Umgestaltung des Verkehrsknotenpunktes

Backsteinturm auf der Bremer Domsheide auf der Kippe

Was geschieht mit dem Turm des dänischen Künstlers Per Kirkeby, der seit 31 Jahren auf der Bremer Domsheide steht? Er ist den Plänen im Weg, den Verkehrsknotenpunkt völlig neu zu gestalten.
24.11.2019, 10:42
Lesedauer: 5 Min
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Backsteinturm auf der Bremer Domsheide auf der Kippe
Von Jürgen Hinrichs
Backsteinturm auf der Bremer Domsheide auf der Kippe

Wichtige Funktionen erfüllt der Turm an der Domsheide heute nicht mehr.

Frank Thomas Koch

Der Turm ist ein Thron. Unten die Menschen, wie sie wuseln, in Eile sind, hin und her laufen, wie sie lärmen, pfeifen und johlen oder auch mal still sind. Ein Strom, der nie abreißt. Tausende, Abertausende, die zwischen den Bussen und Bahnen wechseln, ihren Weg wählen, ein Ziel haben. Sie mäandern an den Gleisen, Fahrbahnen und Haltestellen entlang. Nehmen die Beine in die Hand, wenn‘s knapp wird. Schauen sich um, wenn noch Zeit ist. Die Dynamik der Masse mit ihren Stoß- und Setzbewegungen. Der Turm ragt aus diesem Strom heraus. Er ist, und hier stimmt das mal, ein Fels in der Brandung.

31 Jahre, so lange her, dass ein Däne beauftragt wurde, auf der Domsheide ein technisches Bauwerk zu errichten, das gleichzeitig ein Kunstwerk sein sollte. Per Kirkeby heißt der Mann, er lebt nicht mehr, ist vor einem Jahr gestorben und hat als Maler, Bildhauer, Architekt und Dichter ein reiches Œu­v­re hinterlassen.

In Bremen ist sein Erbe der rote Backsteinturm. Errichtet aus einem Material, das für den Künstler alternativlos war. „Das dänische Baumaterial ist der Backstein, wir besitzen kein anderes natürliches Material“, sagte Kirkeby. Für Leute, die was von Kunst verstehen, ist der Turm nicht nur ein Turm, sie sprechen auch nicht von einem Bauwerk oder von Architektur. Für diese Menschen handelt es sich um eine Skulptur.

Nicht wenige, die das völlig anders sehen. Für sie ist der Turm ein Steh-im-Weg. Ein ärgerliches und nicht besonders ansehnliches Hindernis. Kunst? Pah! Weg damit, abreißen, damit an dem ohnehin total beengten Verkehrsknotenpunkt mehr Platz geschaffen wird.

Noch mehr, die sich gar keine Gedanken machen oder allenfalls fragen, was der Turm da will, zu was er nütze ist. Die Antworten geben sie manchmal selbst. Männer, die sich in die Ecken drücken und den Turm als Pissoir missbrauchen.

In der Spalte am Eingang liegt ein Flachmann, der schnelle Schnaps für zwischendurch. Drumherum lauter Zigarettenkippen. Und an der Holztür, die außen mit Metall verkleidet ist, prangen Graffitis. Wenn sonst immer von der Integrität des Kunstwerks die Rede ist – am umtosten Turm wird sie verletzt. Doch das ist nichts im Vergleich zu dem, was ihm möglicherweise noch bevorsteht.

Zunächst aber hinein und die Stiege hoch, eine Wendeltreppe aus Stahl, so eng geführt, dass man aufpassen muss, damit der Kopf keine Beule bekommt. Oben angelangt, es sind nur ein paar Stufen, schenkt der Rundumblick durch die sieben hohen Fenster so viele Eindrücke, dass man sie erst einmal sortieren muss. Da ist die wogende Menge, die im Minutentakt von Bussen und Bahnen durchschnitten wird. Das Chaos mit seiner verkehrsgeleiteten Ordnung. Da sind die Häuser und Fluchten. Postamt, Landgericht, Glocke, Börsenhof, die Gebäude mit den Läden und Imbissstuben, die Volksbank. Die Schneisen zum Dom, zum Rathaus und zur Balgebrückstraße hinunter.

Da weiß man dann früh, was gerade kommt oder wieder abfährt, welche Verbindungen der Bremer Straßenbahn AG (BSAG) aktiv sind und wo es möglicherweise gerade stockt. Ein Job der Verkehrsmeister, die im Turm saßen und die Übersicht hatten. 20 Jahre lang schoben sie hier ihren Dienst, bis im Jahr 2008 auf elektronische Überwachung umgestellt wurde, mit Kameras, denen auf der Domsheide nichts entgeht. Die Bilder dienen dem Moment, sie werden in der Leitstelle der BSAG nur kurz gespeichert, danach vernichtet. So will es der Datenschutz.

