Isa Nolle geht in den Ruhestand Abschied von Volksbundchefin

Der Volksbund war ihr Leben - erst im Ehrenamt, später als Landesgeschäftsführerin. Isa Nolle ist in den Ruhestand gegangen, nun war ihre offizielle Verabschiedung.
08.03.2019, 19:34
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Pierre Fellmer

29 gerahmte Fotos im Querformat hängen an der Wand, von der Decke bis zum Fußboden. Sie alle zeigen das gleiche Motiv: Männer und Frauen in Militäruniformen und Trachten aus aller Welt – beim Finale der Musikschau der Nationen. Die Fotos sind mit Jahreszahlen beschriftet: 1989 bis 2017. Isa Nolle deutet auf das erste Foto der Serie, links oben an der Wand: „Die Musikschau gab es schon seit 1965, nur dieses Fotomotiv eben noch nicht.“ Der Blick wandert in die andere Ecke, auf das letzte Foto: „Und 2017 war dann Schluss.“ Die Musikschau aufzugeben sei die richtige Entscheidung gewesen – habe jedoch viel Herzschmerz verursacht. „Wir haben alle geweint, aber aufgehört haben wir mit einer großen Party“, sagt Nolle stolz.

Isa Nolle hat nicht nur die Musikschau der Nationen organisiert, sie war auch Landesgeschaftsführerin des Vereins Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Die 61-Jährige ist Ende dieser Woche in den Ruhestand gegangen. Sieben Jahre hatte sie den Posten, zuvor war sie 17 Jahre Jugendreferentin. Dem Verein verbunden ist sie aber schon ihr ganzes Leben: Ihr Vater war Siegfried Falke, er übernahm die Geschäftsführung des Volksbundes als Nolle ein Jahr alt war. „Ich habe meinen Vater schon sehr früh begleitet, so seine Arbeit kennengelernt.“ Ein paar Jahre später ist sie auf internationale Jugendbegegnungen mitgefahren und hat Menschen aus der ganzen Welt getroffen. „Die Teilnehmer waren alle so unterschiedlich, aber doch auch gleich.“ Es ist dieser internationale Charakter, der sie an ihrer Arbeit und an der Musikschau reizte.

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Lange Jahre war sie ehrenamtlich beim Volksbund. Ende 1994 wurde eine neue Jugendrefrentin gesucht. Ihre Freunde hatten sie gefragt, ob sie den Posten nicht übernehmen wolle. „Für mich kam das überraschend: Ich hab nie darüber nachgedacht, aus dem Ehrenamt meinen Beruf zu machen.“ Nach einigen schlaflosen Nächten sei ihr jedoch klar geworden, was alle anderen schon wussten – das sie die Richtige für den Beruf sei.

Landesverband lange familiär geführt

„Der Bremer Landesverband wurde lange Zeit sehr familiär geführt“, sagt Nolle. Den damaligen Geschäftsführer Rolf Reimers hatte sie schon bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit kennengelernt, ihn heiratete sie im Jahr 2000. „Es gab nie ein klare Trennung zwischen dem Privat- und dem Arbeitsleben, aber das war auch kein Problem.“ Die Arbeit sei intensiv gewesen, aber im guten Sinne. „Wir haben das gelebt.“

Im Jahr 2012 ging ihr Mann dann in den Ruhestand, Nolle übernahm. Sie organisierte die Musikschau zum ersten Mal selbst, strukturierte den Volksbund um. Dies sei notwendig gewesen: Viele der Spender hätten den Krieg noch selbst erlebt, diese Generation sterbe langsam. Neue Finanzierungsmöglichkeiten mussten her, der Schwerpunkt war nun die Erinnerungskultur, bildungspolitische Arbeit für Jugendliche. „Auch die Kriegsgräber haben ihre Funktion geändert: Früher wurde dort getrauert, heute wird erinnert.“

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Nolle ist gebürtige Bremerin, sie ist direkt und aufrichtig – was man über Nordlichter eben so erzählt. Sie ist überzeugt von der Arbeit des Volksbunds: „Ich wage zu behaupten“, sagt Nolle, „dass Jugendliche heute nicht mehr wissen, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist – und dass sie selbst aktiv werden müssen.“ Zuletzt war Nolle für ein Erinnerungsprojekt in Frankreich. Der Sportverein Bremen 1860 hat historische Unterlagen, in denen verzeichnet ist, welche Mitglieder im ersten Weltkrieg gefallen sind.

Volksbund hält die Erinnerung wach

Ein Praktikant untersuchte die Unterlagen und stellte fest, dass gefallene Soldaten auf einem vom Volksbund betreuten Friedhof in Frankreich lagen. Mit einer Delegation des Sportvereins und dem Praktikanten hat Nolle diesen dann besucht. Sie haben sich mit französischen Partnern getroffen und die Biografien der Toten angeschaut – auch die von französischen Soldaten. Viele Menschen seien dazugekommen, um sich zu informieren. „Wir haben die Erinnerung wachgehalten, das ist die Aufgabe des Volksbundes.“

Was macht Nolle nach ihrer Arbeit beim Volksbund? „Ich habe mir vorgenommen, bis zum Sommer nichts zu tun“, sagt Nolle. Damit meint sie, dass sie keine großen Projekte hat, die jetzt anstehen. „Ich bin schon immer gerne gereist, aber Wunschziele habe ich trotzdem nicht.“ Wie viele Länder sie schon besucht hat, kann sie nicht nicht genau sagen, es seien „30 aufwärts“. Sie hat viele Verwandte in ganz Deutschland, die sie besuchen will. „Und ich habe eine Dauerkarte“, sagt Nolle und grinst. Sie sei großer Werder-Fan. „Es ist eine Leidenschaft, mindestens.“

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Nolle ging am Donnerstag. Den Schlüssel zu ihrem Büro hat sie abgegeben, die Fotos von der Musikschau bleiben hängen. Zu ihrer eigenen Überraschung schmerzt sie der Abschied nicht. „Ich weiß, dass die Arbeit bei meinem Nachfolger Matthias Sobotta in guten Händen ist.“ 100 Jahre alt wird der Volksbund in diesem Jahr, es sei ganz passend, jetzt aufzuhören.

„Ich habe in den vielen intensiven Jahren meinen Teil beigetragen, jetzt ist es einfach Zeit für einen neuen Lebensabschnitt.“ Schon in den vergangenen Tagen war ihr Terminkalender leer, am Freitag feierte sie ihre offizielle Verabschiedung. Aber wie beim Abschied von der Musikschau ist ihr eine Sache wichtig: Sie will nicht in Wehmut gehen, sondern fröhlich zurückschauen: „Am Freitag machen wir Party.“

Info

Zur Sache

Die Kriegsgräberfürsorge

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge widmet sich im Auftrag der Bundesregierung der Aufgabe, die Gräber der deutschen Kriegstoten im Ausland zu erfassen, zu erhalten und zu pflegen. Der Volksbund wurde 1919 gegründet. Heute hat der Verein mehr als 310 000 aktive Förderer. Der Volksbund betreut mehr als 830 Kriegsgräberstätten in 46 Ländern. Dabei helfen mehr als 560 hauptamtliche und mehrere Tausend ehrenamtliche Mitarbeiter. Der Volksbund veranstaltete 1965 zum ersten Mal ein Militärkonzert, aus dem später die Musikschau der Nationen wurde. Sie diente zur Völkerverständigung und zur Finanzierung von Projekten.

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