Der Natur ein Stück näher

Gesucht und gefunden

Keine Beziehung zur Natur, noch nie barfuß gelaufen: Vielen Kindern in Huchting geht das so. Mit einer Osteraktion hat das Bürger- und Sozialzentrum Huchting (Bus) hier jetzt gegengearbeitet.
01.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Matthias Holthaus

„Das ist ja auch mal schön für die Kinder, dass sie in Bewegung kommen und das Gelände und den Stadtteil kennenlernen“, sagt Lydia Klose vom Bürger- und Sozialzentrum Huchting (Bus). „Das Gelände“ ist dabei die Streuobstwiese der Initiative „Arbeit & Ökologie“ (A&Ö) hinter dem Bus und für die Bewegung sorgen an diesem Tag diverse Osterüberraschungen, die auf dem gesamten Areal der Obstwiese für Erstklässler der Grundschule Sodenmatt versteckt wurden. „Die Gewoba hat uns unterstützt“, erzählt Lydia Klose weiter, „dann können die Kinder in den Ferien das Gefundene gleich nutzen.“ Nach Straßenkreide suchen die Kinder, nach Brotdosen mit Schokoladenüberraschung und nach Seifenblasen - und das jeweils in 18-facher Ausführung, damit auch kein Schüler zu kurz kommt.

Derweil füllt sich die ausgebreitete Decke mit den österlichen Überraschungen, anschließend wird ausgezählt und verteilt. Danach haben die Grundschüler dann noch die Möglichkeit, im „Grünen Klassenzimmer“ Postkarten zu gestalten, die sie entweder mit nach Hause nehmen dürfen oder aber in das Stadtteilhaus in der Tegeler Plate verschicken. Später dann werden die Kinder von ihren Eltern abgeholt, damit auch sie einmal das Gelände kennenlernen können.

Denn auch das ist die Realität: „Die Kinder haben sich total von der Natur entfremdet“, sagt Birgit Wendelken von A&Ö, „viele Eltern gehen auch am Wochenende nicht mit ihnen raus. Und manche Familien unternehmen stattdessen Ausflüge ins Roland-Center.“ Es habe in fünften Klassen Kinder gegeben, die noch nie barfuß gelaufen seien, sagt sie. „Sie wohnen ja auch häufig in Wohnblocks“, doch wenn die Kinder erst einmal einen Einblick in die Natur geworfen hätten, ändert sich das: „Zuerst ist alles ekelig, doch dann lernen sie zum Beispiel auch, Insekten über die Hand krabbeln zu lassen.“ Dann würden sich die Kinder darauf einlassen, und wenn es nach Birgit Wendelken ginge, könnten sie gerne häufiger zu ihnen aufs Gelände kommen, um die Scheu zu verlieren. Und nicht nur dorthin: „Wir machen auch mal einen Ausflug in den Park Links der Weser, da entdecken die Kinder total viel.“ Das Ziel sei, die Eltern zu ermuntern, selbst mit ihren Kindern rauszugehen: „Es geht keiner mehr raus, die Kinder kommen aus der Schule und setzen sich vor den Computer. Und der Balkon hat keine Pflanzen, dafür aber eine Satellitenschüssel.“

Es gilt also, eine Nähe zur Natur zu entwickeln und Achtsamkeit zu wecken. „Wir haben die Hoffnung, dass die Kinder merken, wie es in der Natur ist.“ Das geschieht dann auch, als sich die Kinder um die grüne Decke versammeln. Neben den Osterüberraschungen haben sie auch manch anderen Schatz mitgebracht: Totes oder verbranntes Holz etwa, Fichtenzapfen oder Federn. „Seht ihr die Löcher in dem Totholz?“, fragt Birgit Wendelken und ein Kind meint daraufhin, dass dies ein hämmernder Vogel mit einen großen Schnabel gewesen sei. Ein anderes Kind vermutet jedoch einen Käfer als Verursacher - „weil die Käfer dort ihre Eier reinlegen.“

Grundsätzlich würden sie von A&Ö alles draußen machen, sommers wie winters, denn zu Hause würden die Kinder bereits zur Genüge hocken, meint Birgit Wendelken: „Im Winter zum Beispiel sitzen wir am Lagerfeuer und machen Stockbrot. Oder wir suchen nach Tierspuren oder machen Seife.“ Auf dem Gelände gibt es auch alte Obstbäume und später im Jahr sammeln Kinder dann die Äpfel, um daraus Saft zu bereiten: „Dass die Kinder merken, wie viel Arbeit es macht, Lebensmittel herzustellen.“

Anja Wilde ist Lehrerin an der Grundschule Sodenmatt und sagt, ihre Schule sei noch im Aufbau begriffen. „Wir haben moderne Unterrichtskonzepte, und das hier gehört dazu – dass die Kinder rauskommen und etwas von der Welt sehen.“ Zum Beispiel hätten sie vorher im Unterricht die Frühblüher behandelt: „Alles was man anschauen und anfassen kann, lernt man besser. Was nützt es einem, wenn man etwas auf dem Papier stehen, es aber noch nie gesehen hat?“ Für die Klasse sei das bereits der vierte Termin auf dem Gelände von A&Ö und dort werde nun auch ein Hochbeet für die Schule gebaut: „Es ist toll, dass was in Zeiten von Corona passiert.“ Überhaupt sehe man ja gerade, wie befreit und fröhlich die Kinder sind, wenn sie draußen seien. „Und die Begeisterung, wenn sie eine Blume in echt sehen.“ Viel gelöster seien die Kinder, „das ist ja auch Druck für sie während der Coronazeit. Das ist heilsam hier.“

Info

Zur Sache

Zur Sache

Der Verein „Arbeit & Ökologie“ (A&Ö) wurde 1987 aus einem Arbeitslosenprojekt heraus gegründet. Seit 2002 ist A&Ö ein Betriebsteil der Öko Net gGmbH. A&Ö hat das 1,5 Hektar große Außengelände am Bürger- und Sozialzentrum Huchting 1989 entsiegelt, seitdem können die Bürgerinnen und Bürger des Stadtteils die Natur mitten in der Stadt kennenlernen. Eine „grüne Garten-Oase“ nennt A&Ö das natürliche Areal, auf dem es unter anderem eine Obstwiese, einen Bauerngarten, Insekten- und Schmetterlingsbeete, eine Sandfläche für Wildbienen sowie Naturteiche zu erleben gibt. Neben den Aktionen mit Kindern, um ihnen die Natur näherzubringen, gibt es auch vielfältige Angebote für Erwachsene: Der richtige Schnitt von Obstbäumen etwa lässt sich auf dem Lehrgelände erlernen, der Garten zur Selbstversorgung wird vorgestellt, es gibt Weidenflechtkurse oder auch Wissenswertes rund um Kräuter. Alljährlich gibt es übrigens auch einen Pflanzenflohmarkt, wo Kräuter, Stauden, Sträucher, Sämereien und Gartenzubehör ge- und verkauft sowie getauscht werden können. Eigentlich war der Termin für den diesjährigen Pflanzenflohmarkt auf den 10. April angesetzt, doch durch Corona wird der Flohmarkt nun auf Sonnabend, 4. September 2021, verschoben. Weitere Informationen sind unter http://www.arbeit-oekologie.de/ erhältlich. MHO

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