Konfliktsituationen entschärfen

Verkehrsentwicklungsplan im Beirat Mitte vorgestellt

Im Beirat Mitte wurde die Fortschreibung des Verkehrsentwicklungsplanes vorgestellt. Große Überraschungen bot die Präsentation nicht. Die verkehrstechnischen Knackpunkte in der Innenstadt sind bestens bekannt.
16.09.2020, 22:33
Lesedauer: 4 Min
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Verkehrsentwicklungsplan im Beirat Mitte vorgestellt
Von Sigrid Schuer
Verkehrsentwicklungsplan im Beirat Mitte vorgestellt

Die Domsheide ist einer der zentralen Punkte im ÖPNV. Alleine hier, am Bahnhof und am Brill werden täglich etwa 170.000 Ein- und Ausstiege gezählt.

Frank Thomas Koch

Bei der jüngsten Sitzung des Beirates Mitte wurde von Michael Flassig von der Verkehrsbehörde die Analyse der aktuellen Fortschreibung des Verkehrsentwicklungsplanes (VEP) vorgestellt. Große Überraschungen bot die Präsentation nicht. Laut Flassig gilt der ÖPNV mit 24 Bus- und Bahnlinien als Rückgrat der innerstädtischen Erschließung. Im Vergleich zu dem Fünfjahres-Abschnitt davor hätten sich 2019 nicht allzu viele Änderungen ergeben, betonte der Verkehrsplaner. Hotspots bei 230.000 Ein- und Ausstiegen täglich seien Bahnhof, Domsheide und der Brill. Auf dieses Areal entfielen insgesamt 170.000 Ein- und Aussteiger. Allein 100.000 davon auf den Bahnhof.

Bei den Fußgänger-Zahlen habe man in der Analyse auf die Angaben der City-Initiative Bremen zurückgegriffen, so Flassig. Allein 20.000 Fußgänger bewegten sich täglich durch City Gate und Bahnhofsstraße, gefolgt von 6000 Fußgängern auf der Kulturmeile. Stark frequentiert sei auch die Bischofsnadel. Hier komme es immer wieder zu Konflikten zwischen Radfahrern und Fußgängern. Michael Flassig unterstrich, dass immer dort Mängel zu verzeichnen seien, wo es zu Flächenkonkurrenzen komme, etwa zwischen Radfahrern und Fußgängern am Wegesende/Ecke Spitzenkiel. Dieses Konfliktpotenzial sei inzwischen etwa am Herdentorsteinweg, bedingt durch die Fahrrad-Premiumroute, ausgeräumt worden. Die Straße sei nun deutlich fußgängerfreundlicher.

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Eines sei aber klar: Wasserflächen samt Begrünung wirken wie eine natürliche Barriere. In Umsetzung befinde sich die Wallroute genauso wie die Route an der Wilhelm-Kaisen-Brücke, die ebenfalls zu einer Fahrrad-Premiumroute werden sollen. An Spitzentagen werde die Wilhelm-Kaisen-Brücke von rund 18.000 Radfahrern frequentiert. Folge: Fußgänger und Radler kommen sich immer wieder in die Quere. Ähnliche Konflikte entstünden auch in der Balgebrückstraße und an der Tiefer. Dort gebe es nur einen gemeinsamen Geh- und Radweg. An solchen Brennpunkten wären ergänzende Radwege wünschenswert, bilanzierte Flassig. Eine unklare Führung des Radverkehrs sei zudem an Domshof, Domsheide und Sögestraße zu verzeichnen. Dort komme es ebenfalls zu Konflikten.

Deutliche Mängel hat der Verkehrsplaner beim Thema Fahrradparken ausgemacht. „Wir haben sämtliche Fahrradbügel kartografiert und festgestellt, dass die legalen, sicheren Stellplätze deutlich zu wenig und dementsprechend ausgelastet sind. Der Istzustand an Verkehrsbelastung durch den Kraftfahrzeugverkehr sah im Jahr 2019 wie folgt aus: Die Wilhelm-Kaisen-Brücke wurde Tag für Tag von 24.000 Pkw frequentiert, der Osterdeich von 23.000, die Tiefer von 25.000, die Martini-Straße von 16.500 und das Doventor in Richtung Überseestadt von 10.000 Kraftfahrzeugen, gemessen an einem Donnerstag zwischen 5 und 22 Uhr.

