Interview

„Mehr als nur eine Kriminalitätsrate“

Christian Schlesselmann ist seit Anfang 2016 Ortsamtsleiter in Huchting. Mit dem WESER-KURIER sprach der 47-Jährige über neuen Wohnraum, die vergleichsweise hohe Arbeitslosenquote und die familiäre Atmosphäre im Stadtteil.
02.12.2016, 15:19
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„Mehr als nur eine Kriminalitätsrate“

Christian Schlesselmann stammt ursprünglich aus Bremervörde und leitet seit Anfang des Jahres das Ortsamt in Huchting.

Kristin Hermann, Karin Mörtel

Christian Schlesselmann ist seit Anfang 2016 Ortsamtsleiter in Huchting. Mit dem WESER-KURIER sprach der 47-Jährige über neuen Wohnraum, die vergleichsweise hohe Arbeitslosenquote und die familiäre Atmosphäre im Stadtteil.

Herr Schlesselmann, Menschen, die nicht aus Huchting stammen, verbinden mit dem Stadtteil meist Einkaufsmöglichkeiten, wie das Rolandcenter. Womit assoziieren die Huchtinger ihren Stadtteil?

Christian Schlesselmann: Es stimmt schon, dass wir ein vielfältiges Angebot an Einkaufsmöglichkeiten im Stadtteil haben. Da ist das Rolandcenter aber bei weitem nicht das einzige: Wir haben einiges an Einzelhandel dabei, wie zum Beispiel eine Glaserei, Handwerker. Der Handels- und Gewerbestandort Huchting ist sicherlich über die Stadtteilgrenzen hinaus bekannt. Das ist aber lange nicht alles – der Stadtteil bietet viele verschiedene lebenswerte Wohnformen, von Geschoss- über Einzel-, bis zum Doppelhaus. Zudem gibt es hier im Vergleich zu anderen Stadtteilen sicherlich günstigeren Wohnraum bei gleichzeitig guter Anbindung zur Stadt sowie zur Autobahn.

Die verschiedenen Ortsteile liegen nach dem Benachteiligungsindex weit auseinander. Besonders Grolland ist im Vergleich zu Mittelhuchting, Kirchhuchting und Sodenmatt deutlich besser aufgestellt. Gibt es interne Trennlinien im Stadtteil?

Es gibt natürlich Unterschiede – das ist eben ein sehr bunter Stadtteil. Grolland ist tatsächlich besser aufgestellt, beispielsweise in der Einkommensstruktur. Die Grundstücke sind schon teurer, unter anderem wegen der Lage nahe der Grünanlagen und der Stadt und der Bebauung durch Einzel- und Doppelhäuser. Zwischen den Bewohnern der verschiedenen Stadtteile würde ich aber nicht von einer Trennung sprechen. Viele Grollander setzen sich zum Beispiel aktiv im Beirat für das Wohl des Stadtteils ein.

Der Anteil von Bewohnern mit Migrationshintergrund liegt in Huchting bei rund 37% und damit deutlich höher als in anderen Bremer Stadtteilen. Wie gestaltet sich die Integration in Huchting?

Das ist schon eine Aufgabe – auch bestimmt keine leichte. In vielen Bereichen läuft es dennoch sehr gut, wir haben hier ein sehr intaktes soziales Netzwerk. Sport- und Kulturvereine, wie der Kulturladen oder die AWO sind hier sehr engagiert. Auch bei Flüchtlingen versuchen wir das stark voranzutreiben. Vor kurzem haben wir einen Bowlingnachmittag mit Flüchlingen in der Stadt veranstaltet. Wir erreichen aber selbstverständlich nicht alle – das ist ein laufender Prozess. Man muss immer wieder kleine Projekte der Begegnung schaffen. Wir versuchen das hier immer wieder; zum Beispiel durch ein Elterncafé und ein Stadtfest.

Haben sie das Gefühl, dass die Stadt Bremen in dem Zusammenhang mehr Unterstützung für Huchting leisten müsste?

Das ist schwer zu sagen. Wir haben hier schon eine starke Belastung und man kann eigentlich nie genug machen. Es gibt schon einige Quartiere, wie zum Beispiel das an der Robinsbalje, wo wir deutlich mehr machen müssten. Da sind sicher Kapazitäten aus verschiedenen Ressorts gefragt. Das Thema müssen wir auch in gemeinsamen Gespräche mit der Stadt sicherlich stärker angehen.

Die Arbeitslosenquote ist mit 17 Prozent in Huchting vergleichsweise hoch. Wie erklären Sie sich die Quote und wie beeinflusst sie das Leben im Stadtteil?

Wie sie sich genau entwickelt hat, kann ich nicht sagen. Ich finde es sehr bedauerlich, dass so viele Menschen hier nicht in Lohn und Brot stehen. Das Stadtteilbild wird davon aber nicht geprägt – man sieht zum Beispiel keine Bettler. Es gibt zudem einiges an Angeboten hier, um diese Leute aufzufangen. Es ist nicht immer zu schaffen, dass sich daraus ein sozialversicherungspflichtiger Job ergibt. Besondere Maßnahmen im Stadtteil sind Begegnungsstätten wie der „Klönhof“ aber auch in der Grünanlagenpflege. Es ist wichtig den Menschen wieder eine Perspektive zu geben.

Viele Menschen haben Klischeevorstellungen davon, dass bei einem erhöhten Migrationsanteil und einer hohen Arbeitslosigkeit auch die Kriminalitätsrate erhöht ist. Sehen Sie in Bezug auf Huchting einen Zusammenhang?

