Grüne Oasen in Corona-Zeiten gefragt

Bremer verbringen mehr Zeit im Grünen

Bremer verbringen in Corona-Zeiten mehr Zeit in Parks und anderen Grünanlagen, das zeigen Bewegungsdaten. Das Bündnis "Lebenswerte Stadt fordert mehr Investitionen und hat dazu ein Positionspapier vorgelegt.
27.05.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt
Bremer verbringen mehr Zeit im Grünen

In der Krise zieht es die Menschen ins Grüne. Diese Bereiche seien für eine Stadtgesellschaft systemrelevant, so das Bündnis „Lebenswerte Stadt – grünes Bremen“.

Sina Schuldt/dpa

Die Bremer zieht es in Zeiten der Corona-Krise verstärkt in die Parks, Grünanlagen und Gärten in der Stadt: Das zeigen Bewegungsdaten des „Covid-19 Community Mobility Report“, der von Google veröffentlicht wurde. Danach hat die Aufenthaltsdauer im Monat April um 76 Prozent zugenommen. „Die Zahl verdeutlicht, dass Stadtgrün für Menschen in der Stadt extrem wichtig ist“, sagt Ulf Jacob, Sprecher des Bündnisses „Lebenswerte Stadt – grünes Bremen“.

Grünflächen, Parks und Kleingärten seien für eine Stadtgesellschaft systemrelevant, sagt Jacob. Besonders in Krisenzeiten seien sie ein wichtiger Beitrag zur Gesundheitsvorsorge und hätten großen Anteil daran, dass Menschen die mit der Krise verbundenen Einschränkungen akzeptierten. „Es gilt deshalb mehr denn je, die gesundheitsschützenden Funktionen von städtischem Grün zu sichern und weiter zu entwickeln“, fordert der Sprecher des Bündnisses. Die Widerstandsfähigkeit der Städte gegenüber Krisen müsse gestärkt werden.

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„Doch das öffentliche Grün ist seit vielen Jahren in Bremen unterfinanziert“, kritisiert Jacob, „deshalb muss jetzt im Rahmen der Konjunkturpakete des Landes und des Bundes gegengesteuert, der Sanierungsstau abgebaut und die grüne Infrastruktur zukunftsfest gestaltet werden.“ Das Bündnis hat dazu ein Positionspapier vorgelegt, an dem sich auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), die Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftsstruktur (DGGL) und der Bund Deutscher Landschaftsarchitekten (BDLA) beteiligt haben.

Das Bündnis fordert darin Investitionen in Höhe von mindestens 35 Millionen Euro und schlägt konkrete Sofortmaßnahmen vor, die aus den geplanten Konjunkturprogrammen finanziert werden sollen. „Für Bremen steht ja die inhaltliche Füllung eines Konjunkturprogramms noch aus“, sagt Martin Rode, Geschäftsführer des BUND Bremen, „und in diese Lücke wollen wir mit unserem Konzept hineingehen.“

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Fachliche Unterstützung bekommt das Bündnis von der Präsidentin der Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft (ARL) in Hannover, Sabine Baumgart. „Grünflächen sind für die menschliche Gesundheit besonders wichtig, vor allem für benachteiligte Gruppen, die über keinen eigenen Garten oder Kleingarten verfügen“, sagt die Expertin.

Es sei nachgewiesen, dass der Aufenthalt im Grünen sich auf das mentale und physische Wohlbefinden von Menschen positiv auswirke. „Grüne Natur reduziert Stresssymptome, senkt den Blutdruck und verbessert zum Beispiel auch die Sehkraft“, betont Baumgart. Für die Arbeit im Homeoffice etwa seien längere Aufenthaltsphasen im Grünen der ideale Ausgleich. Mehr als 80 Prozent der Bäume sind laut dem Positionspapier geschädigt oder geschwächt.

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Die beiden zurückliegenden und zu warmen Jahre hätten Bäumen in Bremen besonders zu schaffen gemacht. „Den Baumbestand zu erhalten, muss Vorrang haben vor der Beseitigung von Schäden oder Neupflanzungen“, sagt BUND-Geschäftsführer Rode. Parks und Grünanlagen litten unter einem Sanierungsstau. Sie könnten ihre Funktionen nur noch eingeschränkt erfüllen, verstärkt durch den Klimawandel und den Nutzungsdruck infolge der Corona-Krise. Grünanlagen und Parks spielten nicht zur Erholung und zum Klimaschutz eine große Rolle, sondern leisteten auch einen erheblichen Beitrag für die Artenvielfalt.

Blühflächen mit regionalem Saatgut zu schaffen, Gewässer zu sanieren oder Strauchdichten zu erhöhen, seien Beispiele für Verbesserungen. Auch bei Wegen, Brücken und Bauwerken sind nach Auffassung des Bündnisses umfangreiche Sanierungen notwendig. Die Kosten für notwendige Sanierungen lägen inzwischen bei mehr als zehn Millionen Euro. Die Grünflächenpflege verlaufe insgesamt in Bremen und Bremerhaven häufig noch unabgestimmt, langfristige Ziele seien unzureichend definiert, kritisiert Jacob.

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„Viele Aspekte des städtischen Grüns müssen zunächst noch planerisch und konzeptionell aufgearbeitet werden, Bremen muss mehr in Konzepte investieren.“ Das Bündnis bemängelt „eine unzureichende Steuerung und Koordination“ im Hause der Umweltsenatorin, Grund dafür sei fehlendes Personal. Jacob und seine Mitstreiter schlagen vor, bei einem Investitionsprogramm für die öffentlichen Grünanlagen die Federführung in Bremen in die Hand des Umweltbetriebs Bremen (UBB) und in Bremerhaven in die des Gartenbauamts zu legen.

Einen neuen Schub möchte das Positionspapier auch in Richtung ökologischer Bildung geben, Schulungsmodule sollten entwickelt werden, so die Forderung. Diese könnten von den städtischen Grünbetrieben, aber auch dem Verband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau Niedersachsen-Bremen und anderen Akteuren genutzt werden. Ein neues Dialogforum „Grün in der Stadt“ sollte diese Entwicklungen begleiten. „Ob Umweltbetrieb, Bürgerpark, Gewoba oder Bremischer Deichverband – alle, die sich um Grünflächen kümmern, sollten in einen neuen, stetigen Dialog eingebunden werden“, so Jacob.

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