Einsamkeit in der Kunst

Allein mit Pinsel und Farbkasten

Können nur in der Abgeschiedenheit Meisterwerke entstehen? An dieser Frage scheiden sich die Geister von Künstlern. Die Karikaturistin Miriam Wurster hat eigene Erfahrungen während eines Stipendiums gesammelt.
02.08.2019, 20:28
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Allein mit Pinsel und Farbkasten
Von Silke Hellwig
Allein mit Pinsel und Farbkasten

Die Illustratorin und Cartoonistin Miriam Wurster braucht einen Rückzugsort und Stille, um arbeiten und Ideen entwickeln zu können.

Frank Thomas Koch

Müssen Künstler einsam sein? Können nur in stiller Abgeschiedenheit wahre Meisterwerke entstehen? Daran scheiden sich die Meinungen von Schriftstellern, Malern, Komponisten, Bildhauern aus diversen Jahrhunderten. Vom Schriftsteller und Philosophen Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) ist beispielsweise hinterlassen: „Ich bin mit einer natürlichen Liebe zur Einsamkeit auf die Welt gekommen, eine Neigung, die in dem Masse nur zugenommen hat, als ich die Menschen besser kennenlernte.“

Als Karikaturistin ist Miriam Wurster Solistin. Es gebe Projekte mit anderen und Austausch, das sei wichtig, um auf andere Gedanken zu kommen. „Man denkt ja meist in seinen festen Bahnen und muss etwas dafür tun, um sie zu verlassen.“ Aber für die konzentrierte Arbeit brauche sie Raum für sich, sagt Miriam Wurster. „Dann muss ich eine Tür hinter mir zumachen, dann brauche ich räumliche Stille und werde auch nicht gerne gestört.“

Karikaturen leben von alltäglichen Beobachtungen

Vollkommene Einsamkeit dagegen sei ihrer Arbeit auf Dauer nicht zuträglich. Ihre Cartoons und Karikaturen greifen aktuelle Geschehnisse auf, leben von der Beobachtung alltäglicher Szenen und Konflikte. „Ich finde es interessanter, Politik in alltägliche Situationen zu übertragen, statt Politiker mit Knollennase zu zeichnen. Das ist mir zu trocken. Also muss ich solche Situationen sehen und erleben.“

Diese Karikatur zum Thema Einsamkeit stammt von Miriam Wurster.

Diese Karikatur zum Thema Einsamkeit stammt von Miriam Wurster.

Foto: Miriam Wurster

Vor allem im 18. Jahrhundert wird Einsamkeit unter Künstlern als positive Erfahrung gewertet, wenn nicht verherrlicht. Der SWR stellt in einer Sendung über „Einsamkeit im Wandel der Zeit“ fest: „Aufgrund stärkerer gesellschaftlicher Bezogenheit wird das fromme Alleinsein nun vielfach abgelehnt, Zurückgezogenheit mit dem Ziel persönlicher Vervollkommnung jedoch begrüßt. Dichter entfliehen der hektischen Welt, um ungestört große Werke schaffen zu können. Gemeinsam mit Philosophen veröffentlichen sie Wochenschriften wie ,Der Einsame', ,Der Einsiedler' oder ,Der Eremit' und treffen damit den Zeitgeist.“

Wie sich Einsamkeit anfühlt, der man nicht entfliehen kann, indem man die Wohnung verlässt, hat Miriam Wurster kürzlich erfahren: Sie war für mehrere Wochen Stipendiatin in einer „malerisch-puristischen Klause am Monte Risotto, fernab der Zivilisation“, schreibt sie in ihrem Blog. Den Monte Risotto gibt es natürlich nicht, den Aufenthalt in italienischer Abgeschiedenheit gab es schon.

Lesen Sie auch

Das sei eine besondere Erfahrung für sie gewesen, sagt Miriam Wurster. „Ich kannte den Ort schon. Er ist wunderschön gelegen, oberhalb des Lago Maggiore, in einem kleinen Dörfchen, das man nur unter großen Anstrengungen zu Fuß erreicht.“ Die Zeit dort habe sie auch als eine Art Testphase angesehen. Sie habe erfahren wollen, „inwieweit ich Einsamkeit aushalten und ausnutzen kann“. Sie habe die Atmosphäre in dem kleinen Ort geschätzt und die Zeit genossen, aber auch mit dem Alleinsein zu kämpfen gehabt. „Ich bin gerne alleine und brauche die Einsamkeit“, resümiert die Karikaturistin, „aber ich habe weniger Eremitinnen-Potenzial als ich dachte.“

Einsamkeit in der Kunst ist ein Mythos

Ihrer Meinung nach ist es ein Mythos, dass Kunst Einsamkeit braucht. Dabei spielten womöglich Vorstellungen vom Leben Vincent van Goghs eine Rolle, der sich 1888 nach Südfrankreich zurückgezogen und in Arles innerhalb von sechzehn Monaten 187 Gemälde geschaffen hatte. „Man muss einen Künstler nur isolieren und er malt wunderschöne, expressive Sonnenblumen – so einfach ist es nicht.“

Es gebe sicher Künstler, die Einsamkeit produktiv verarbeiten könnten, bei ihr selbst habe sie eher Beklemmungen ausgelöst, keinen Schaffensrausch. „Allerdings kann es gut sein, dass sie im Nachhinein positive Effekte hat, allein schon, weil man sein persönliches Umfeld, in das man zurückkehrt, neu sehen und schätzen lernt.“

Bevor Einsamkeit im 20. Jahrhundert auch als gesellschaftliches Problem angesehen wird, gilt sie im 19. Jahrhundert noch als Ausdruck von Freiheit des Individuums, so der SWR. Der Dichter Wilhelm Busch (1832-1908) preist sie auf eher schlichte Weise: „Wer einsam ist, der hat es gut, weil keiner da, der ihm was tut.“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+