Die Zahlen sind uns gerade von der Polizei vorgestellt worden: Huchting fällt dabei nicht besonders auf. Insgesamt ist die Kriminalitätsrate zurückgegangen, insbesonders schwere Gewaltdelikte. Eine hohe Rate gibt es schon, aber das ist eher ein Bremer Phänomen. Wir wollen nicht die Augen davor verschließen, aber ich sehe keinen Zusammenhang zwischen den Bewohnerindikatoren in Huchting und den Kriminaldelikten. Es ärgert mich übrigens, dass das immer wieder in den Vordergrund gerückt wird. Huchting ist mehr als nur eine Kriminalitätsrate.

Was sind aktuelle Baustellen und Aufgaben, die den Stadtteil derzeit bewegen?

Neben dem sozialen Zusammenhalt, der selbstverständlich immer wieder gepflegt werden muss, haben wir einiges an Verkehrsproblemen zu bewältigen. Da bleibt kaum Zeit für etwas anderes. Ein Brückenabriss an der B75 bereitet uns derzeit viele Probleme. In Huchting haben wir grundsätzlich ein sehr hohes Verkehrsaufkommen, das sich durch den Abriss noch verstärkt hat. Die Norderländer Straße in Grolland ist derzeit viel zu stark belastet. Außerdem ist eine Verlängerung der Straßenbahnlinien 1 und 8 ein Thema, die im Stadtteil stark umstritten ist und derzeit von der Mehrheit des Beirats abgelehnt wird. Zudem soll die Verlängerung bis nach Niedersachsen hineinreichen, wo derzeit ein Gerichtsverfahren gegen den Bau aufgrund von formaler Kriterien läuft. Das zögert den Bau der Bahn weiter hinaus.

Warum gibt es so viele Gegner der Verlängerung?

Ein zentraler Punkt sind sicherlich die hohen Kosten. Viele der Gegner zweifeln an, dass der Nutzen, den die Verlängerung bringen würde, im Verhältnis zu den Kosten steht. Wir haben hier durch einen Buskreisverkehr eigentlich bereits eine sehr gute Anbindung. Manche Bewohner befürchten wohl auch, dass die nächste Haltestelle durch den Ausbau der Bahn weiter von ihrem Zuhause weg ist, sollte der Busverkehr dann eingestellt werden.

Und wie geht es nun weiter?

Jetzt soll als nächster Schritt eine Kosten-Nutzen-Analyse durchgeführt werden, um zu klären, ob sich das Projekt überhaupt lohnt. Wir wollen selbstverständlich keine Verschlechterung im Stadtteil und möchten uns für die Interessen der Bewohner einsetzen. Dass das Projekt, wie geplant 2017/2018 gebaut wird, ist also noch nicht entschieden.

Und Ihre persönliche Meinung zu der Verlängerung?

Ich denke, dass meine Meinung hier eine sehr untergeordnete Rolle spielt. Ich und der Beirat müssen versuchen, die Interessen der Bürger zu vertreten.

Huchtings Einwohnerzahlen sind derzeit wieder steigend. Inwiefern planen Sie den Bau neuer Wohnräume im Stadtteil?

Es gibt steigenden Bedarf, unsere Einwohnerzahl hat sich im letzten Jahr um 400 auf rund 29.850 gesteigert. Das ist im Vergleich recht viel für einen Stadtteil. Wir versuchen bei anstehenden Bauplänen mit vielen verschiedenen Wohnformen Verdienern aller Levels gerecht zu werden. Im Geschosswohnungsbereich ist in letzter Zeit bereits einiges gemacht worden. Wir schauen auch ins niedersächsische Umland und passen uns dementsprechend an. Potential sehe ich in Huchting in allen Bereichen: von Mehrfamilien- über Einfamilien- bis hin zu Doppelhäusern. Ein weiterer wichtiger Punkt ist zudem der Schul- und Kitaausbau. Wir brauchen zusätzliche Plätze bereits für die gegebene Anzahl an Kindern, die die Kitas besuchen. Gleichzeitig müssen wir aber auch die Quote an Kindern steigern, die zum Kindergarten gehen. Kindergärten und Schulen leisten einen großen Teil zur Integrationsarbeit. Die erwünschte Quote von 50% am Geburtenjahrgang ist lange nicht erreicht. Wegen dieses Themas stehen wir in regem Kontakt mit der Bildungsbehörde.

Was macht Huchting für Sie persönlich besonders?

Huchting ist so bunt. Was den Stadtteil besonders stark ausmacht, sind aber die Menschlichkeit und die familiäre Atmosphäre. Die starke Integrationsarbeit hier ist zudem eine große Chance. Dadurch kann man sein Verständnis erweitern und Vorurteile abbauen. Ein Beispiel, Gesprächslautstärke. Das ist in Kulturen unterschiedlich und bedeutet verschiedene Dinge. Durch Zusammenkünfte konnte auch ich da viel lernen. Außerdem wurden ich und meine Familie ganz offen hier im Stadtteil willkommen geheißen. Auch deshalb haben wir uns dazu entschlossen, auf Dauer hierzubleiben. Dass ich mich hier wohlfühle, merke ich schon daran, dass ich, obwohl es nur 15 Minuten ins Zentrum dauert, eigentlich immer hier bin. Es gibt laufend etwas zu entdecken.

Zur Person:
Christian Schlesselmann ist seit Anfang 2016 Ortsamtsleiter in Huchting. Nach langer Zeit im öffentlichen Dienst hat er entschieden, sich auf den Posten in Bremen-Huchting zu bewerben. Der 47-Jährige kommt ursprünglich aus Bremervörde.

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