Huchting als Zentrum einer Subkultur

Das Punk-Wohnzimmer Bremens

Sven Limberg lebt und liebt zwei Dinge an der Hansestadt: Huchting und Punk, beides gehört für ihn untrennbar zusammen, was er jetzt in zwei Büchern dokumentiert hat.
12.04.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Gerald Weßel
Das Punk-Wohnzimmer Bremens

Sven "Limbo" Limberg vor dem ehemaligen Jugendzentrum Huchting.

Roland Scheitz

Der Ziegelstein trifft das Heckfenster des Streifenwagens, die Stimmung am Jugendzentrum Huchting ist aufgeheizt an diesem Tag im Oktober 1986. Leidtragende: die Polizei. Diese zieht sich im Angesicht der Punker-Übermacht – es läuft gerade ein Konzert – zurück. Vorerst. Denn die Insassen des lädierten Polizeiwagens kommen zurück. Mit Verstärkung.

Das Bild wird er wohl nie vergessen, meint Sven Limberg. Er ist damals 21-Jahre alt und lebt für den Punk in Huchting, weswegen er nicht nur mit Neonazis, sondern eben auch mit der Ordnungsmacht mehrfach in Konflikt gerät. Der Steine-Werfer hatte sich da aber bereits verzogen: „Der stand auf der anderen Straßenseite und schaute sich das Geschehen von dort aus an“, ärgert sich Limberg noch heute.

Eingeschlagene Scheiben und Tränengas

Er aber war mittendrin „als die Polizei die Fensterscheiben des Jugendzentrums einschlug, Tränengas ins Gebäude feuerte und die Anwesenden aufmischte“, erzählt er. Seine oft musikalischen, mitunter abenteuerlich und gesellschaftlich spannenden Erinnerungen schildert er auf fast 350 Din-A4-Seiten in „Anarchy in Huchting – Die Geschichte des Punk in Huchting 1977-2020“ und in seinem autobiografischen, ähnlich umfangreichen Dokuroman, der schlicht „Anarchy in Huchting“ heißt.

„Vergesst New York, vergesst London, Hamburg, Berlin und Düsseldorf, der Hotspot des Punk war und ist seit den ersten Tagen Huchting. Punk Rock City Huchting", fasst er seine Sicht der Szene zusammen, die teils stadtweit bekannt wurde und nicht nur die Medien beschäftigte. Aber für ihn steht vor allem eines fest: "Wir hatten quasi jahrzehntelang geile Bands am Start." Manch ein Musiker schaffte sogar den Sprung nach England. Von dort kam einst der initiale Impuls.

Begonnen hatte für Limberg alles in den 70er-Jahren mit der Bravo. Denn die oft für ihre aufklärerische Arbeit verschriehene Jugendzeitschrift berichtete laut Limberg als eines der ersten Medien in Deutschland über die Punkband Sex Pistols, die ihres Zeichens in Großbritannien zu den Gründervätern des Punk zählen.

Erst Optik und Einstellung, dann die Musik

Ehe ihre Musik überhaupt in Deutschland kaufbar war, lernten Limberg und sein Umfeld vor allem die Optik und die anarchistische Einstellung des Punk und die sich später auch in Huchting einlebende Subkultur kennen. Seine Heimat fand dieser Zusammenschluss im Geiste unterschiedlichster junger Männer und Frauen irgendwann im damaligen Jugendzentrum Huchting, das Sven Limberg bis heute als „unser Wohnzimmer“ bezeichnet. „Dort trafen sich alle, vollkommen egal ob schwul, hetero, ausländisch, schwarz oder was auch immer“, sagt er.

Von diesem bunten Lebensmittelpunkt erzählt er in beiden Büchern gleichsam szenenvertraut wie sprachgewitzt, ohne dabei aber immer den feinen Ton zu treffen. Er schreibt, wie er spricht: Geradeheraus, ohne Umschweife, mitsamt dem einen oder anderen harten Wort aus der Jugendsprache, die auch damals meist für sich wusste, wie persönlich abgelehnte Dinge oder Personen zu nennen waren.

Neben den Erzählungen sind Fotos und Artikel von einst, Flyer für Konzerte oder Plakate zu sehen, die diese besondere Zeit im Bremer Süden auferstehen lassen. Einige Hundert Abbildungen begleiten den Leser durch die Punkgeschichte Huchtings oder speziell durch das musikalische Leben von Sven Limberg, der seine ersten eigenen musikalischen Gehversuche 1982 machte: Auftritt Normkinder.

