Auf die Straße gesetzt

Aus für Senioren-Talkshow in der „Wohnküche“

Jens Schmidtmann, ummtriebiger Moderator der Senioren-Talkshow, wittert Diskriminierung von Senioren, Bastian Oliver Gené, Betreiber der „Wohnküche“ pocht auf mehr Umsatz. Ein Streitfall.
17.04.2019, 17:25
Lesedauer: 3 Min
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Aus für Senioren-Talkshow in der „Wohnküche“
Von Sigrid Schuer
Aus für Senioren-Talkshow in der „Wohnküche“

Jens Schmidtmann (Foto) moderiert seit annähernd 30 Jahren die Seniorentalkshow. Auf seinem Sofa saßen schon Bürgermeister, Schauspieler und Showmaster.

Christina Kuhaupt

Die 736. Seniorentalkshow sollte es am 11. April im Restaurant „Wohnküche“ an der Weser werden. Doch daraus wurde nichts. Jens Schmidtmann, der das bei Seniorinnen und Senioren so beliebte Format seit fast 30 Jahren moderiert, ist enttäuscht von dem rüden Ton, mit dem der mittlerweile zweite ­Betreiber des inzwischen mehrmals umgebauten ehemaligen „Weser-Hauses“, Bastian Oliver Gené, auf die letzte Veranstaltung dort rea­giert habe. Er wolle weder Schmidtmann noch seine Seniorentalkshow mehr im Haus haben, soll Gené gesagt und hinzugefügt ­haben: Jens Schmidtmann könne ja künftig selbst Kaffee und Kuchen servieren und auch kassieren.

Der Gastronom betont, dass er das selbstredend nicht gesagt habe: „Natürlich kann Herr Schmidtmann hier gern seine Seniorentalkshow weiter machen, Voraussetzung ist allerdings, dass von jedem seiner Gäste auch etwas verzehrt wird.“ Das sei in der Vergangenheit nicht immer so gewesen. „Wir haben das Format ihm zu Liebe in der ‚Wohnküche’ weiter laufen lassen, aber klar für mich als Gastronom ist auch, dass aus kaufmännischer Sicht die Kosten-Nutzen-Rechnung schon stimmen muss.“

Gastronom beklagt zu wenig Umsatz

So gehe es nicht an, nachmittags Platz in der „Wohnküche“ zu blockieren, wenn abends eine Familienfeier oder eine Sendung von Radio Bremen anstünde. Die ­Seniorentalkshow sei so für ihn immer mehr zu einer unternehmerischen Belastung geworden, sagt der Gastronom. Zudem sei die Rechnungslegung ­zwischen den einzelnen Gästen doch ziemlich kompliziert gewesen. „Und das alles für manchmal 20 Euro Umsatz“, sagt Wirt Oliver Gené.

Der Service durch die jungen Kräfte habe mehr und mehr zu wünschen übrig gelassen, kontert Schmidtmann. Es könne ja wohl nicht angehen, dass immer wieder irgend etwas vergessen und mehrmals nachgefragt werde. „Im Schnitt hatten wird dort immer zwischen 25 und 30 Gäste. Nur Anfang März waren es lediglich fünf“, erzählt der Moderator. Allerdings hatte Schmidtmann bereits 2007 im Gespräch mit einer anderen Zeitung eingeräumt, dass das Faulenquartier kein einfaches Pflaster wäre. Damals talkte er noch in der Jugendherberge. Auch der damalige Jugendherbergsleiter Jürgen Koopmann beteuerte, dass es sich keinesfalls um Senioren-Diskriminierung handele, wenn er die Talkshow in den gut ­gebuchten Sommermonaten hinauskomplimentiere.

Die wenigsten Besucher in der Stadtmitte

Vor acht Jahren wurde dann doch im Faulenquartier die Kooperation per Handschlag zwischen Radio Bremen, dessen Kantine die „Wohnküche“ heute noch ist, vereinbart. Im Beisein von Pressesprecher Michael Glöckner. Dass nun damit Schluss ist, macht den 64-Jährigen, der oft auch von dem berühmten Loriot-Sofa aus moderierte, traurig und auch ein bisschen wütend. „Ich empfinde das als diskriminierend älteren Menschen gegenüber“, sagt Schmidtmann. Das weist Bastian Oliver Gené nun weit von sich. Seinem Publikum bleibt jetzt nur noch übrig, ins Restaurant ­Geerdes auf dem Gelände des Sendesaales Bremen auszuweichen. Bislang hat er drei Seniorentalkshows pro Monat moderiert. Eine in der Strandlust Vegesack, eine im Geerdes und bisher eine weitere in der „Wohnküche“. „Das Geerdes ist immer wieder voll besetzt, wenn wir dort die Seniorentalkshow veranstalten. Erst im Februar, als Rudolf Hickel unter den Talkgästen gewesen ist, mussten wir rund 20 Interessierte wieder nach Hause schicken“, erzählt Schmidtmann, der von Rolf Specht, dem Hausherrn des Geerdes und des Sendesaals Bremen, seit mittlerweile acht Jahren dort immer gern gesehen ist. Das Geerdes ist übrigens nach dem ersten Intendanten von Radio Bremen benannt. Wenn jetzt in der Innenstadt ein Talkformat wegfällt, sieht Jens Schmidtmann die 1000. Show, die er bisher zielstrebig angepeilt hatte, in Gefahr.

Seniorentalkshow läuft seit 1988

Von Haus aus ist der so umtriebige wie eloquente Moderator eigentlich Schauspieler, das Format Seniorentalkshow hatte er 1988 eigentlich nur ins Leben gerufen, um eine vorübergehende Auftragsflaute zu überbrücken. Der große Erfolg ließ Friedrich Rebers, den damaligen Vorstandschef der Sparkasse, hellhörig werden, er holte Schmidtmanns Talk vom Deutschen Haus, zu dem seinerzeit rund 120 Gäste gekommen waren, in die Sparkasse am Brill und sicherte ihm einen Sponsorenvertrag über fünf Jahre zu. In der Sparkasse waren es dann schon doppelt und dreifach so viele Gäste, die zuweilen die Schalterhalle blockiert hätten, um sich ja rechtzeitig genug die besten Plätze zu reservieren.

Andere Sponsoren wie Kraft Jacobs Suchard und Beck’s sollten folgen. Denn Schmidtmann konnte immer wieder mit attraktiven Gästen wie Showmaster Rudi Carrell und Schauspieler Hellmut Lange, aber später auch mit Bürgermeister Jens Böhrnsen aufwarten. Drei besonders treue Stammgäste lassen indes kaum eine Talkshow aus: Zwei von ihnen sind inzwischen 94 und 97 Jahre alt und nach 30 Jahren immer noch dabei, erzählt Schmidtmann.

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