19-Jährige beendet Tour Aktivistin im Kampf gegen Meeresmüll

Sie ist auf ihrer rund fünfwöchigen "Tour de Meeresmüll" ihrem Ziel ein großes Stück näher gekommen: Die BUND-Aktivistin Kea Hinsch will auf die Vermüllung aufmerksam machen.
11.07.2018, 17:41
Lesedauer: 4 Min
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Aktivistin im Kampf gegen Meeresmüll
Von Sigrid Schuer

Großer Bahnhof für Kea Hinsch unter der Teerhof-Brücke, trotz des lang ersehnten Landregens. Nach rund fünf Wochen, die sie auf ihrem betagten Fahrrad entlang der Nord- und Ostsee-Küste hinter sich gebracht hat, radelt sie nun unter dem allgemeinen Jubel von Aktivisten des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) wieder an der Weser entlang.

Die 19-Jährige kam als Bundesfreiwillige beim BUND Meeresschutzbüro auf die Idee, vom 2. Juni bis 10. Juli eine „Tour de Meeresmüll“ zu unternehmen. Ein Projekt, das nicht nur beim BUND Landesverband Bremen, sondern auch beim BUND Bundesvorsitzenden Hubert Weiger auf begeisterte Gegenliebe stieß. Nicht nur pittoresk als Meeresgott Neptun und Seejungfrau samt Plastiknetz verkleidete BUND-Aktivistinnen begrüßen Kea Hinsch mit Sekt und Seifenblasen und hängen ihr eine Muschelkette um. Auf einer Wäscheleine haben ihre Mitstreiter Plastikmüll befestigt, wie er überall an den Küsten zu finden ist.

Auch Hubert Weiger ist eigens aus Berlin angereist, um die gebürtige Bremerin, die in Weyhe lebt, in Empfang zu nehmen. Nicht von ungefähr, denn der Medien-Hype um die selbstbewusste Aktivistin ist nicht nur in Bremen gewaltig. Und so genießt die junge Frau mit den grün gefärbten Haaren dieses Interesse auch sichtlich. Denn damit ist sie ihrem Ziel ein großes Stück näher gekommen, die Menschen auf das Problem der Vermüllung der Meere aufmerksam zu machen. „Eine breitere, gesellschaftliche Debatte ist überfällig, denn dieses Riesen-Problem wird von Jahr zu Jahr größer. Und das Meer ist das Hauptopfer. Wir fordern von der Politik ein Verbot von Einweg-Verpackungen. Die Zeit der freiwilligen Appelle ist vorbei!“ betont Hubert Weiger.

Tiere halten Plastik oft für Nahrung

Rund 100 Müllsäcke mit zumeist kleinteiligem Plastik hat Kea Hinsch auf ihrer Tour gesammelt. „Das ist für die Tiere am schlimmsten, die diese bunten Plastikteile für Nahrung halten“, erläutert sie. Auf ihrer Tour hatte sie als Maskottchen den inzwischen durch Wind und Wetter leicht lädierten Eissturmvogel „Sturmi“ dabei. Neben den BUND-Informationsbroschüren war „Sturmi“ als Anschauungsobjekt besonders geeignet. Die Abiturientin hält ein Glasröhrchen mit kleinteiligem Plastik in die Höhe. Diese Menge, die im Magen eines Eissturmvogels gefunden wurde, ist für das Tier tödlich. Und nun hält sie ein mit Plastikmüll gefülltes Marmeladenglas empor und zieht einen Vergleich: „Dieses hier entspräche der Menge, die sich in einem menschlichen Magen befände“. Alle Anwesenden sind sich einig: Ganz schön gruselig.

