „Das ist eine Hinhaltetaktik.“ Dabei gehe es doch nun darum, endlich Gewissheit zu haben. Kollegen pflichten ihm bei: „Alle wollen wissen, wie es weitergeht.“ Vertreter des Konzerns hätten sich in Bremen nicht mal blicken lassen, kritisieren sie.

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Gegen 9 Uhr war der Protest vor dem Werkstor beendet. Die Belegschaft traf sich in der Kantine zu einer Besprechung mit der IG Metall, um im Anschluss die Arbeit wieder aufzunehmen. Stahmann bedankte sich für die Teilnahme der Mitarbeiter. „Das ist ein eindeutiges Signal, dass es nicht egal ist.“ Die Art und Weise, wie mit den Kollegen umgegangen werde, sei so nicht akzeptabel. „Wir müssen nicht 2020 zumachen. Die hätten das nur gerne.

Ihr sollt Überstunden machen, um schneller arbeitslos zu sein“, warf Stahmann dem Konzern vor. Keiner habe die Hoffnung, die Schließung noch verhindern zu können. Doch sie müsse sozial verträglich sein. In einem Punkt habe das Unternehmen aber bereits angedeutet, mitzugehen: Die IG Metall setzt sich für eine Transfergesellschaft für die Mitarbeiter ein. Der junge Mann auf dem Weg ins Werk ist sich sicher: Einen Lohn wie bei Bosch werde es anderswo nicht geben. Nun sei die Zeit wichtig: Jeder Monat mit Einkommen, um Rechnungen bezahlen zu können, zählt.

+++ Dieser Text wurde um 20:25 Uhr aktualisiert +++

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