Durchgangsverkehr hat nichts in der Innenstadt zu suchen

Am stärksten schlug dabei der Durchgangsverkehr mit 43 Prozent zu Buche. „Wobei der Durchgangsverkehr eigentlich nichts in der Innenstadt zu suchen hat“, betonte Flassig. 29 Prozent des Verkehrsaufkommens entfallen auf den Zielverkehr, 28 Prozent auf den sogenannten Quellverkehr (zur Arbeit und zurück). Sein Fazit im Hinblick auf die angestrebte autofreie Innenstadt: „Angesichts des hohen Durchgangsverkehrs und des hohen Flächenverbrauchs beim Parken in den Straßen müssen wir beim Kfz-Verkehrrestriktiv arbeiten, sonst wird es nicht gehen“.

Schon seit langem ist bekannt, dass vierspurige Straßen, etwa Martini- und Bürgermeister-Smidt-Straße aber auch die Straße An der Tiefer, eine trennende Wirkung haben. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, findet Dieter Mazur vom BUND und erinnerte daran, dass in Paris die Stadtautobahn von der sozialdemokratischen Bürgermeisterin Anne Hidalgo abgeschafft und weitere Maßnahmen zur Begrünung der französischen Kapitale umgesetzt worden seien.

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Einen weiteren Tipp hat Mazur: Es gelte, die Parkplätze im öffentlichen Raum teurer zu machen als die in den Parkhäusern. Und Amsterdam nannte er als vorbildlich für die Abstellflächen von Fahrrädern. Auch aus Sicht von Bianca Wenke (SPD) wird es nach 50 Jahren Nachdenken über die autogerechte Stadt nun Zeit, mutiger zu werden. Eine Taxifahrerin warnte hingegen davor, in der Martinistraße etwas zu verändern, immerhin fließe hier der Verkehr in Richtung der großen Bremer Kliniken.

Peter Bollhagen (FDP) sieht eine große Chance darin, den Durchgangsverkehr von der Innenstadt fern zu halten, indem ein Ring um die Innenstadt gezogen wird. Er gab aber auch zu bedenken, dass rund 3000 Handwerksbetriebe mit ihrem Lieferverkehr in der Innenstadt berücksichtigt werden müssten. Zu den Mängeln im Straßenraum, die trennende Wirkung hätten, gehörten aber auch Knotenpunkte wie die AOK-Kreuzung mit ihren fünf Zufahrten und der Straßenbahn, so Flassig. Der Brill sei da nicht viel besser.

Fußläufigkeit in der Bremer City durchaus zumutbar

Frohe Kunde gab es zum Thema Parkplätze: Laut Flassig sind zumindest in den Parkhäusern der City ausreichend viele Stellplätze vorhanden. An normalen Tagen seien sie lediglich zu 80 Prozent ausgelastet. Mit einer Ausnahme: Der Spitzenzeiten vor Weihnachten. Der Experte gab aber auch zu bedenken, dass die Fußläufigkeit in der Bremer City durchaus zumutbar sei: „Schließlich muss die Kundschaft von Dodenhof auch 400 Meter vom Parkplatz aus zu Fuß laufen“. 650 Meter seien von der Innenstadt über das Herdentor bis zum Bahnhof zurückzulegen, zum Hillmannplatz seien es 520 Meter.

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Aus dieser Analyse gelte es nun, weitere Maßnahmen zu filtern und konkrete Problempunkte zu benennen, bilanzierte Michael Flassig. Die Beiräte Mitte und Östliche Vorstadt werden dazu bis zum 17. September eine Stellungnahme erarbeiten. Es werde allerdings nichts so heiß gegessen, wie gekocht, da sich der Plan bis jetzt lediglich in der Analyse- und nicht in der Maßnahmen-Phase befinde, sagt Ortsamtsleiterin Hellena Harttung.

Aus ihrer Sicht ist es besonders wichtig, im Blick zu behalten, welche Auswirkungen der VEP auf das Viertel hat, vor allem hinsichtlich einer möglichen Verlagerung von Verkehrsströmen. Joachim Musch von den Grünen betonte, dass es dringend nötig sei, solch eine Stellungnahme abzugeben und kritisierte den daraus resultierenden Zeitdruck. Er wies zudem darauf hin, dass der ÖPNV mit dem geplanten Umbau der Domsheide künftig mehr Kapazitäten bewältigen müsse. Beiräte wie Bevölkerung sind in allen Phasen eng eingebunden, statt in Präsenz-Foren nun auf der Online-Plattform https://www.bauumwelt.bremen.de/vep

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