Maskenpflicht, Beherbergungsverbot und mehr

Bremer Virologe beantwortet zentrale Fragen zur aktuellen Corona-Lage

Der Bremer Virologe Andreas Dotzauer beantwortet zehn Fragen zur aktuellen Corona-Lage in Bremen und der Region. Sie reichen von der Maskenpflicht bis Haltbarkeit des Virus auf Oberflächen.
14.10.2020, 06:07
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Virologe beantwortet zentrale Fragen zur aktuellen Corona-Lage
Von Silke Hellwig
Bremer Virologe beantwortet zentrale Fragen zur aktuellen Corona-Lage

Prof. Dr. Andreas Dotzauer meint, es sei ratsam auch unter freiem Himmel Mund und Nase zu bedecken, da das Virus bekanntlich bei geringen Temperaturen besser überlebt.

Christina Kuhaupt

Wie ist ein Beherbergungsverbot aus virologischer Sicht zu beurteilen?

Andreas Dotzauer: Ein Beherbergungsverbot hilft, dass sich das Virus nicht außerhalb von Risikogebieten noch weiter verbreitet und schlimmstenfalls weitere Risikogebiete nach sich zieht. Dabei geht es nicht darum, dass sich Touristen im Hotel anstecken oder das Virus dort verbreiten, sondern sie halten sich auch in anderen Räumen auf, in Restaurants, in Geschäften und Kneipen. Allerdings müsste das Verbot natürlich auch für Geschäftsreisende gelten, und auch Tagestouristen aus Risikogebieten können bei Begegnungen mit anderen Menschen das Virus verbreiten. Am besten wäre, dass die Bewohner eines Risikogebiets dieses Gebiet nicht verlassen. Das wäre konsequent und am hilfreichsten, scheint politisch aber nicht durchsetzbar.

Was halten Sie von einer Maskenpflicht unter freiem Himmel?

Ich halte Sie derzeit für angezeigt, überall da, wo sich sehr viele Menschen aufhalten und der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann. Das ist auf Wochenmärkten, im oder am Bahnhof oft der Fall. Die bisherigen Erkenntnisse zeigen, dass niedrige Temperaturen das Überleben des Virus begünstigen. Also ist es ratsam, nicht nur in geschlossenen Räumen, sondern auch unter freiem Himmel Mund und Nase konsequent zu bedecken.

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Meinen Sie, dass der Höchststand der Infizierten beispielsweise in Bremen erreicht ist?

Nein, das glaube ich nicht. Die derzeitigen Zahlen spiegeln die Lage von vor einigen Tagen wider. Es ist davon auszugehen, dass die Zahlen weiter steigen, zumal die Infizierten nicht umgehend informiert werden und die Nachverfolgung der Kontakte Lücken aufweist, wie es hier und da bereits eingeräumt wird. Ich glaube auch, dass es nach wie vor an der nötigen Konsequenz fehlt, die Auflagen um- und durchzusetzen.

Hätte man den sprunghaften Anstieg Ihrer Meinung nach vermeiden können?

Davon bin ich fest überzeugt. Ich verstehe den Druck, unter denen die Politiker stehen, aber die Lockerungen kamen teilweise zu früh und sie wurden zu schnell erweitert. Man hätte länger beobachten müssen, welche Folgen sie haben und ob sich die Menschen an die Auflagen gewöhnen oder anfangen, sie nicht mehr ernst zu nehmen. Man hätte früher wieder stärker dagegen angehen müssen, zu viel Zeit ist verstrichen. Das Virus war nie weg.

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Wie kommt es, dass man sich in einigen Städten und Orten – auch in Bremen – nicht recht erklären kann, wo sich die Menschen infiziert haben?

Zu dem diffusen Verbreitungsbild ist es unter anderem durch die Urlaubsreisen gekommen und in der Folge durch das Verhalten der Urlauber, die sich nicht an die Auflagen gehalten haben. Es reicht natürlich auch nicht, ein Hygienekonzept vorzulegen, es muss auch akkurat und zuverlässig umgesetzt werden. Die Corona-App wird ebenfalls nicht so genutzt, wie sie gedacht ist, Infizierte registrieren sich dort nicht als solche. Es ist sehr wichtig, dass alle mitmachen, um die Verbreitung einzudämmen. Offenbar sind die Personalkapazitäten in den Behörden auch nicht überall ausreichend. Auch das hätte nicht passieren dürfen.

