Tin Men and the Telephone bei der Jazzahead

Musikalische Reise ins All

Klima-Krise, neuer Lebensraum im All, Greta Thunberg und Donald Trump: Die Amsterdamer Band Tin Men and the Telephone hat bei der Jazzahead eine Multimediashow mit vielen politischen Botschaften abgeliefert.
02.05.2021, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von York Schaefer
Musikalische Reise ins All

Elektronische Weltraumklänge mit Piano, Kontrabass und Schlagzeug: die Amsterdamer Band Tin Men and the ­Telephone.

Eric van Nieuwland

Wenn es ein Konzert gibt, dass exemplarisch für den Geist der diesjährigen, vorwiegend digitalen Jazzahead steht, dann die virtuelle Show von Tin Men and the Telephone, die per Zoom aus dem Amsterdamer Studio der Band als Livestream übertragen wurde.
Das Trio um den Pianisten Tony Roe, den Kontrabassisten Pat Cleaver und den Drummer Bobby Petrov experimentiert bereits seit seiner Gründung mit interaktiven Spiel- und Auftrittsformen. Schon beim „echten“ Konzert bei der Jazzahead 2014 durfte das Saalpublikum der Band über eine Smartphone-App stilistische Vorgaben übermitteln: bitte romantisch spielen, hektisch-nervös oder sogar psychedelisch angehaucht – die Mehrheit entscheidet. Amüsant auch, wie die Musiker damals mit einem auf der Bühnenleinwand gezeigten Tennismatch aus dem Fernsehen mit den entsprechenden Kommentaren, dem Rufen und Stöhnen sowie den Schlaggeräuschen interagierten.

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Auch dieses Mal ist das etwa 50-köpfige, vorwiegend junge und medial gewiefte Publikum mithilfe der extra entwickelten App „Tinmendo“ integraler Bestandteil der sehr unterhaltsamen Multimediashow. Die sollte man weniger nach streng musikalischen Kriterien bewerten, wobei Improvisation – als Essenz von Jazz-Musik generell - aufgrund der spontanen Vorgaben von außen hier natürlich schon sehr wichtig ist.
Die Tin Men nehmen ihr Publikum für dieses Konzert mit auf eine musikalische Reise ins All. Auf der Erde ist die Klimakrise eskaliert, für die Menschheit ist die Zeit gekommen, den Planeten zu verlassen. Eine neue extraterrestrische Heimat wurde bereits entdeckt, muss aber von den auserwählten „Space Travellern“ noch bewohnbar, vor allem wärmer, gemacht werden.
Als Hitzetreiber dienen zum Beispiel in Minutenschnelle vom Publikum über die Smartphone-App eingespeiste Melodien oder Beats, zu denen die Band improvisiert. Das klingt dann auch mal nach der verspulten Vertracktheit von elektronischen Musikern wie Aphex Twin oder dem frühen Jimi Tenor.

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Um den Treibhauseffekt auf dem neuen Planeten voranzutreiben und ihn auf diese Weise weiter zu erwärmen, sollen die Raumschiff-Reisenden Ideen einreichen. Diesmal in sprachlicher Form, was zu einigen amüsanten Vorschlägen führt: viel furzen zum Beispiel, Donald Trump zurück ins Amt bringen oder das Innere des Planeten nach außen kehren. Dazu passend folgt eine Improvisation der Tin Men zur berühmten Rede von Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg während des UN-Klimagipfels 2019 in Dauerschleife. Mit dramatischer instrumenteller Zuspitzung wird schließlich der endgültige Klimakollaps der unbewohnbaren Erde runtergezählt. Die Themenwahl der Niederländer zeigt einmal mehr, dass Jazz heute längst wieder eine politische Musik sein kann.
Auch wenn seherische Bands wie Tin Men and the Telephone aus innerer Überzeugung und nicht nur aus aktueller Notwendigkeit auf virtuelle Formate setzen, spielen auch sie am liebsten immer noch in einem Saal mit Publikum vor Ort. Ganz klassisch und auch nicht viel schädlicher fürs Klima.

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