Stadtteilspaziergang

Eine Erkundung

Wohnungen. Häuser. Wo man hinschaut, wohnen hier Menschen. Ein Wohnstadtteil mit eher kleinen Gewerbeflächen. Dafür aber viel Grün für diejenigen, die hier leben – und die viel für Huchting tun. Mal spielerisch, mal musikalisch.
02.12.2016, 14:42
Lesedauer: 4 Min
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Von Annika Mumme
Eine Erkundung

Wer gerne im Grünen wohnt, ist in Huchting richtig.

Jonas Völpel

Wohnungen. Häuser. Wo man hinschaut, wohnen hier Menschen. Ein Wohnstadtteil mit eher kleinen Gewerbeflächen. Dafür aber viel Grün für diejenigen, die hier leben – und die viel für Huchting tun. Mal spielerisch, mal musikalisch.

Erste Etappe

Die Tour startet an der Haltestelle Norderländer Straße in Huchting. Von dort geht es in die gleichnamige Straße und damit zum Tor der grünen Lunge, dem Park Links der Weser. Ein kühles und sonniges Novemberwetter umschmeichelt das weite Marschland, hüllt es in hellem Glanz. Ein Freiheits-Gefühl macht sich breit. Klare Luft und unendlich wirkende Wiesen stehen im Kontrast zu den großen Lettern, die auf der anderen Seite des Parks zu lesen sind: Roland-Center. Der Spaziergang führt an Fleet und Flur entlang und endet in einem versteckten Weg, der durch das Unterholz zum Huchtinger Einkaufszentrum führt. Im Roland-Center findet sich neben Geschäften, Cafés und Dienstleistern auch die Stadtteilbibliothek.

Zweite Etappe

Vom Treffpunkt am Roland-Center nur wenige Meter entfernt, steht die St. Georg Kirche, ein neugotisches Bauwerk nach Plänen der Architekten Eduard Gildemeister und Heinrich Deetjen aus dem Jahr 1877. An dieser Stelle wirkt das historische Gebäude mit Lage zur Hauptstraße fast fehl am Platz. Dorf und Stadt treffen aufeinander. Der Rücken der Kirche bildet hingegen eine Einheit mit den Gebäuden im alten Dorfweg. Nicht weit von hier, ein paar Schritte in die zum Rundbogen geformten Straße An der Dingstätte hinein, steht ein Stadtteilschatz auf einem Sockel und wartet darauf, dass Klärchen herauskommt. Die circa 300 Jahre alte Huchtinger Sonnenuhr verzaubert. So sehr, dass darüber auch schon mal die Zeit vergessen wird.

Dritte Etappe

Um möglichst viele Ecken des Stadtteils zu sehen, geht es mit dem Bus – wie der Huchtinger auch fast ein wenig berlinerisch und liebevoll sagt: der Ringbus – in Richtung Niedersachsen. Über einen „Geheimgang“, wie ihn ein freundlicher Huchtinger beschreibt, geht es auf einem Holzsteg entlang der Varreler Bäke. Ein Eisvogel strahlt in hellem grünblau
und ist genauso schnell fort, wie er ins Sichtfeld schwirrte. Weiter dem Grabenverlauf folgen, bis sich ein weites Feld öffnet und sich ein atemberaubender Huchtinger Sonnenuntergang zeigt. Kalt im November und wunderschön. Angekommen im Wohngebiet um den Roggenkamp. Was im Viertel oder in der Neustadt die Zu-Verschenken-Kisten sind, scheint hier ein Regal zu sein. Weihnachtsdeko und Milchkännchen stehen für neue potentielle Besitzer bereit. Und die Besucher treffen, abgesehen vom kleinen Porzellan-Weihnachtsmann im Regal, noch jemanden in der Siedlung an. Sven Thiel vom „Spieleclub Stechmücke“ kreuzt die Wege des Rundgangs und umreißt, was den Verein ausmacht. Das sei zum einen die Leidenschaft zum Spiel und zum anderen, „eine Gemeinschaft, die in gewisser Art und Weise immer mehr zusammenwächst“, so Thiel.

Vierte Etappe

Seit 2004 gibt es den Spieleclub in Huchting, der künftig sogar wöchentlich für einen „Spieleabend“ zusammenkommen möchte. Zum Programm gehören nicht nur die strategischen Brettspiele, die, wie Thiel sagt, den Schwerpunkt der Spielereien bilden. Viele Events werden ebenfalls unter dem Dach der Lukas-Gemeinde im Rahmen der „Stechmücke“ geboren und finden teilweise in Kooperationen statt. Mit dem Quartiersbildungszentrum entstand beispielsweise ein Spieletag mit dem Motto „Familienspaß“, der sich vor allem an geflüchtete Menschen richtete. „Uns fehlt noch ein eigener Raum, aber das kostet ja auch.“ Thiel und die anderen Mitglieder freuen sich jederzeit über neue Stechmücken. Vom Roggenkamp aus sind es nur wenige Meter zum Nächsten Haltepunkt. Die Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde hat etwas Besonderes zu bieten. Gemeint ist nicht etwa die ungewöhnliche Architektur der Kirche. Aus dem Gotteshaus schallen mitunter nicht nur Orgel-Töne. Der Chor der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde in Huchting gibt hier seine Lieder zum Besten.

Fünfte Etappe

Rund 22 stimmgewaltige Chormitglieder, darunter Reinhild Warmke, sorgen für Stimmung, wobei zum Beispiel Lieder wie „Von guten Mächten“ von Dietrich Bonhoeffer während des Gottesdienstes gesungen werden.Warmke, die seit drei Jahren dem Chor angehört, sagt, dass „Nachwuchs“ jedoch nicht der Gemeinde oder gar der Kirche zugehörig sein müsse. „Wir haben einen guten Zusammenhalt, der über die Generationen hinausgeht“. Dieser drücke sich darin aus, dass älteren Chormitgliedern, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, ungefragt Unterstützung angeboten wird. Ein anderes Mal würden die Freundschaften bei Bier und Grillgut gepflegt. „Wir laden herzlich zu einer unverbindlichen Teilnahme an einer Chorprobe ein“, sagt Reinhild Warmke. Ein bisschen weniger kirchlich, dafür mit Verbundenheit zur See singen 55 Männer und eine Frau vor allem von Kameradschaft und dem Meer. Dafür müssten sie nicht weit hinausschippern, das geht auch in Huchting. Dennoch kommt der Chor ganz gut rum.

Sechste Etappe

Denn der Capstan Shanty Chor, obgleich in Huchting seit 14 Jahren gereift und viele Gebürtige in sich haltend, trägt seine Lieder mittlerweile über Stadtteilgrenzen, über Bremer Grenzen und – Sie ahnen es – über nationale Grenzen hinaus. Shantys über Rum, die See und ihre Bären – made in Huchting. In den Genuss kamen bereits Gäste wie Bundespräsident Joachim Gauck oder Bundestagspräsident Norbert Lammert. Auch bei der Bremer Schaffermahlzeit dürfen die maritimen Männerstimmen nicht fehlen, denn der Verbund aus Herren und einer Dame – Chorleiterin Anna Koch – wird mittlerweile zu den ganz großen Events eingeladen. Und dann mögen sie bitteschön singen. Gert Schwarz, erster Vorsitzender des Shanty Chors, nennt ein Lied aus dem Chor-Repertoire: „Seemann, deine Heimat ist das Meer“, sagt der 75-Jährige. „Die Kameradschaft steht ganz oben an“, sagt Gert Schwarz. Dafür bedarf es auch hier neuer Mitglieder, die herzlich willkommen sind.

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