„Wir konnten unsere Instrumente kaum spielen“

Die ersten Konzerte des von Insidern Limbo genannten Punkers und seiner Kumpel folgten alsbald an der Delfter Straße oder auch in einer Kirchengemeinde. „Wir wussten ja gar nicht, was wir da taten, konnten unsere Instrumente kaum spielen“, blickt er zurück. Erst Jahre später, mit der Band AIDSCats habe sich die Qualität klar gesteigert. „Nach fünf oder sechs Jahren beherrschte man dann auch mal Gitarre oder Bass“, sagt der Musiker.

Und wo wurde geprobt? Im Wohnzimmer natürlich, im Jugendzentrum Huchting. „Da konnte man komplett umsonst musikalisch machen, was man wollte“, so Limberg. „Man musste sich nur in eine Liste eintragen.“ So verbrachten er und viele andere Punker fast jede freie Minute hier, bis es Ende der 80er geschlossen wurde. Die „Nazi-Glatzen“ habe man zuvor allerdings schlicht irgendwann aus dem Stadtteil geprügelt, erzählt er. Ein Zwischenfall brachte ihn hierbei sogar vor Gericht, allerdings ohne schlimme Folgen für den Punker. Mit der Polizei sei er im Vergleich dazu geradezu humorvoll umgegangen. So hätten er und seine Freunde einmal das Fahrrad des Kontaktpolizisten geklaut und in einen Baum gehievt.

Abschied von der Bühne

Ende der 80er verließ Limberg aus verschiedenen Gründen die Bühne als Punkmusiker. Gleichsam klingt an dieser Stelle auch seine Autobiografie aus und überlässt es dem historischen Begleitwerk – ebenfalls aus seiner Feder – weiter zu erzählen.

Beide Bücher schildern Ähnliches. Aber wo der Schwerpunkt bei „Anarchy in Huchting“ bei Limberg und seinem Leben bis 1988 liegt, geht „Anarchy in Huchting - Die Geschichte des Punk in Huchting 1977-2020“ nicht nur historisch weiter, sondern blickt auch mehr in die Breite und zeichnet ein allgemeineres Bild des Huchtinger Punks und seinen Verästelungen.

In Huchting hängengeblieben

Der heute 55-jährige Sven Limberg lebt noch immer in Huchting. „Bin hier hängengeblieben“, sagt er und scheint auch irgendwie stolz darauf. Die Huchtinger Punk-Szene hat gemeinsam mit ihm die Jahrzehnte überdauert, nur fährt man heute für Konzerte eben ins Viertel oder in die Überseestadt. Aus Huchting selbst ist der Punk ein stückweit verschwunden. „Aber die Geschichten leben noch“, weiß er. Vielerorts sehe er noch Geister der Punker-Vergangenheit in dem Stadtteil, den er allen anderen Kulturmetropolen allzeit vorziehen würde.

Sven Limberg hat bisher keinen der zwei Bände bei einem Verlag untergebracht. „Bisher hat kein Verlag geantwortet, den ich angeschrieben habe.“ Momentan sind seine Werke also nur bei ihm erhältlich. Einige Lesungen seien aber bereits erfolgreich über die Bühne gegangen, und gut 100 Bände habe er selbst drucken lassen und verkauft. Kontakt zu ihm zwecks Anfragen, Verlagsangeboten oder auch – sobald wieder möglich – für Lesungen ist über limbergsven@aol.com möglich.

Info

Zur Sache

Punk – ein Definitionsversuch

Punk ist an sich gar keine Musik, sondern mehr eine Jugend- und Subkultur, die in den 1970er Jahren in New York und in London entstand. Von hier breitete sie sich über Medien und persönliche Kontakte aus. Typisch für die Mitglieder dieser Kulturgruppe, die sich Punks oder Punker nennen, war damals provozierendes Aussehen, Verhalten abseits der Norm und mehr oder minder rebellische und gegen die Obrigkeit gerichtete Haltungen und Handlungen. Sven Limberg selbst mag die Schubladendenke nicht. Für ihn ist Punk ein diverses Lebensgefühl, das sich musikalisch superb ausdrücken lässt, aber vor allem ist Punk eben eines nicht: einfach zu definieren. „Wir wollten die Welt ein Stück weit besser machen“, erklärt Limberg seine Sicht. „Wir waren die Fridays for Future-Generation von damals“, vergleicht er weiter. „Wir haben über Umweltverschmutzung und rechte Gewalt gesungen.“ Und heute ist eh vieles, vor allem die einst verpönte Kleidung, wie zerrissene Jeans, kaufbar in jedem Kleiderladen. Frauen waren in der Szene in der Minderheit, aber es gab sie. Sven Limberg ist heute mit seiner Punk-Freundin von einst verheiratet.

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