„Am schlimmsten war die Vermüllung an den Stadtstränden von Hamburg“, erinnert sich Kea Hinsch. Dort habe sie neben einer riesigen Menge Zigarettenkippen ganze Einweggrills und natürlich Plastikbecher am Strand gefunden, die die Leute einfach achtlos liegen ließen. Von den 106 Milliarden Zigaretten, die die Deutschen jährlich rauchen, werden allein Zweidrittel der Kippen weggeworfen und die sind nicht abbaubar. „Der Strand ist der neue Aschenbecher“, hat die Aktivistin festgestellt. Kea Hinsch startete ihre Tour am 2. Juni beim Umweltfotofestival „Horizonte“ in Zingst, radelte dann weiter nach Rostock, Wismar, Lübeck, Kiel, Föhr, Hamburg, Stade, Cuxhaven und Bremerhaven, bevor sie am 10. Juli wieder in Bremen landete. Geschätzte 900 bis 1 000 Kilometer hat sie in den rund fünf Wochen zurückgelegt. So kam sie bei fast durchgehend strahlendem Sonnenschein auf rund 60 Kilometer pro Tag. Eine ganz schöne Strecke, so schwer wie das Rad mit Kleidung, Isomatte und einem Zelt beladen war. Das Beste an ihrer „Tour de Meeresmüll“ seien jedoch die Menschen gewesen: „An jeder Station wurde ich von einem Komitee in Empfang genommen. Übernachtet habe ich auf Campingplätzen und bei Mitgliedern des BUND“.

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Und das Interesse für ihr Ziel sei überall an den Stränden durchgehend groß gewesen. „Die Leute waren schockiert, was wir alles an den Stränden gefunden haben. Mir ist viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft entgegengebracht worden. Diese Tour hat mir viel Hoffnung auf das Gute im Menschen gegeben“, schwärmt sie. Einmal abgesehen von einigen, wenigen ignoranten Haltungen, die es natürlich auch gegeben habe: „Es wurde gesagt: Wir sind hier in Urlaub und möchten nicht die Welt retten. Das machen Sie mal schön“.

Verbot von Mikroplastik: Andere sind weiter

Ziel der Aktivistin ist es, die Menschen für die Plastik-Verpackungsmüll-Lawine zu sensibilisieren. Das gelang ihr, indem sie entlang der Nord- und Ostsee-Küste das Müllsammeln mit Kunstaktionen verband. „Diesen Müll in unserer Umwelt aufzusammeln ist zu meinem Alltag geworden“, betont sie. Als absurd empfindet es Kea Hinsch, dass unverpackte Lebensmittel mehr kosten als Lebensmittel, die unnötigerweise mit Plastik verpackt sind. „In meiner Generation ist das Bewusstsein, Plastikmüll zu vermeiden, sehr ausgeprägt“, fügt sie hinzu. Sie selbst benutzt Seife und Deo als Seifenblock. Statt Zahnpasta aus der Tube liegt bei ihr im Bad ein Zahnpasta-Lolly, der es genauso gut tut. Produkte, die es im Unverpackt-Laden „SelFair“ in Bremen gibt. Mit dem BUND-Bundesvorsitzenden Hubert Weiger ist sie sich einig, dass Mikroplastik-Kügelchen, die sich in Kosmetika befinden, auf den Index gehören, genauso wie die vom Online-Handel bevorzugten, plastiklastigen Verkaufskonzepte.

„Wenn der entsprechende Druck aus der Gesellschaft kommt, lässt sich vieles erreichen“, ist Kea Hinsch überzeugt. In puncto Verbot von Mikroplastik seien die benachbarten Schweden ganz weit vorne, strahlt sie und strahlt unter ihrem grüngefärbtem Haar. Bleibt als Petitesse anzumerken, dass diese Statement-Signalfarbe aus Chemiker-Sicht nicht nur für die Kopfhaut, sondern auch für die Umwelt schädlich ist. Die 19-Jährige plant jetzt erstmal, eine große Reise durch die Länder Skandinaviens und rund um die Ostsee zu unternehmen. Danach will sich Kea Hinsch ihren ökologischen Berufsplänen widmen. „Bunte Häuser wie Friedensreich Hundertwasser aus Lehm und Recycling-Materialien zu bauen, das wäre schön. Häuser, auf denen Bäume wachsen“, sagt sie und lächelt dabei.

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