Chemikalie im Fluss alarmiert Anlieger Ochtum-Anwohner fischen im Trüben

Früher enthielt der Löschschaum der Bremer Flughafenfeuerwehr die Chemikalie PFOS. Grollander Anlieger sind besorgt wegen der Gewässerbelastung. Eine Anwaltskanzlei hat ihnen jetzt ihren Dienst angeboten.
04.10.2019, 19:19
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Helke Diers

„Können wir irgendwas machen zur Beseitigung dieses Informationsdefizites?“ Diese Frage eines Teilnehmers der jüngsten Versammlung der Grollander Siedler bleibt unbeantwortet. Es geht um die Belastung der Ochtum mit der Chemikalie Perfluoroctansulfonsäure (PFOS). Die Substanz war im bis Anfang der 2000er-Jahre von der Flughafenfeuerwehr genutzten Löschschaum enthalten. Durch Brandschutzübungen gelangte sie in das Gewässersystem der Ochtum und deren Seitengräben. Die Bremer Behörden empfehlen, keine Fische aus der Ochtum zu verzehren und das Wasser nicht mehr zur Bewässerung der Gärten zu nutzen. Der Stoff reichert sich in Organismen an und steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Die Verwendung von PFOS ist seit 2008 gesetzlich verboten. Knapp 100 möglicherweise von den Giftstoffen in der Ochtum Betroffene sind jetzt einer Einladung der Rechtsanwaltskanzlei KWAG in den Grollander Krug gefolgt.

Viele der Anwesenden scheinen sich zu kennen. Ein freundliches Nicken allerseits und leise Gespräche, während die Grolländer sich auf den Stühlen mit den bereitgelegten Papieren der Anwälte niederlassen. Rechtsanwalt Andreas Erren und der als Experte für Toxizität geladene Ingenieur Thomas Caro beginnen pünktlich ihre Vorträge.

Deutschlandweites Problem mit Handlungsbedarf

Verschiedene Gewässern in Deutschland seien mit PFOS belastet, heißt es. „Es gibt keinen Flughafen, der dieses Problem nicht hat. Alle, die diese Löschübungen durchgeführt haben, müssen handeln“, spitzt der Aachener Toxikologe Caro zu. Auf natürlichem Weg werde die Substanz nicht abgebaut. „Es wird also von alleine nicht weniger.“ Der Stoff sei gut wasserlöslich und daher über das Wasser mobil. Caro merkt an, es gebe zu wenig Informationen über die früheren Löschübungen und wie sich die Substanz im Grundwasser ausgebreitet hätte.

Lesen Sie auch

Zumindest die Sanierung des Flughafengeländes sei in den vergangenen Wochen angeordnet worden, wie der Sprecher der Umweltbehörde Jens Tittmann auf Anfrage mitteilt. Dort ist laut Senat geplant, belastetes Erdreich auszubaggern und das Grundwasser in den kontaminierten Bereichen zu filtern.

Eine Vielzahl rechtlicher Fragen

Kanzleiinhaber Jan-Henning Ahrens erklärt, seine Kanzlei werde für mögliche Mandanten Ansprüche gegen die Flughafen GmbH in Betracht ziehen. Ein Zwischenruf aus dem Publikum: „Die sind sowieso schon pleite!“ Nach kurzem Gelächter geht es weiter. Ahrens stellt klar, sie würden in „jedem Fall die Verantwortlichkeit des Landes Bremen als Hauptgesellschafter der Flughafen GmbH“ prüfen. Rechtsanwalt Erren bestätigt, wer giftige Substanzen in Wasser oder Boden einbringe, löse grundsätzlich eine Umwelthaftung als Verursacher aus. Möglicherweise geschädigt seien unter anderem Grundstückseigentümer und Anwohner, Fischereivereine, Kleingärtner, Tierhalter, Nutzer und Konsumenten eventuell belasteter Produkte.

