Ausschuss gerät zum Brainstorming

Kritik am Besucherlimit für Museen in Bremen

Die Ausschuss-Sitzung für Öffentliches Leben, Handel und Gewerbe des Beirates Mitte geriet zu einem Brainstorming. Verschiedene Akteure legten die Situation der Innenstadt während der Corona-Pandemie dar.
14.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Kritik am Besucherlimit für Museen in Bremen
Von Sigrid Schuer
Kritik am Besucherlimit für Museen in Bremen

Die Museen Böttcherstraße können derzeit nur 25 Besucher einlassen.

freiraumfotografie Bremen

Dass in der Krise durchaus auch eine Chance liegen könne, dieses Credo war zu Beginn der Corona-Pandemie des Öfteren zu hören. Doch diese Stimmen sind mit der weiter fortschreitenden Corona-Müdigkeit leiser geworden. Letzte Woche wurde diese Zuversicht im Rahmen des Fachausschusses für Öffentliches Leben, Handel und Gewerbe des Beirates Mitte von Karin Take, Projektleiterin bei der Wirtschaftsförderung Bremen, wieder belebt. Ins Lagerhaus waren außerdem Karsten Nowak, Handelskammer-Experte für den Einzelhandel, Carolin Reuther von der Cityinitiative und Dirk Kühling, Abteilungsleiter im Wirtschaftsressort gekommen. Die zogen zunächst eine Corona-Bilanz mit Zahlen, die größtenteils schon bekannt waren. Laut Kühling werden 50 000 Insolvenzen im Einzelhandel und 70 000 in der Gastronomie erwartet. Bei bereits vorhandenen Problemen habe Corona wie ein Brandbeschleuniger gewirkt. Und jetzt ginge die Angst vor einem harten Winter um, so Reuther.

Bonjour Corona-Tristesse also in der Innenstadt? Für die immer zahlreicher werdenden Leerstände in der City, die bereits im zweistelligen Bereich liegen, sieht die in der Immobilienszene gut vernetzte Take einen Silberstreif am Horizont. Ihr lägen schon jetzt elf Anfragen von Mietinteressenten vor, betonte sie in der Sitzung. Die war dazu anberaumt worden, damit sich die Mitglieder des Beirates Mitte ein aktuelles Bild von der Innenstadt-Entwicklung seit dem Ausbruch der Pandemie machen konnten. Nun gilt es also etwas Gescheites und Kreatives anzufangen mit dem vom Senat bewilligten 13 Millionen-Euro-Paket zur (Wieder)-Belebung der Innenstadt. Damit liege Bremen bundesweit ganz weit vorne, so Kühling. Das wird aber auch bedeuten: nicht bloß neuen Wein in alten Schläuchen zu servieren. Das weiß auch Karin Take. Sie setzt beispielsweise auf die Installierung von Pop-up-Stores, um der um sich greifenden Verödung etwas entgegenzusetzen. Klar sei aber auch, dass hochpreisige Mietverträge über zehn Jahre hinweg in der gegenwärtigen Situation nicht mehr realisierbar seien. Die Miete habe sich inzwischen halbiert, so Kühling.

Für neue, kreative Aktivitäten

Es gilt also, neue, kreative Aktivitäten zu entwickeln. Davon ist auch Hellena Harttung, Leiterin des Ortsamtes Mitte/Östliche Vorstadt, überzeugt. Ihr geht es zum einen um eine kreative, neue Nutzung solcher verborgener Juwelen wie des Theaterberges am Wall. Welches Potenzial der hat, zeigte im Sommer etwa die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen mit ihrer Open-Air-Konzertreihe. Der Theaterberg mit seinen terrassenförmig angelegten Sitz-Bänken gehört sicherlich zu den schönsten Plätzen Bremens. Die Ortsamtsleiterin brachte aber auch die Aktivierung sogenannter C-Lagen ins Spiel. So habe sie mit einer Zahl von Mitstreitern im Sommer einen Förderantrag zur Belebung der Straße geschrieben, die hinter der Arbeitnehmerkammer zur Bischofsnadel entlangführt und einen Platz birgt, der bislang ungenutzt ist. Die Idee, neue Stadträume zu erschließen, stößt bei Dirk Kühling jedenfalls auf offene Ohren. So geriet die Ausschusssitzung teilweise zum Brainstorming.

