Lankenauer Höft

Arbeit und Leben auf Use Akschen

Zeitzeugen, Bilder und Musik: Eine neue Show im Golden City erzählt die Geschichte der früheren Bremer Großwerft AG Weser aus Sicht der Menschen, die dort arbeiteten.
17.07.2019, 17:41
Lesedauer: 4 Min
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Von Jakob Milzner

Manchmal erhalten sich in Straßennamen bruchstückhaft Geschichten, die vom früheren Charakter eines Ortes erzählen. Einen solchen Namen trägt die Use-Akschen-Straße, die unauffällig hinter der Waterfront Bremen auf dem Gelände der ehemaligen AG Weser verläuft.

„Use Akschen“ ist echt Bremer Schnack und bedeutet so viel wie „unsere Aktiengesellschaft“. So nannten die Arbeiter früher die AG Weser, wo sie riesige Stahlpötte mit einer Tragfähigkeit von bis zu 400.000 Tonnen zu Wasser ließen. Mehr als 100 Jahre prägte die Großwerft das Leben der Menschen in Gröpelingen und Umgebung.

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Der Kosename wirft ein erhellendes Licht auf den Arbeitsethos der Angestellten und ihre Verbundenheit mit der Werft. Denn die AG Weser war mehr als nur ein Arbeitgeber: Sie war gleichzeitig auch ein Identifikationsanker für die Schweißer, Schlosser und Takler, die hier gemeinsam an den größten Schiffen ihrer Zeit arbeiteten.

Mit ihrem Leben und Alltag setzt sich nun eine neue Show im Golden City am Lankenauer Höft auseinander. „Humoristische Stadtentwicklungsbegleitung“, nennt Frauke Wilhelm vom Golden City ihren Ansatz, die Bremer Geschichte anhand von Zeitzeugen, Fotos und musikalischen Einlagen unterhaltsam neu zu interpretieren. Für die AG-Weser-Show hat sie mit ihren Kollegen Nomena Struß und Egon Rammé alte Fotokisten gesichtet und mit früheren Werftarbeitern gesprochen. „Wir wollen die Arbeit aus der Sicht von den Leuten beschreiben, die sie gemacht haben.“

Spiegel der Deutschen Geschichte

Die AG Weser ging 1872 aus der Eisengießerei Waltjen & Leonhard hervor. Bremer Kaufleute hatten das Unternehmen aufgekauft, um am Aufschwung des weltweiten Schiffbaus teilzuhaben. Über ein Jahrhundert lang sollte das Schicksal der neuen Werft fortan die Hoch- und Tiefpunkte der deutschen Geschichte spiegeln.

Schon vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs wirkte die AG Weser an dem vom Kaiser verordneten Bau von Kriegsschiffen mit. Ab 1914 wurde die Werft zu einer der wichtigsten Stätten für die Produktion von U-Booten. Doch mit zunehmender Kriegsmüdigkeit begannen 1916 erste Streiks unter den Werftarbeitern. 1918 nahmen Arbeiter der AG Weser an der Novemberrevolution teil und leisteten ihren Anteil zum Sturz der deutschen Monarchie.

1922 war die AG Weser an der Bildung einer Tarnfirma beteiligt, mit der die Reichsmarine die Bestimmungen des Versailler Vertrages umgehen und weiterhin U-Boote produzieren wollte. Doch die Zeiten waren schwierig, und nachdem 1929 der Bau des Schnelldampfers TS Bremen abgeschlossen war, musste ein Großteil der Belegschaft entlassen werden. Ab 1930 ruhte über Jahre hinweg die Produktion. Erst unter den Nationalsozialisten füllten sich erneut die Bücher mit Aufträgen für die Kriegsmarine. Während des Zweiten Weltkriegs waren es wieder U-Boote, die in Serie vom Stapel liefen. Für deren Bau wurden in der Werft Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge zur Arbeit unter schlimmsten Bedingungen gezwungen.

Kaisen setzte sich ein

Nach Kriegsende sollte die AG Weser zunächst für immer verschwinden. Große Teile der Werft waren zerstört, viele Maschinen wurden demontiert und gingen als Reparationen an die Sowjetunion. Doch Bürgermeister Wilhelm Kaisen erreichte schließlich, dass die AG Weser ab 1951 wieder in den Schiffsbau einsteigen konnte.

