Rassismus im Alltag Wenn Jugendliche Rassismus erfahren

In der Stadtteilbibliothek Bremen-Huchting stellt eine Gruppe von "Alten Eichen" Ergebnisse ihres Projekts „Rassismus in meinem Umfeld, wie gehe ich damit um?“ in einer kleinen Ausstellung vor.
20.07.2018, 18:58
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Von Jörn Hildebrandt

„Wir haben es erlebt, dass Jugendliche in der Schule die Namen ihrer Lehrer als Feindbilder benutzten“, berichtet Gerald Bellmer von den Nachtwanderern Huchting. „Denn weil sie Druck auf Schüler ausübten, wurden sie leicht diskriminiert.“ In der Stadtteilbibliothek Huchting im Roland-Center stellt eine Gruppe von "Alten Eichen" nun die Ergebnisse ihres Projekts „Rassismus in meinem Umfeld, wie gehe ich damit um?“ in einer kleinen Ausstellung vor.

Unter den vielen Formen der Diskriminierung ist der Rassismus eine der umfassendsten, denn er richtet sich gegen Menschen allein aufgrund äußerlicher Merkmale, die einer bestimmten „Rasse“ zugeschrieben werden – ohne Rücksicht auf die Individualität des Menschen. Die pauschalen Verurteilungen gehen meist auf Unwissenheit und simples Schwarzweiß-Denken zurück. Feindbilder werden aufgebaut, an denen sich Hass und Verachtung ablassen lässt.

„In der Schule wurden von einigen unserer Mitschüler Witze über Juden gemacht“, sagt der 14 Jahre alte Raschid, einer der Teilnehmer der Jugendhilfeeinrichtung „Alten Eichen“. „Das war für uns der Ausgangspunkt, uns mit der Ausgrenzung von Juden im Dritten Reich zu befassen.“

Die Einrichtung „Alten Eichen“ mit Sitz in der Horner Heerstraße nimmt sich besonders Kinder und Jugendlicher an, die Gewalt oder Misshandlung erfahren haben. In mehreren Stadtteilen verschafft ihnen diese gemeinnützige GmbH, die von den Diakonien der Kirchengemeinden St. Ansgarii und St. Remberti getragen wird, eine bunte Palette von Freizeitangeboten und entwickelt Projekte. In Horn-Lehe betreibt „Alten Eichen“ ein Jugendfreizeitheim. Perspektiven für Kinder und Jugendliche aufzubauen, ist ein Hauptanliegen von „Alten Eichen“, und dazu gehört zum Beispiel auch, sich in Toleranz gegenüber anderen einzuüben und Verständnis für sie zu entwickeln.

Projekt 2017 gestartet

In Schulalltag, Freizeit und in Medienwirklichkeiten ist jedoch die junge Generation immer wieder mit zahlreichen Formen der Diskriminierung Anderer konfrontiert. Seit 2017 bietet sie ein neues Projekt zum Thema Rassismus an, das von den Nachtwanderern und der Kooperationsstelle Kriminalprävention der Polizei Bremen ermöglicht wird. Fast alle der zehn beteiligten Jugendlichen im Alter von zwölf bis 16 Jahren, die in der Jugendhilfeeinrichtung „Alten Eichen“ daran mitarbeiten, haben einen Migrationshintergrund. Sie stammen zum Beispiel aus Albanien, der Türkei, dem Libanon oder Pakistan.

Mit dabei waren bei der Ausstellungseröffnung zwei Vertreter der Nachtwanderer Huchting, die an Wochenenden nachts auf den Straßen unterwegs sind – als Ansprechpartner für Jugendliche, die sie in Discos, zu Freunden oder nach Hause begleiten. Unser Rassismus-Projekt bestand aus vier Modulen“, erläutert der Leiter der Projektgruppe, Adem Hacikerimoglu, „zunächst stellten wir uns die Frage, was es im Dritten Reich an Diskriminierung und Rassismus in Deutschland gegeben hat, dann wurde die Frage auf den Stadtteil heruntergebrochen, wir nahmen an der 'Nacht der Jugend' im Bremer Rathaus teil, und schließlich haben sich die Jugendlichen einen der Stolpersteine in Bremen ausgesucht und sich näher mit dem Schicksal einer jüdischen Familie beschäftigt, die von den Nazis verfolgt wurde.“

In der Familie von Heinrich Bialystock, deren Name auf einem Stolperstein Am Brill eingraviert ist, ging den Jugendlichen aus Huchting besonders das Schicksal der Tochter Miriam zu Herzen, die 1942 in Auschwitz ermordet wurde. Im Projekt recherchierten sie die Texte zur Familie und sahen Filme zum Thema, besuchten aber auch die Synagoge in Schwachhausen, um mehr über die jüdische Gemeinde in Bremen zu erfahren. Den Abschluss des Projekts bildete eine gemeinsame Fahrt in die KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen. „Dieser Besuch hat alle Jugendlichen sehr beeindruckt, einige waren sehr schockiert und traurig, dass Kinder so sterben müssen“, sagt Adem Hacikerimoglu, „sie haben anschließend Tagebücher geschrieben und Bilder gemalt, in denen sie ihre Erlebnisse ausdrücken konnten.“

"Bunt ist besser"

Einige dieser Bilder hängen an den Wänden der Stadtbibliothek: Der Satz „Bunt ist besser“ steht in vielen Farben auf einer Leinwand und ist in ein Muster aus bunten Strichen eingebettet. Ein Porträt zeigt einen Juden, der in Bergen-Belsen inhaftiert war, ein weiteres Gemälde einen Karren, auf dem nackte Leichen liegen, mit einem Hakenkreuz als glühende Sonne, und man sieht auf einem Bild Lastwagen, mit denen die Gefangenen befördert wurden. „Das Projekt hat sich sehr gelohnt, denn in den Köpfen der Jugendlichen hat sich viel bewegt. Und im zweiten Halbjahr 2018 wollen wir das Thema um den Aspekt Cybermobbing vertiefen, das ja eng mit Rassismus und Diskriminierung zusammenhängt“, sagt Adem Hacikerimoglu, „und die Gruppe hat auch den dringenden Wunsch geäußert, nochmals nach Bergen-Belsen zu fahren.“

Xhuljan aus Pakistan, einer der Huchtinger Projektteilnehmer, sagt, er habe viel über Rassismus gelernt und auch ein für alle Mal begriffen, wie schlecht Mobbing ist. Und die Jugendlichen erfuhren wohl auch, dass Rassismus nicht nur im Dunkel der Vergangenheit liegt, sondern auch im taghellen Licht der Gegenwart zu finden ist.

Weitere Informationen

Die Leinwandbilder, Texte und eine Collage der Jugendlichen sind bis Montag, 13. August, in der Stadtteilbibliothek Huchting zu sehen, die sich auf dem Dach des Roland-Centers im zweiten Obergeschoss befindet. Im Anschluss soll es eine Folgeausstellung dieses Projekts geben.

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