Zauberer, Politiker und Firmen Liveshows aus dem Huchtinger Gewerbegebiet

Weil die Veranstaltungsbranche im vergangenen Jahr kaum Aufträge hatte, hat Andreas Beer eine zweite Firma gegründet. Sie heißt Streamlab Studios und bietet professionelles Streaming an.
07.03.2021, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Liveshows aus dem Huchtinger Gewerbegebiet
Von Rebecca Sawicki

Hinter der Tür mit der Aufschrift „Studio“ erstreckt sich ein langer Gang, der schließlich in einer Kulisse endet, die so auch in einem Fernsehstudio stehen könnte. Eine große Leinwand, ein spiegelnder Boden und ein Stehtisch bestimmen den ersten Eindruck. Die Wände sind mit Holzlatten verkleidet. Nelson Lab heißt dieser Raum, der zu den Streamlab Studios im Gewerbegebiet Huchting gehört.

Aufgenommen werden hier keine TV-Shows, sondern alles, was in normalen Jahren als Präsenz-Veranstaltung stattfinden würde: Parteitage, Jahresversammlungen, Produktvorstellungen. „Wir haben mindestens einen Kunden pro Woche“, sagt Andreas Beer, Geschäftsführer der Studios. Seit Oktober können Interessierte die Räume, das Equipment und die Crew buchen und so professionelle Onlineveranstaltungen realisieren. Zu den Kunden zählte bisher zum Beispiel die Bremer CDU, die ihren Parteitag in den Studios abhielt und Ministerpräsident Markus Söder von Bayern aus zugeschaltet hat.

Die Firma Kellogg’s hat zwei Tage lang ihre Jahreshauptversammlung von hier aus gestreamt. Selbst auf das abendliche Beisammensein müssen die Streaming-Teilnehmer nicht verzichten. „Wir hatten schon DJs hier und Zauberer. Einmal hat auch das Impro-Theater mit den Leuten über Stream Übungen gemacht“, sagt Beer. Manche Kunden senden den Teilnehmern sogar vorab kleinere Verpflegungspakete mit Bier und etwas zu knabbern. „Das Feierabendgetränk an der Bar fehlt den Leuten natürlich trotzdem“, sagt der Geschäftsführer.

Andreas Beer leitet eigentlich die Veranstaltungsfirma Active Blue. Seit 31 Jahren kümmert sich das Team um Technik auf Messen, Konzerten und Firmenevents: Zweieinhalbtausend Veranstaltungen sind es jährlich. Mit Beginn der Pandemie ist das Geschäft eingebrochen. Zweieinhalbmillionen Euro Umsatz habe Active Blue so verloren. „Wir sind bei den Corona-Hilfen durchs Raster gefallen. Was wir bekommen haben, waren sozusagen homöopathische Summen“, sagt Beer. Ein Drittel seiner Belegschaft habe gekündigt, weil die Mitarbeiter keine Perspektive mehr gesehen hätten.

Damit die Auszubildenden von Active Blue dennoch Erfahrungen sammeln konnten, haben sie im Firmengebäude eine Bühne aufgebaut. So entstand die Idee, ein professionelles Studio einzurichten. Beer und sein Team hatten Glück im Unglück: Ihr Firmengebäude ist groß, viele Bereiche sind bis zum vergangenen Sommer als Lager genutzt worden. Dieses Lager wurde seither in Eigenregie umgebaut. Drei Studios sind schon fertig, drei weitere werden momentan errichtet.

Neben dem Nelson Lab liegt das Cube Lab. Es ist das größte Studio und ausgerichtet auf Produktpräsentationen. „Man kann sich das wie bei einem Shoppingsender vorstellen“, sagt der Geschäftsführer. Das weitläufige Studio ist in Weiß und Blau gehalten. Obligatorisch sei diese Farbgebung aber nicht: „Wenn der Kunde sich das wünscht, streichen wir auch gerne um.“

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Die Streamlab Studios sind ein eigenständiges Unternehmen. Mitfinanziert wurde es von einem Investor. Um eine störungsfreie Internetverbindung zu gewährleisten, hat Beer einen Glasfaseranschluss legen lassen. „Die EWE war im vergangenen Sommer ohnehin im Gewerbegebiet. Die Chance haben wir genutzt“, sagt er. Für ihn war von Anfang an klar, dass die Studios, wenn sie Erfolg haben sollen, gewährleisten müssen, dass das Streamingerlebnis der Kunden professioneller ist als daheim. Denn die größten Konkurrenten sind die gängigen Videokonferenz-Plattformen auf heimischen Rechnern, wie etwa Microsoft Teams und Zoom. Neben professioneller Technik gebe es bei den
Streamlab Studios die Möglichkeit, Visagisten und Trainer zu buchen.

Gegenüber des Cube Labs befindet sich ein Tisch mit einem Bildschirm und Kopfhörern. „Hier kann der Kunde sitzen und die Regie mitführen“, sagt Beer. Kunden und Personal blieben getrennt voneinander. Licht-, Video- und Tontechniker sitzen hinter einem Plastikvorhang in einem improvisierten Raum mit vielen Kabeln, Bildschirmen – und einem Plasma-Desinfizierer, der die Luft reinigt.

Gebucht werden könnten die Studios tage- und stundenweise, sagt Beer. Zu jedem Event gehöre außerdem eine Probe. Diese sei wichtig, damit sowohl Kunde als auch Crew wissen, wann welche Präsentationen und Videos abgespielt oder Gäste von außerhalb zugeschaltet werden. „Wir streamen live mit einer Verzögerung von 20 Sekunden. Unsere Mitarbeiter müssen auf den Punkt funktionieren“, sagt Beer. Das sei bei Veranstaltungen zwar genauso, da bekämen aber weniger Menschen mögliche Fehler mit. „Das Internet vergisst bekanntlich nicht“, sagt der Veranstaltungstechniker.

Zurück durch die Tür geht es zur Garderobe, der Maske und in den Cateringraum. Die Studios befinden sich in einer ehemaligen Hut- und Mützenfabrik. Wo heute die Garderobe ist, waren früher die Damenumkleiden der Näherinnen. „Wir hatten also schon die Bodenheizung und die Anschlüsse, die wir brauchen, hier“, sagt Andreas Beer. Das Unternehmen will die Studios auch nach der Krise erhalten. Zum Beispiel, um Hybridveranstaltungen anzubieten, bei denen nicht alle Teilnehmer anreisen müssen.

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