Vakante Stelle

Stadtteilarzt in Huchting verzweifelt gesucht

Bislang hat sich niemand gefunden, um die vakante Stelle eines Stadtteilarztes in Bremen-Huchting zu besetzen. Nun will das Gesundheitsamt finanzielle Anreize schaffen.
24.11.2019, 05:30
Lesedauer: 3 Min
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Von Chantal Moll
Stadtteilarzt in Huchting verzweifelt gesucht

In Huchting schmerzlich vermisst: ein neuer Mediziner als Ersatz für die weggezogene Stadtteilärztin. (Symbolbild)

Julian Stratenschulte/DPA

Bevor Kinder in die Schule kommen, müssen sie erst mal zur Schuleingangsuntersuchung. Dabei stellt der Arzt oder die Ärztin fest, ob das schulpflichtige Kind die kognitiven und gesundheitlichen Voraussetzungen für seine Einschulung mitbringt. Für das kommende Schuljahr 2020 sind das allein in Huchting insgesamt 373 Kinder, damit ist die Zahl in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Laut Senatorin für Kinder und Bildung Bremen waren es für das Schuljahr 2018/2019 an den öffentlichen Schulen noch 253 Kinder.

Wer die Aufgabe der Schuleingangsuntersuchungen in Huchting für das kommende Schuljahr übernimmt, ist bisher noch unklar. Denn die zuständige Ärztin für den Stadtteil ist nach Gröpelingen gewechselt. Anfang Dezember wird das Gesundheitsamt in die Planung gehen und eine bedarfsgerechte Verteilung erstellen. „Wir wissen, dass das nicht optimal ist“, sagt Patricia Harmer. Die Abteilungsleiterin vom Gesundheitsamt Bremen und der Referatsleiter Martin Götz vom Gesundheitsressort waren in der Fachausschusssitzung für Soziales und Armutsprävention in der vergangenen Woche zu Gast, um über die aktuelle Lage zu sprechen.

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„Unser Stadtteil hat Kummer“, sagt Christian Schlesselmann. Der Ortsamtsleiter für Huchting ist um die ärztliche Versorgung des Stadtteils besorgt, nachdem die ehemalige Stadtteilärztin seit den Sommerferien nicht mehr vor Ort ist. Zumal ohne Frage auch großer Bedarf bestehe, so Schlesselmann. Die personelle Besetzung im Kinder- und Jugendgesundheitsdienst allgemein sei zu niedrig – und das nicht nur in Bremen. Zu einer Lösung speziell für Huchting kam das Gesundheitsamt bisher nicht. Der Grund: Es gibt zu wenig Fachkräfte, die bereit sind, die Aufgabe zu übernehmen. „Der öffentliche Gesundheitsdienst hat bundesweit abgebaut, das ist kein spezielles Stadtteil- oder Bremer Problem“, sagt Götz.

Mehrere Stadtteile nicht ausreichend versorgt

Laut Gesundheitsamt Bremen haben für das Schuljahr 2016/2017 landesweit 4573 Kinder an der Schuleingangsuntersuchung teilgenommen. Die Herausforderungen haben sich erhöht und diesen müsse nachgegangen werden, so Referatsleiter Götz. Außerdem gebe es mehrere Stadtteile in Bremen, die nicht ausreichend versorgt seien. Die Herausforderung sei nicht nur, dass es zu wenig qualifizierte Fachkräfte gebe, sondern auch, dass diese zu wählerisch geworden seien. „Ich weiß noch, in unserer Zeit konnten wir uns nicht aussuchen, wo wir arbeiten. Ich bin damals aus dem Süden hierher gezogen, um eine Stelle zu bekommen“, berichtet Harmer vom Gesundheitsamt. Mittlerweile sehe die Situation aber anders aus.

Durch den Fachkräftemangel können sich die Ärztinnen und Ärzte aussuchen, wo sie arbeiten und höhere Ansprüche stellen. Die meisten wollen in ihrem eigenen Stadtteil bleiben und arbeiten. Darüber hinaus gebe es auch zu wenig Nachwuchs. Doch das liegt nicht daran, dass es kein Medizinstudium in Bremen gibt. „Die jungen Ärztinnen und Ärzte wollen lieber Kinderarzt oder Ähnliches werden. Sie interessieren sich nicht für den öffentlichen Dienst“, sagt Referatsleiter Götz dazu.

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Doch dabei sei das so wichtig. Die Stadtteilärztin oder der -arzt sorgt sich nämlich um die „Volksgesundheit“, wie es nach einem veralteten Begriff in der Medizin heißt. Zu dem Aufgabenbereich zählt neben der Schuleingangsuntersuchung auch das Impfen. Der Arzt oder die Ärztin schaut sich die Impfpässe an und lädt die Kinder zur Vorsorgeuntersuchung ein. Außerdem geht er in die Kindergärten und erstellt die Gutachten von behinderten und behandlungsbedürftigen Kindern und sorgt sich um die Förderplanung. Jedoch ist die Stadtteilärztin oder der -arzt nicht für die individuelle Behandlung von Kindern zuständig, sondern kümmert sich um die gesellschaftliche Gesundheitslage. Gerade in benachteiligten Stadtteilen sei das wichtig.

Höhere Bezahlung angesetzt

Da sich jedoch bisher niemand gefunden hat, muss das Gesundheitsamt umstricken. Hierfür hat die Behörde als einen der ersten Schritte die Bezahlung der Stadtteilärztin oder des -arztes höher angesetzt als bislang üblich. „Eigentlich gibt unser Budget das nicht her, aber die Stelle muss besetzt werden“, betont Harmer. Außerdem gebe es Überlegungen, der Stelle einen Beamtenstatus anzubieten. Bisher seien die meisten nicht verbeamtet, vielleicht gebe das einen möglichen Anstoß.

Einen anderen Lösungsansatz schlug Ortsamtsleiter Schlesselmann vor: „Wie wäre es, wenn sich ein Team von Ärztinnen und Ärzten die Stadtteile teilen?“ Das wäre für das Gesundheitsamt aber nur ein Notfallplan. Das eigentliche Ziel sei es, die Stadtteilärztin oder den -arzt mit dem Stadtteil zu verwurzeln und ein Netzwerk aufzubauen. Der Bezug zu dem Stadtteil sei wichtig, das würde mit dem Team-Konzept nicht funktionieren. „Jeder will eine Heimat haben, auch beruflich“, sagt Harmer.

Ortsamtsleiter Schlesselmann sieht noch „kein Licht am Ende des Tunnels“. Doch Referatsleiter Götz und Harmer vom Gesundheitsamt versichern, dass sie dabei seien, eine Lösung zu finden und passendes Personal. Sie müssten mit dem Mangel arbeiten, sie würde auch nicht irgendwen einstellen wollen. Es gehe außerdem darum, an dem Image des öffentlichen Dienstes zu arbeiten und vor allem darum, ihn zu verbessern.

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