Und noch einen kleinen Silberstreif habe es in Folge der Corona-Pandemie gegeben: Sowohl Einzelhandel als auch Handelskammer und Wirtschaftsressort konnten beobachten, dass Touristen nach Bremen kamen, die anders und viel zielgerichteter eingekauft als die „normalen“ Bustouristen und zudem ein individuell viel ausgeprägteres Interesse an der Hansestadt gezeigt hätten. Auch Solidaritätskäufe habe es verstärkt gegeben. Allerdings waren auch gravierende Einschnitte zu verzeichnen: Noch im Juni 2019 kamen 200.000 Touristen nach Bremen, ein Jahr später waren es gerade einmal 85.000. Erschwerend hinzu käme das fehlende Messe-Geschehen und die Dienstreisen, die größtenteils von den Unternehmen noch immer verboten seien, analysierte Karsten Nowak. Die Änderung in puncto Tourismus konnte auch Susanne Gerlach, Geschäftsführerin der Böttcherstraße GmbH bestätigen.

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Dennoch ist sie mit der aktuellen Situation alles andere als glücklich. „Die Böttcherstraße verfügt ja schon über den Mix, den die Innenstadt gerne auch hätte, allerdings kleinteiliger“, sagte sie. Und genau darin liege das Problem. In die beiden Läden, am Eingang der historischen Straße, die der Böttcherstraße GmbH gehören, dürften jeweils nur zwei Kunden gleichzeitig eintreten. Und das sei für den Laden mit Bremen-Souvenirs wie für den mit ausgesuchten Einrichtungsgegenständen und Geschenken nun einmal viel zu wenig. Noch dramatischer sieht es ihrer Meinung nach im Kino Atlantis aus, das weiterhin geschlossen ist. „Bei zwölf Besuchern von früher 90 pro Vorstellung würde sich der Betrieb einfach nicht lohnen“, bilanzierte Gerlach.

Noch beunruhigender ist aus ihrer Sicht die Situation in den Museen Böttcherstraße. Die müssen bei einer Ausstellungsfläche von 1400 Quadratmetern coronabedingt derzeit mit einer Obergrenze von 25 Besuchern leben, die gleichzeitig das Ausstellungshaus betreten dürfen. Gerade im Hinblick auf die Ausstellung „Berührend, Annäherung an ein wesentliches Bedürfnis“, die am Sonnabend, 19. September eröffnet wird und bis zum 24. Januar zu sehen sein wird, fordert die Böttcherstraßen-Chefin vom Senat eine Lockerung der Corona-Regelungen. „Berührend“, allein der Titel signalisiere es schon, habe in diesen Zeiten Blockbuster-Potenzial. Es sei die Ausstellung der Stunde.

Mehr Besucher als eine Einheit

Was aber, wenn der erwartete Besucheransturm wegen der Corona-Auflagen abgewiesen werden müsse? Was natürlich auch gravierende Auswirkungen auf die Finanzen des Hauses hätte. Susanne Gerlach fordert deshalb den Senat auf, die Corona-Auflagen zumindest für die Museen Böttcherstraße zu lockern. „In anderen Kulturinstitutionen und in der Gastronomie wird ja auch in Einheiten und nicht nur nach Einzelpersonen gezählt“, sagt sie und fügt hinzu: „Wenn beispielsweise eine fünfköpfige Familie als eine Einheit gezählt werden dürfte, die keine anderthalb Meter Abstand halten muss, wäre uns schon sehr geholfen“. Es sei nicht vermittelbar, dass den Museen diese Auflagen gemacht werden, wenn gleichzeitig am Sielwall, ohne Abstandsregeln einzuhalten, Party gefeiert werde.

„Eine einheitliche Regelung zwischen Bremen und Niedersachsen wäre doch sehr wünschenswert“, betonte sie. Gerlach bat auch um finanzielle Unterstützung bei der Einrichtung eines Einlass-Ticket-Systems, das doch Kosten verursache. Sie ist im Übrigen auch eine Verfechterin der Idee, die Straßenbahnen von der Obernstraße in die Martinistraße zu verlegen. Das Ganze würde 20 Millionen Euro kosten, weshalb die Verlegung dann nicht realisiert werden würde, fragt sie sich. Diese Idee, mit der die Hoffnung verbunden ist, die Obernstraße zur Bummelmeile werden zu lassen, wird in Bremen seit Jahren immer wieder diskutiert. Bisher war kein Konsens zu erzielen. Auch an diesem Abend im Ausschuss nicht.

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