Huchting Kreativer Prozess mit offenem Ende

Huchting. Beim 20. Workshop der Sommerwerkstatt Bildhau hat sich Nicole Karow vorgenommen, einen Blumenkasten für ihren Balkon anzufertigen. 'Ich habe das noch nie gemacht', sagte die Neustädterin.
28.07.2010, 17:07
Lesedauer: 3 Min
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Kreativer Prozess mit offenem Ende
Von Ulrike Troue

Huchting. Das schrill-metallene Ping - Ping - Ping signalisiert bereits beim Einbiegen in die Amersfoorter Straße: Hier wird gearbeitet - die Sommerwerkstatt Bildhau läuft. Auf dem Außengelände des Bürger- und Sozialzentrums mühen sich die Teilnehmer ab, Stein und Holz in eine neue Form zu bringen. Ebenfalls hochkonzentriert wirken die Holzdrucker in der Aula, wo im Gegensatz zu draußen absolute Stille herrscht. Denn noch übertragen sie Motive mit Pauspapier auf Holzplatten.

Das Gros der Teilnehmer an dieser 20. Auflage des Workshops, der Mittwoch begonnen hat und noch bis Sonntag läuft, bearbeitet heute Holz. Nicole Karow schaut Holzbildhauer Reinhard Osiander genau auf die Finger, als er der Lehrerin vorführt, wie sie die Löcher für die Blumentöpfe aus dem halben Lindenstamm ausheben muss. Die Neustädterin, die zum ersten Mal mitmacht, hat sich vorgenommen, einen Blumenkasten für ihren Balkon anzufertigen. 'Ich habe das noch nie gemacht', gesteht Karow und gibt sich nach dem Abrunden der Kanten mit Stecheisen und Klöpfel sehr zuversichtlich, mit dem Werkzeug umgehen und ihr Ziel erreichen zu können. 'Aber heut' Abend hab' ich bestimmt Muskelkater', ahnt sie schon.

Eigene Fähigkeiten entdecken

'Es geht nicht ganz spurlos an einem vorbei, wenn man das drei Tage gemacht hat', bestätigt Martin Aufderheide. Der Krankenpfleger aus der Gartenstadt Vahr besucht die Sommerwerkstatt zum dritten Mal - als Geburtstagsgeschenk von seiner Frau - und sprüht vor Begeisterung: 'Es ist entspannend, interessant zu sehen, wie weit die eigenen Fähigkeiten reichen, und es macht Spaß.'

Dazu trägt aus seiner Sicht maßgeblich Martina Benz bei. Die Leiterin der Bildhauwerkstatt in der Justizvollzugsanstalt Oslebshausen gibt den Teilnehmern bei der Bearbeitung des Kalksteins Tipps und greift manchmal auch korrigierend ein. Denn das Material Stein verzeiht bekanntlich nichts. 'Da macht es plopp, und was weg ist, ist weg', sagt Martin Aufderheide in Erinnerung an seine ersten Bildhau-Erfahrungen. Denn die ringförmige Skulptur sollte ursprünglich viel größer werden.

Der Vahrer legt eine gewisse Gelassenheit an den Tag. 'Wenn das jetzt nicht hinhaut, wird eben etwas anderes daraus', bekennt er, während er Spitzmeißel und Hammer am hellen Kalkstein vor sich ansetzt. Von seiner Ursprungsidee, einen Frauenschuh zu formen, hat sich Aufderheide bei der Steinauswahl verabschiedet.

Beim Anblick des flachen Brockens hat der Familienvater, der sich schon immer für Bildhauerei interessiert hat und dessen ältere Tochter ein Praktikum bei einem Steinmetz absolviert hat, gleich umgeschwenkt. Er hatte sofort die Assoziation von einem alten Buch, das aufgeblättert daliegt und in dem ein Pfeil stecken soll. 'Ob das so wird, weiß ich natürlich erst am Ende der ganzen Geschichte', gesteht der offensichtlich handwerklich Begabte. Steinbildhauerei könnte sich Martin Aufderheide daher als Hobby für zu Hause vorstellen. Das sei bislang am Dreibeingestell Marke Eigenbau gescheitert. 'Außerdem weiß ich nicht, wie die Nachbarn auf das Tingel-Tingel reagieren...', schiebt er schmunzelnd nach.

'Aufregend und spannend', findet Cornelia Töben ihre ersten Stein-Schläge. 'Ich habe immer Angst, dass etwas abfällt oder ich mir auf die Finger haue', bekennt die Neustädterin, die mit ihren Töchtern Carlotta und Frida zum ersten Mal mitmacht. Schon nach kurzer Zeit der Steinbearbeitung stellt sie fest: 'Das ist schweißtreibende Arbeit.'

Eigentlich wollte Cornelia Töben, die noch nie solches Werkzeug in der Hand gehabt hat, eine Skulptur mit vorstehenden Händen aus dem Kalkstein schlagen. Doch diesem Schwierigkeitsgrad sieht sie sich nun in der Praxis und nach Rücksprache mit Martina Benz nicht mehr gewachsen. So geht sie eine Figur mit eckigem Kopf und durchbohrten Augen an. 'Ich war verwundert, wie schwer die Steine sind, die erste Hürde war schon, sie hierher zu kriegen', gibt sie unumwunden zu. Die Materialien, die der brasilianische Holzdruckkünstler Henrique Lemes in der Aula ausgelegt hat, sind deutlich leichter zu handhaben. 'Der entspannendste und schönste Moment ist die Schnitzerei', findet Michael Hennig. Der Stuhrer bedient sich der breiten Palette der verschiedenen Schnitzwerkzeuge fast vollständig. 'Das ist das Wichtigste und Mühsamste', urteilt der 'filigrane Hannes', aber auch das Entspannendste. Da er bisher nur zum Schnitzen gekommen ist, will er sich nun ausschließlich mit Drucken beschäftigen.

'Wenn die Farbe auf die Druckplatten aufgetragen wird, weiß man nie, was das Endresultat sein wird, denn erst durch die Farbe bekommen sie so eine schöne Struktur', erläutert Hennig und weist auf ein Fischmotiv, dessen Schuppenstruktur erst im Farbdruck hervorsticht. Er besucht die Sommerwerkstatt zum vierten Mal und schätzt die besondere Atmosphäre und den Austausch.

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