Skepsis bei Tierschutz und Verbänden

Eine Stunde Gassi soll Pflicht werden

Eine neue Verordnung soll auf Bundesebene regeln, wie viel Auslauf ein Hund mindestens pro Tag haben muss. Das ist im Prinzip zu begrüßen, sagen Hundeverbände und Tierschutz. Es gebe aber wichtigere Aufgaben.
19.08.2020, 05:00
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Eine Stunde Gassi soll Pflicht werden
Von Ralf Michel
Eine Stunde Gassi soll Pflicht werden

Mindestens zweimal am Tag Auslauf und mindestens eine Stunde? In Reihen der Vierbeiner dürfte das Vorhaben der Bundesministerin gut ankommen.

Daniel Naupold/dpa

Dass Hundehalter mit ihrem Vierbeiner Gassi gehen, klingt wie eine Selbstverständlichkeit. Julia Klöckner (CDU), Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, geht trotzdem auf Nummer sicher: Mindestens zweimal am Tag müssen Hundehalter ihren Tieren künftig Auslauf gewähren, für insgesamt mindestens eine Stunde. So steht es im Entwurf zur Änderung der Tierschutz-Hundeverordnung, die 2021 in Kraft treten soll. Die Ministerin will auf diese Weise sicherstellen, „dass Hunden ein ausreichendes Maß an Bewegung und Kontakt mit Umweltreizen geboten wird“, heißt es seitens der Behörde. Tierschutz und Hundeverbände in Bremen reagieren eher skeptisch auf diesen Vorstoß. Allgemeiner Tenor: „Grundsätzlich in Ordnung, aber ...“

Manche Hunde mit einer Stunde Auslauf unterfordert

Natürlich begrüße man so eine Regelung, sagt Gaby Schwab, Pressesprecherin des Bremer Tierschutzvereins. „Hunde brauchen Bewegung im Freien und sozialen Kontakt.“ Doch aus Sicht des Tierschutzes gebe es weitaus wichtigere Aspekte, die in der neuen Verordnung jedoch komplett fehlten. Eine bundesweit geltende Pflicht zur Kennzeichnung und Registrierung von Hunden zum Beispiel. Im Übrigen seien manche Hunderassen mit der verpflichtenden Stunde Auslauf völlig unterfordert.

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Ein Aspekt, den auch Heiko Anton hervorhebt, 1. Vorstand des Internationalen Hundeverbandes. Dem Bedarf von Jagd- oder Schlittenhunden zum Beispiel würde eine Stunde Auslauf in keiner Weise gerecht. Den Grundgedanken der neuen Verordnung könne er zwar nachvollziehen. „Es ist sicher richtig, die Hundehalter daran zu erinnern, dass sie Verantwortung für ein Lebewesen übernommen haben.“ Trotzdem sei das Gesetz unausgegoren und laufe wie so oft auf eine Überregulierung hinaus. „Denn eigentlich ist das doch schon über das Tierschutzgesetz und die darin aufgeführte Pflicht zur artgerechten Haltung vorgeschrieben.“

Hinzu käme, „dass das doch rechtlich überhaupt nicht durchsetzbar ist“, sagt Heiko Anton. „Da müsste man ja vor jeden Hundehaushalt einen Beamten postieren.“

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Was ganz sicher nicht geschehen wird, sagt Lukas Fuhrmann, Pressesprecher von Bremens Gesundheitssenatorin, in deren Zuständigkeit dieses Thema fällt. „Der Vollzug liegt, wie im Föderalismus festgelegt, bei den Bundesländern“, heißt es seitens des Bundesministeriums. In Bremen wäre somit das Veterinäramt zuständig. Dies werde seiner Kontrollpflicht im Rahmen der üblichen Vorgehensweise nachkommen, wenn es ums Tierwohl gehe, erläutert Fuhrmann. Soll heißen: Nur, wenn jemand Anzeige erstattet. Grundsätzlich begrüße man aber den Vorstoß der Bundesministerin, sagt der Behördensprecher. Er konkretisiere die bisherigen Regelungen und weise in mehreren Bereichen notwendige Anpassungen und Verbesserungen auf.

Auch Entsorgung von „Hinterlassenschaften“ ist wichtig

Sylvia Düfer von der Landesgeschäftsstelle Niedersachsen/Bremen des Internationalen Hundeverbandes, sieht das deutlich kritischer. Es gebe eine Reihe von Aspekten, um die sich vorrangig gekümmert werden sollte, findet die Hauptzuchtwartin. Angefangen von der Chipkontrolle durch die Behörden, über die Gewährleistung der sachgerechten Entsorgung der „Hinterlassenschaften“ von Hunden, bis hin zur Forderung, „dass das Veterinäramt überhaupt mal hintergeht, wenn ein Verstoß gemeldet wird“.

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Grundsätzlich sei die neue Verordnung zu begrüßen, gehe aber in zahlreichen wichtigen Punkten nicht weit genug, sagt Stefan Damer, Vorsitzender des Landesverbandes Weser/Ems des Verbandes für das Deutsche Hundewesen. Auch er nennt an erster Stelle die Kennzeichnungspflicht, vermisst außerdem auch deutlichere Vorgaben für die Hundezucht. Und ihm sind viele Formulierungen in der neuen Verordnung zu schwammig.

Dies gelte auch für die Auslaufpflicht. „Was versteht man denn unter Gassi gehen?“ Damers Fazit zu dem Entwurf aus dem Hause Klöckner: „Ein guter Ansatz, schön, dass sie das angeht. Aber sie macht es wieder nicht vernünftig.“

Info

Zur Sache

Tierschutz-Hundeverordnung

Die vorgeschriebene Pflicht zu mindestens einer Stunde Auslauf am Tag ist nur ein Punkt in der geplanten Änderung der Tierschutz-Hundeverordnung. Zugleich enthält der Entwurf aus dem Hause der Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft auch verschärfte Anforderungen an die Hundezucht sowie Änderungen bei der Tierschutztransportverordnung. Auch Regelungen für Herdenschutzhunde sind vorgesehen, sagt Behördensprecherin Silke Brandt. Ebenso ein Ausstellungsverbot für Hunde, die sogenannte Qualzuchtmerkmale aufweisen, und das grundsätzliche Verbot der Anbindehaltung bei „Kettenhunden“.

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