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Ihre goldene Zeit erlebte die AG Weser von Mitte der 1950er- bis Ende der 1970er-Jahre, als im Zuge der Suezkrise mit dem Bau immer größerer Tanker begonnen wurde. Die zeitweilige Schließung des Suezkanals zwang damals die Reeder dazu, den afrikanischen Kontinent zu umschiffen. Zu diesem Zweck wurden die ersten Supertanker konstruiert – und die AG Weser war von Anfang an dabei. Weltbekannte Unternehmer wie der griechisch-argentinische Reeder Aristoteles Onassis sorgten mit Großaufträgen für Hochbetrieb auf dem Werftgelände. Gastarbeiter aus den Niederlanden, später aus Griechenland, Italien und der Türkei wurden angestellt, um den Bedarf an Arbeitskräften zu decken. 1973 führte die erste Ölkrise zu einem plötzlichen Abbrechen der lukrativen Aufträge. Die Auslastung der Werft sank rapide ab. Obwohl die AG Weser zu diesem Zeitpunkt eine der modernsten Werften Europas war, wurde sie 1983 schließlich geschlossen. Um die Bremer Werften ­finanziell zu unterstützen, hatte Bundeskanzler Helmut Kohl auf den Abbau von 2000 Arbeitsplätzen bestanden. Da das Land Bremen als Großaktionär an der konkurrierenden Werft Bremer Vulkan beteiligt war, wurde ­beschlossen, stattdessen die AG Weser zu schließen. Streiks und sogar eine Besetzung des Werftgeländes konnten daran nichts mehr ändern.

Ein Stück Arbeiterkultur

Im Bremer Westen löste die Schließung der Großwerft einen Strukturwandel aus, dessen Folgen bis heute an der hohen Arbeitslosenquote ablesbar sind. Mit der AG Weser schloss nicht einfach ein beliebiger Arbeitgeber seine Tore. Mit dem Niedergang der deutschen Großwerften verschwand ein Stück bundesdeutsche Industriekultur. Die Arbeit an den Schiffen war für die Arbeiter eine sinnstiftende Tätigkeit, mit Stolz führten sie ihre Aufgaben aus. „Alle waren daran beteiligt und haben gesehen: Das Ding ist fertig. Wir haben wieder einen abgeliefert“, beschreibt Frauke Wilhelm das Ethos der Werftarbeiter. Bei ihren Recherchen für die „AG Weser“-Show hat sie von ehemaligen Beschäftigten viele Geschichten und faszinierende Details erfahren, die Einblicke in Mentalität und Alltag der Arbeiter geben. Etwa der Stapellauf der riesigen Schiffe, die auf einem mit Fett beschmierten Schlitten in das Hafenbecken glitten, das Fett qualmend in der Reibungshitze von vielen tausend Tonnen Stahl. Einmal passierte das so schnell, dass die Dame, die das Schiff taufen sollte, ihren Einsatz verpasste: „Und dann sabbelt sie und sabbelt sie und dreht sich um und da war der Dampfer schon weg. Und sie hatte noch nicht die Flasche geschmissen. Und dann ist das Schiff irgendwann im Kanal untergegangen und das war dann ein böses Omen“, erzählt Wilhelm. Ob Werftarbeiter zu Aberglauben neigten? „Zumindest denken die über Zusammenhänge nach. Anders vielleicht“, sagt Wilhelm.

Gerne hätte sie für ihre Recherche auch mit auf der Werft angestellten Frauen gesprochen. Als Kranführerinnen, Schweißerinnen und Maschinenbauerinnen arbeiteten sie bei der AG Weser. „Ausnahmsweise, aber es gab sie“, sagt Wilhelm. Zeitzeuginnen können sich gerne bei ihr melden.

Weitere Informationen

Die „AG Weser“-Show hat am Sonnabend,
20. Juli, um 19 Uhr im Golden City am Lankenauer Höft Premiere. Der Eintritt kostet zehn Euro, mit Ermäßigung acht. Alle Informationen zum Programm und zur Anfahrt sind auf der Website www.goldencity-bremen.de zu finden.

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