300.Geburtstag

Was die Kaffeerösterei Münchhausen mit dem Lügenbaron zu tun hat

Eine Briefmarke und eine Münze würdigen den 300. Geburtstag des „Lügenbarons“ Münchhausen. Fragt sich nur, was die Bremer Kaffeerösterei Münchhausen mit dem Mann zu tun hat.
10.05.2020, 18:40
Lesedauer: 3 Min
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Was die Kaffeerösterei Münchhausen mit dem Lügenbaron zu tun hat
Von Frank Hethey
Was die Kaffeerösterei Münchhausen mit dem Lügenbaron zu tun hat

Wirbt bis heute mit dem Ritt des Lügenbarons auf einer Kanonenkugel: Ilse Münchhausen-Prüße, Inhaberin der Kaffeerösterei Münchhausen.

Christina Kuhaupt

Der berühmte Baron von Münchhausen auf einer Kanonenkugel – diese Szene kennt jedes Kind. Zu finden ist die nicht völlig glaubwürdige Flugeinlage neuerdings auch auf einer Briefmarke und einer 20-Euro-Münze. Damit soll der 300. Geburtstag des redseligen und als Lügenbaron weltweit bekannt gewordenen Adelsmanns an diesem Montag gebührend gewürdigt werden.

Den tollkühnen Ritt auf der Kanonenkugel gibt es auch als Werbegrafik: Vor der Silhouette des Bremer Doms rauscht der uniformierte Adelsmann in luftiger Höhe über den Marktplatz. Die Bremer Kaffeerösterei Münchhausen nutzt dieses Motiv, um die eigenen Produkte zu vermarkten. Genauso wie das stilisierte Konterfei des Blaublüters. „Das ist nicht etwa mein Vater“, sagt Ilse Münchhausen-Prüße, die heutige Inhaberin der Traditionsrösterei.

Auf Champagner oder Eiernudeln zu finden

Nicht nur die Bremer Rösterei verwendet das betagte Geburtstagskind als Werbeträger. Posthum gibt der populäre Baron seinen Namen auch für Bouillon, Eiernudeln, Tennisschläger oder Champagner her, seine Heimatstadt Bodenwerder trägt seit 2013 den amtlichen Namenszusatz Münchhausenstadt. In Bremen drängte sich der Baron als Werbefigur geradezu auf. Immerhin gründete 1935 mit August Münchhausen ein Namensvetter die Rösterei, damals noch als Versandgeschäft für Kaffee und Tee. Doch ist die Bremer Familie mit dem realen „Lügenbaron“ aus dem Weserbergland auch verwandt? Das fehlende Adelsprädikat nährt eine gewisse Skepsis.

Ob es familiäre Bande gibt, ist kaum noch zu klären. „Das ist endgültig nicht erforscht“, sagt Ilse Münchhausen-Prüße. Eine direkte Abstammung lässt sich jedenfalls ausschließen, der Fabulierer hinterließ keine Nachkommen: Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen starb 1797 im Alter von 76 Jahren. Auch seine zweite Ehe mit seinem mehr als 50 Jahre jüngeren Patenkind blieb kinderlos.

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Dennoch liegt eine entfernte Verwandtschaft durchaus im Bereich des Möglichen. Auch ohne das Adelspräfix, das aus verschiedenen Gründen auf der Strecke geblieben sein kann. „Bei unehelichen Kindern wurde es schon mal gestrichen“, sagt Ilse Münchhausen-Prüße. Ein weiteres Indiz: die Herkunft des Firmengründers. „Mein Vater kam aus der Gegend von Bodenwerder.“ Mithin aus der Heimat des Barons im Weserbergland.

Für die Familie ihres Vaters hatte die Weser von jeher eine besondere Bedeutung. Da schwang Fernweh mit und der unbändige Drang, sein Glück zu suchen. „Bremen war immer das Ende der Weser, das große, leuchtende Tor zur weiten Welt.“ Tatsächlich schaffte es sein Großvater bis nach Amerika, beim kalifornischen Goldrausch von 1848 machte er ein Vermögen, als reicher Mann kehrte er nach Deutschland zurück. Sein Enkel fand schon in Bremen ein Auskommen. Als 18-Jähriger gelangte er 1928 in die Hansestadt und machte eine Lehre als Groß- und Außenhandelskaufmann. Bei der Kaffeerösterei Ronning verdiente sich August Münchhausen seinen Lohn. Und der war nicht schlecht. „Er hat genauso viel verdient wie sein Schwager als Bürgermeister von Duderstadt“, berichtet seine Tochter.

Großer Pazifist

Mit der Harmonie war es allerdings vorbei, als die Belegschaft den kollektiven Eintritt in die NSDAP anstrebte. „Das Parteispektakel war meinem Vater zuwider“, sagt Ilse Münchhausen-Prüße. Niemals habe er sich bevormunden lassen, immer seinen eigenen Kopf gehabt. „Bis zu seinem Lebensende hat er alles selbst entschieden.“ Auch als Soldat war der prinzipientreue Mann nicht zu gebrauchen, entnervt soll sein Vorgesetzter ihn aus Russland nach Hause geschickt haben. „Mein Vater war Pazifist durch und durch.“

Mag sein, dass auch seine katholische Prägung eine Rolle spielte. Jedenfalls trennte sich Münchhausen von Ronning und machte sich selbstständig. Erst eröffnete er ein eigenes Geschäft auf dem Teerhof, 1938 kaufte er ein langes, schmales Gebäude im Stephaniviertel, damals ein eher prekäres Umfeld.

Das junge Unternehmen konnte sich auf Anhieb behaupten, als Verkaufsschlager erwies sich die Festtagsmischung. Womöglich hat auch eine geschickte Vermarktung zum Erfolg beigetragen. Der Baron auf seiner Kanonenkugel gehörte schon damals zur Werbestrategie, auf alten Kaffeetüten fliegt er genauso flott am Bremer Dom vorbei wie auf aktuellen Dosen und Verpackungen. Sein Konterfei ziert bis heute sämtliche Produkte der Rösterei.

Freilich ist der Werbeclou mit dem Baron nicht auf dem Mist des Firmengründers gewachsen. Ihr Vater sei mit einem Werbegrafiker gut befreundet gewesen, sagt die 67-Jährige. „Der hat das Design gemacht.“ Den Langzeiterfolg seines Werks hat der Werbegrafiker nicht mehr erlebt – im Zweiten Weltkrieg ist er gefallen.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: August Münchhausen hatte nicht immer Freude an den Assoziationen, die sich mit seinem Namen verknüpfen. Als er in Kriegszeiten nicht mehr guten Bohnenkaffee anbieten konnte, sondern nur noch ein Ersatzprodukt, sprach die Kundschaft scherzhaft vom „Lügenkaffee“. Witzig habe er das nicht gefunden, sagt seine Tochter. „Weil er sich als ehrbarer Kaufmann verstanden hat und sich in der Nazi-Zeit ja gerade nicht verbogen hat.“

Als Werbefigur hat der Baron noch lange nicht ausgedient. „Das Konterfei kommt gut an, es bleibt in den Köpfen hängen“, versichert Ilse Münchhausen-Prüße. Kein Grund also, sich vom Lügenbaron zu verabschieden.

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