Konzertkritik

Annett Louisan im Bremer Metropol-Theater

Vor 15 Jahren gelang Annett Louisan mit „Das Spiel“ der Durchbruch. Acht Alben hat sie seitdem veröffentlicht. Auf der Tour zu ihrem neuesten Werk „Kleine große Liebe“ machte sie auch in Bremen Halt.
14.11.2019, 13:23
Lesedauer: 3 Min
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Annett Louisan im Bremer Metropol-Theater
Von Alexandra Knief
Annett Louisan im Bremer Metropol-Theater

Wortgewandte Powerfrau: Sängerin Annett Louisan tourt mit ihrem Programm "Kleine große Liebe" durch Deutschland.

David Santilian

Als Annett Louisan zuletzt in Bremen auftrat, das war im März 2017, war sie hochschwanger, hatte, wie sie selbst sagte, ihren „kleinen Passagier“ mit dabei. Das sei damals ihre „erste proseccofreie Tour“ gewesen, verrät die Sängerin – eine kleine Anspielung auf einen ihrer bei den Fans wohl beliebtesten Songs, in dem sie humorvoll davon singt, was alles so passieren kann, wenn man versehentlich mal zu tief in die Sektflasche guckt („Himmel, Arsch, wieso bin ich gepierct / Und was soll dieses Schlangen-Tattoo?“).

Am Mittwoch war die Wahlhamburgerin wieder einmal in Bremen zu Gast, dieses Mal ohne ihren kleinen Passagier; ihre Tochter ist mittlerweile zweieinhalb Jahre alt. Dafür war ihre fünfköpfigen Band dabei – und in der zweiten Konzerthälfte auch ein Gläschen Perlwein. Zu Beginn des Abends gießt Louisan sich erst einmal eine Tasse Tee ein. „Dieser hier soll für geistige Klarheit sorgen“, verrät sie ihrem Publikum mit einem Schmunzeln, das dafür spricht, dass sie selbst nicht so richtig daran glaubt.

Zwischen Witz und Melancholie

Aber natürlich hat Louisan nicht nur eine Auswahl an Heiß- und Kaltgetränken dabei, sondern auch jede Menge Musik. Fast zweieinhalb Stunden lang singt sie sich im Metropol-Theater mal poppig, mal jazzig, mal swingig und mal mit modernem Chanson quer durch die mittlerweile 15 Jahre ihrer Musikkarriere. Fehlen darf natürlich auch nicht „Das Spiel“, der Song, mit dem Louisan 2004 der Durchbruch gelang. Acht Alben hat die 42-Jährige seitdem veröffentlicht, drei davon erreichten in Deutschland Gold-, drei Platinstatus. Der musikalische Schwerpunkt ihrer aktuellen Tour liegt auf ihrem in diesem Jahr erschienenen Doppelalbum „Kleine Große Liebe“, das – typisch Louisan – wie auch die Vorgängeralben genau die richtige Balance zwischen Witz und Melancholie findet.

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In „Zweites erstes Mal“ singt sie davon, wie Dinge, die einst aufregend und neu waren, irgendwann Alltag werden („Das Kribbeln im Bauch, wenn man wippt / Wenn man rückwärts in Schwimmbecken kippt / Ich will all die Premieren noch mal / Schenk mir ein zweites erstes Mal“). „Die schönsten Wege sind aus Holz“ ist eine Hommage an die Umwege, die das Leben bereithält („Weil’s immer kommt, wie’s kommen muss / Ist hin und her mir kein Verdruss / So mancher Kuss, so mancher Flirt / War vielleicht falsch, doch nie verkehrt“).

Stets selbstironisch

Die melancholisch-ernsten Momente des Konzerts bricht sie immer wieder mit humorvollen Nummern auf, zum Beispiel mit „24 Stunden“, in dem sie (inklusive eingebauter Opern-Arie) von der irrationalen Panik vor einem Date singt („Es gibt einiges zu tun / an manchen Stellen etwas mehr / Für Weight Watchers ist es viel zu spät“).

Louisan singt von Fehlern, die sie gemacht hat, vom Leiden, vom Lieben, vom Leben. Zwischendurch plaudert sie mit dem Publikum, erzählt Anekdoten aus ihrem Leben und ihrer Kindheit. An anderer Stelle besingt sie ein Thema, auf das sie im Alltag oft angesprochen werde. „Vielleicht ist es dem einen oder anderen heute auch schon aufgefallen: Ich bin klein“, sagt Louisan und startet zeitgleich den Song „Klein“, in dem sich die 1,52-Meter-Frau selbstironisch als „Albtraum jedes Anschnallgurts“ bezeichnet, aber auch mit einem Schulterzucken darauf reagiert, dass sie nun einmal kein Riese ist („Du nennst mich Bonsai / Erniedrige mich ruhig / Stehst du noch über allem / bin ich schon unten durch.“).

Wenn man Annett Louisan auf der Bühne betrachtet, hat man das Gefühl, als spiele sich exakt die Situation, die sie gerade besingt, erneut in ihrem Kopf ab. Als stünde die Person, die sie in ihren Texten gerade liebt oder verflucht, genau vor ihr. Gar nichts wirkt hier aufgesetzt, gar nichts wie eine inszenierte Show. Es gibt kaum eine deutschsprachige Musikerin, die so glaubwürdig ihr Innenleben in ihrer Musik verpackt wie Louisan. Egal, ob sie auf ihrem Debütalbum „Bohème“ in „Daddy“ die Beziehung zu ihrem Vater verarbeitet, Jahre später auf ihrem neuesten Album in „Meine Kleine“ von ihrer alleinerziehenden Mutter erzählt, oder ob sie – etwas weniger ernst – in „Eve“ von dieser einen Frau singt, die wohl jeder kennt. Dieser einen Frau, die man abgrundtief verachtet, weil sie keinerlei Fehler zu haben scheint und in ihrem Leben – ganz anders als im eigenen – alles nach Plan läuft.

Nah beim Publikum

Immer wieder macht Louisan kleine Ausflüge ins Publikum, winkt auf die Balkone, singt einzelne Fans an oder weist darauf hin, dass die zwei einsam dasitzenden Männer oben auf dem linken Balkon doch stark an Statler und Waldorf aus der Muppet-Show erinnern. „Ihr dürft gerne ein bisschen von oben runter schimpfen“, ruft sie den beiden noch zu. Gerade als sie beim Umherlaufen die Zeile „Ich schau mich nur um“ des Songs „Das Gefühl“ singt, kommt sie im stufigen Zuschauerraum kurz ins Stolpern, was sie trocken und sichtlich amüsiert mit einem „Vielleicht sollte ich mich besser wirklich mal umschauen“ kommentiert.

Zum Abschluss macht Louisan dann noch einen Abstecher in ihre persönlichen Kindheitserinnerungen, und zwar mit einem Cover von Richard Sandersons „Reality“, bekannt aus dem französischen 80er-Jahre-Film „La Boum“. Das Publikum steht mittlerweile, und sanft schunkelnd singen alle noch einmal im Chor. Ein kitschig-schöner Abschluss für einen ganz wunderbaren Konzertabend.

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