Das Telefon ist tot, anders als die Uhr auf dem Schreibtisch, sie läuft noch, ist funkgesteuert, auch wenn niemanden mehr interessiert, welche Stunde im Turm geschlagen hat. Selten, dass mal jemand kommt, und wenn, dann nur um zu schauen und den Ausblick zu genießen. Mal durchzählen, aus Spaß, welche Linien unterwegs sind. Es sind bei der Straßenbahn die 2, 3, 4, 6 und 8. Bei den Bussen die 24 und 25. Mehr ÖPNV als auf der Domsheide trifft in Bremen nur noch am Hauptbahnhof zusammen.

Draußen rumpelt es, knirscht und knackt. Straßenbahnen, die um die Ecken kommen und dabei so viel Lärm machen, dass es regelmäßig Klagen gibt. Die Glocke ist ein Konzerthaus, solche Töne brauchen sie dort aber nicht. Oder im Landgericht: Wer je eine Verhandlung in Saal 218 mitgemacht hat, dem größten und prächtigsten, der weiß, wie es ist, wenn die Bahnen vorbeifahren. Es sind die bedeutenden, oft auch sehr komplexen und komplizierten Prozesse, die in dem Saal stattfinden. Da sollte man jedes Wort verstehen können. Tut man aber nicht, wenn sich die Straßenbahnen vor dem Gerichtsgebäude kreischend in die Kurven legen. Fenster auf? Besser nicht!

Die BSAG schafft in den nächsten Jahren nach und nach neue Bahnen an und verspricht, dass sie leiser sein werden. Ziel ist, die hohen Töne rauszunehmen, das Quietschen. Überlegt wird auch bei den Weichen und Gleisen. Weil es im Boden keine Lücken gibt und nichts den Schall schluckt, wird er direkt in die umliegenden Gebäude getragen. Abhilfe schaffen könnte das sogenannte Masse-Feder-System, das mit elastischen Elementen arbeitet, um die Schwingungen zu entkoppeln. Es gibt auch noch andere Varianten, doch eines haben alle gemeinsam: Sie sind ziemlich teuer.

Vor ein paar Monaten war die Domsheide eine Baustelle. Vier Weichen, die ausgetauscht werden mussten, weil sie nach 15 Jahren völlig heruntergefahren waren. Auch im kommenden Jahr gibt es an dem Ort wieder Reparaturarbeiten, die keinen Aufschub dulden. Könnte die BSAG damit noch warten, würde sie das wohl tun, doch es geht nicht anders: Sicherheit zuerst.

Praktischer wäre, die Weichen erst dann auszutauschen, wenn mit dem Umbau der Domsheide begonnen wird. 14 Entwürfe wurden eingereicht, zwei davon sind übrig geblieben. Beide sehen vor, das gesamte Areal barrierefrei zu machen. Busse und Bahnen sollen dieselben Trassen benutzen und gemeinsame Haltestellen bekommen. Einen Unterschied gibt es lediglich bei der Anordnung der Haltestellen.

So oder so ist die Neugestaltung eines große Sache. Der damalige Bürgermeister Carsten Sieling hatte sie gar zur Chefsache erklärt. Die Domsheide soll nicht mehr nur ein Knotenpunkt des ÖPNV sein, sondern ein Platz werden, auf dem man sich gerne aufhält. Mit viel Grün, Bänken zum Ausruhen und Gastronomie.

Und da kommt der Turm ins Spiel, er ist im Weg, soll alles so werden wie geplant. Er ist im Weg und wird nicht gebraucht. Die BSAG hat unten drin zwar noch ihre Digitaltechnik, um die Weichen zu stellen. Es gibt auch eine Toilette, die von den Fahrern benutzt wird. Beides sind aber Funktionen, die sich woanders organisieren lassen.

Im Gespräch ist, den Turm an eine andere Stelle zu rücken. Er würde auf der Domsheide nicht mehr mittendrin stehen, sondern irgendwo am Rand. Diskutiert wurden auch ganz andere Standorte, beim Roland-Center, am Brill oder am Überseemuseum. Kulturbehörde und Landesdenkmalpflege schließen das aber aus.

Auch so ist es ja schon schwierig genug. Der Turm, wenn er als Skulptur gedacht wird, korrespondiert mit seiner Umgebung. Ändert sich das eine, tut es auch das andere. Es ist deshalb hier mal eine echte Frage und kein abgedroschener Spruch: Ist das Kunst, oder kann das weg?

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