Manche Behörden haben eingestanden, dass sie der Nachverfolgung der Kontakte nicht mehr nachkommen können. Was bedeutet das?

Das bedeutet, dass die Kontrolle über das Virus verloren geht und die Zahlen anschwellen werden. Man hätte die Kapazitäten in den Gesundheitsämtern früh deutlich ausweiten müssen. Aber man hat sich offenbar in einer falschen Sicherheit gewähnt, als die Zahlen sanken und eine Zeit lang niedrig blieben. Das rächt sich jetzt.

Es gibt Experten, die empfehlen, nicht panisch auf die Zahl der Infizierten zu schauen, sondern auf die der Schwerkranken und Toten. Was halten Sie davon?

Ich bin weiterhin der Ansicht, dass die Zahl der Infizierten und der Inzidenzwert eine sehr gute Richtschnur sind, die auf Veränderungen und Bedrohungen hinweist, aus denen sich Engpässe in der medizinischen Versorgung ergeben können. Wenn sich viele junge Menschen anstecken, bei denen die Krankheit mild verläuft, sagt das nicht, dass sich die Lage nicht ändern kann. Junge Menschen können Risikopatienten anstecken. Ein Besuch in einem Seniorenheim kann eine fatale Reaktion auslösen, mit vielen Notfallpatienten und Todesopfern. Das darf man nicht riskieren.

Was halten Sie von der Verkürzung der Quarantäne auf fünf Tage?

Davon halte ich nichts, denn das Virus verhält sich nicht nach Schema F. Niemand kann sagen, dass die Infektiosität nach fünf Tagen nicht mehr gegeben ist. Es handelt sich um einen Minimalwert. Die Inkubationszeit liegt zwischen vier und 14 Tagen. Je mehr Menschen sich infiziert haben, desto eher wird sich zeigen, dass fünf Tage nicht ausreichen. Es wäre riskant, die Quarantäne grundsätzlich derart stark zu verkürzen.

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Wie lange kann es dauern, den Inzidenzwert wieder so zu verringern, dass Bremen, Delmenhorst und der Landkreis Wesermarsch keine Risikogebiete mehr sind?

Dazu kann man keine Prognose abgeben. Es hängt von vielen Faktoren ab. Aber von heute auf morgen werden sich die Zahlen nicht gravierend ändern können. Wir müssen in Wochen denken, wenn nicht in Monaten. Zum einen müssen die strengeren Auflagen bei der Bevölkerung ankommen und greifen. Zum anderen müssen die Menschen sich daran halten und sie verinnerlichen. Dann wird der Anstieg flacher werden und irgendwann auch wieder sinken. Tatsache ist, dass mehr Infizierte mehr Menschen anstecken können. So setzt sich eine gewaltige Beschleunigung bei der Verbreitung des Virus in Gang.

Welche Konsequenzen muss es Ihrer Ansicht nach haben, dass sich das Virus offenbar nachweislich bis zu 28 Tage auf Oberflächen halten kann?

Auf jeden Fall zeigt es, dass die Desinfektion von Gegenständen, die durch viele Hände gehen, nicht vernachlässigt werden darf. Das hat meiner Beobachtung nach aber stark nachgelassen. Außerdem ist es weiterhin für jeden Einzelnen wichtig, sich die Hände regelmäßig zu waschen und die Finger aus dem Gesicht zu lassen. Es wäre wirklich schon viel gewonnen, wenn die üblichen Vorschriften konsequent eingehalten werden: Abstand halten, Hände gründlich waschen und Mund-Nasen-Schutz tragen.

Info

Zur Person

Andreas Dotzauer ist Virologe. Er leitet das Laboratorium für Virusforschung an der Universität Bremen und beschäftigt sich unter anderem mit der Aufklärung von Mechanismen bei der ­Entstehung von Viruserkrankungen.

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