Nicht nur aus finanziellen Gründen

Mehr Bremer arbeiten im Alter

Mehr als 10.000 Rentnerinnen und Rentner arbeiten in Bremen. Experten haben verschiedene Vermutungen, warum das so ist – finanzielle Gründe spielen nicht immer eine Rolle.
24.10.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Mehr Bremer arbeiten im Alter
Von Stefan Lakeband

Die Zahl der Bremerinnen und Bremer, die das Rentenalter erreicht haben und trotzdem noch arbeiten, steigt weiter. Im Juni 2019 waren es im Land Bremen mehr als 11 300 Menschen. Das geht aus einer Auswertung der Agentur für Arbeit hervor. 2010 hatte dieser Wert bei 8700 gelegen.

Bremen als kleinstes Bundesland ist damit keine Ausnahme. Auch bundesweit zeigt sich dieser Trend. Laut Bundesagentur für Arbeit waren vergangenes Jahr rund 1,29 Millionen Menschen, die die Regelaltersgrenze erreicht hatten, weiter erwerbstätig. Das waren etwa 400.000 oder 45 Prozent mehr als 2010. Im Vergleich zu 2005 waren es 547.000 oder 73 Prozent mehr Rentner. Diese Zahlen gehen auf eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der AfD zurück.

Gesicherte Erkenntnisse, warum Menschen im Rentenalter arbeiten, gibt es nicht. Die Bundesregierung verweist auf eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung aus dem Jahr 2017. Sie zeigt, dass Rentner vor allem aus „immaterielle Aspekten“ weiterarbeiten – und weniger, weil sie das Geld benötigen.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch Simone Scherger, Professorin für Soziologie an der Uni Bremen. Auch sie hat vor einigen Jahren zur „Erwerbstätigkeit jenseits der Rentengrenze“ geforscht und ist dabei auf eine große Gruppe von Menschen im Rentenalter gestoßen, die aus nicht-finanziellen Gründen weiterarbeitet. „Für manche geht es um soziale Kontakte, den Spaß an der Arbeit oder eine Struktur für den Alltag“, sagt die Wissenschaftlerin.

Gesellschaftliche Anerkennung

Ein möglicher Grund, warum die Zahlen seit Jahren steigen: „Die Menschen sind im Mittel gesünder als früher", so Scherger. Daher sei es für einen größeren Teil möglich, auch nach dem Eintritt ins Rentenalter noch zu arbeiten. Zudem erfülle eine Beschäftigung einen weiteren Zweck. „Gesellschaftliche Integration läuft oft über Erwerbsarbeit“, sagt Scherger. Gerade Männer zögen eine Art gesellschaftlicher Anerkennung daraus. Ein weiteres Ergebnis ihrer Untersuchungen sei, dass nur die wenigsten nach dem Erreichen des Rentenalters bei ihrem alten Arbeitgeber blieben. Viele würden eine neue Stelle annehmen, häufig Minijobs, etwa als Aushilfe im Supermarkt, als Wächter im Museum oder bei einem Sicherheitsdienst.

Auch die Arbeitnehmerkammer nimmt eine Aufteilung wahr – in die Gruppe, die arbeiten will und die, die arbeiten muss. „Wer trotz Rente freiwillig und gerne weiterarbeiten will, soll auch die Möglichkeit dazu haben. Wir dürfen aber nicht hinnehmen, dass viele Menschen trotz jahrelanger Arbeit aus finanzieller Not weiterarbeiten müssen, um überhaupt über die Runden zu kommen“, sagt Ingo Schierenbeck, Hauptgeschäftsführer. Die Einrichtung setze sich deshalb für ein starkes öffentliches Rentensystem ein, das einen erheblichen Teil des vorherigen Lohns ersetzt und eine auskömmliche Rente bietet.

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In der Tat sind in Bremen etliche Rentnerinnen und Rentner von Altersarmut betroffen. Das geht aus dem Rentenreport hervor, den der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Anfang des Jahres vorgestellt hatte. Er zeige einen „dringenden Handlungsbedarf" auf, sagt Annette Düring, Bremer DGB-Vorsitzende, bei der Präsentation im Januar.

Schon jetzt erhielten viele Rentnerinnen und Rentner in Bremen und Bremerhaven Renten, die für sie Armut bedeuten. Besonders gravierend sei der große Unterschied zwischen den Geschlechtern. Laut Report bekamen Männer, die 2018 in Renten gingen, im Schnitt 1066 Euro Rente, Frauen kamen auf durchschnittlich 728 Euro – also rund 32 Prozent weniger.

Hohe Armutsgefährdung in Bremen

Diese Daten spiegeln auch die hohe Armutsgefährdung in Bremen wider. Drei Viertel der Rentnerinnen und 47 Prozent der Rentner, die 2018 erstmals eine Rente erhielten, bekamen Renten unterhalb der Armutsgefährungsschwelle von 1035 Euro. Frauen sind demnach besonders von Altersarmut betroffen. 20 Prozent der Neurentnerinnen erhalten Renten unter 300 Euro.

Auch Scherger von der Uni Bremen ist in ihrer Forschung auf Menschen gestoßen, die finanzielle Gründe zur Arbeit im Alter bewegen. „Dabei gab es eine Gruppe, die in der Rente zwar nicht unter die Armutsgrenze gefallen wäre, aber deutlich Einbußen gehabt hätte“, sagt sie. Diejenigen, die das Geld zur Armutsvermeidung gebraucht hätten, seien vergleichsweise wenige gewesen.

Für die Professorin könnte das mit einer anderen Umstand zusammenhängen: Häufig hätten solide bis gut qualifizierte Menschen besser bezahlte Stellen und seien überhaupt noch in der Lage, im hohen Alter zu arbeiten. Wer hingegen wirklich arm sei, der könne im Rentenalter oft nicht mehr arbeiten.

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