In Betracht kämen Ansprüche auf Schadensersatz und wegen eines möglichen Wertverlustes der Immobilien, auf Unterlassung oder Beseitigung der Substanzen. Da es in Deutschland anders als in den USA keine Möglichkeit für eine „echte Sammelklage“ gebe, müssten Klagewillige ihre möglichen Ansprüche allerdings individuell geltend machen. Ahrens erklärte, dazu sei seine Kanzlei gerne bereit, aber: „Wir Anwälte sind auch Dienstleister. Und nur wenige von uns arbeiten kostenlos.“

Anwesende bemängeln Informationsdefizit

Die Parzellisten und Anwohner sehen sich nicht ausreichend informiert. Das wird durch die anschließenden Fragen und Beiträge deutlich. Zwei Anwohner berichten, sie hätten ein Hauswurfschreiben der Behörde aus dem Frühjahr nicht erhalten. Ein Vorstandsmitglied eines Kleingartenvereins berichtet: „Unsere Mitglieder fragen uns: Dürfen wir weiter mit Wasser aus der Ochtum gießen?“ Die Parzellisten müssten schließlich ihrer Pflicht nachkommen, ein Drittel ihres Grundstücks kleingärtnerisch zu bewirtschaften. Ein anderer Teilnehmer will wissen, ob seine Enkel weiterhin die Äpfel aus seinem Garten essen könnten. Ahrens sagt dazu: „Es laufen Laboruntersuchungen von Obst aus betroffenen Arealen aus dieser Saison.“ Auch Julian Strunk, Parzellist im Kleingartenverein Am Reedeich, zielt in diese Richtung „Am wichtigsten wäre es, dass wir Proben abgeben können.“ Er will wissen, ob er sein Apfelmus weiter essen könne. Gesundheit sei schließlich wichtig.

Lesen Sie auch

Kritische Töne zur Informationslage lassen auch die Rechtsanwälte hören. In Bremen wisse keiner, an welche Grenzwerte die Verwaltung sich halte, „weil das einfach schlecht kommuniziert wird“, sagt Erren. Es gebe ein „nicht akzeptables Informationsgefälle zulasten der Anwohner“.

Was die Grolländer jetzt tun wollen

Stephan Bischoff hat einen Kleingarten im Verein Wardamm-Woltmershausen. Er möchte momentan keine rechtlichen Schritte einleiten. „Meine erste Intention ist gar nicht, da Geld rauszuholen. Aber ich will wissen, was mit meinem Parzellengrundstück ist!“ Nuri Kücük hat erst Anfang 2019 sein Haus in Grolland gekauft. Für ihn spielen bei der Entscheidung für oder gegen eine mögliche Klage Kostenrisiken und Erfolgsaussichten eine Rolle. Er fühlt sich schlecht informiert. „Hätte ich das gewusst, hätte ich vielleicht nicht gekauft.“ Für die Angler ist Rolf Libertin zu der Veranstaltung im großen Saal gekommen. Er findet, heute habe es sich um eine „Verkaufsveranstaltung von Anwälten“ gehandelt. Er habe auf mehr Informationen gehofft. Inwiefern seinem Fischereiverein ein Schaden entstanden sei, könne er nicht sagen. „Wir erfragen momentan noch bei Kündigungen durch Mitglieder, ob diese wegen der Ochtum erfolgen.“

Auf Applaus stößt zum Ende der Wortbeitrag eines Zuschauers, der zu mehr Vernetzung aufruft. „Wir sollten uns mehr zusammensetzen und uns austauschen!“ Auch Rechtsanwalt Erren sagt: „Uns hätte es nicht überrascht, wenn es eine Bürgerinitiative gegeben hätte.“ Ein weiterer von Gelächter begleiteter Zwischenruf aus dem Publikum: „Kann ja noch kommen!“ Manche der Anwesenden hinterlassen ihre Kontaktdaten auf den vorbereiteten Zetteln der Kanzlei und bitten um mehr Informationen, bevor sie nach zweieinhalb Stunden den Heimweg antreten.

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+