Hallenhockey-Bundesliga der Damen

BHC-Damen haben kaum Zeit zum Reifen

Der Aufsteiger schafft es nicht, intensiv an seinen Defiziten zu arbeiten, weil die Saison äußerst kurz ist und dabei oft auch noch Doppelspieltage angesetzt sind. Trotzdem ist der Klassenerhalt möglich.
14.12.2018, 18:49
Lesedauer: 3 Min
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BHC-Damen haben kaum Zeit zum Reifen
Von Jörg Niemeyer
BHC-Damen haben kaum Zeit zum Reifen

Neuland Bundesliga: Auch für Emma Davidsmeyer (rechts) sind die Spiele in der ersten Liga ein Reifeprozess.

Axel Kaste

Wer nur wenige Torchancen herausarbeitet, braucht eine hohe Effektivität, um zum Erfolg zu kommen. „Unser Manko, ganz klar – aber kein Vorwurf an die Mannschaft“, sagt Martin Schultze, „wir brauchen im Angriff eine, die da cooler ist.“ Schultze ist Cheftrainer des Bundesliga-Aufsteigers Bremer HC, der in den ersten drei Hallenpartien seiner Bundesliga-Klubgeschichte magere drei Tore und damit deutlich weniger als die Konkurrenz im Abstiegskampf erzielte. Die Treffer reichten wenigstens zum Remis gegen Klipper Hamburg (2:2), aber nicht zu einem Punkt gegen den Club an der Alster (1:14) und zuletzt gegen den UHC Hamburg (0:1).

„Vorne machen wir aktuell zu wenig“, sagt Schultze über die bisherige Bilanz. Das liegt zum einen an der taktischen Ausrichtung seiner jungen und unerfahrenen Mannschaft, die erst einmal sicher verteidigen soll, bevor sie mit fliegenden Fahnen dem Gegner ins offene Messer läuft. Was in solchen Situationen passieren kann, demonstrierte beim Saisonauftakt der deutsche Meister, der Club an der Alster, der die mutigen, zeitweise aber auch übermütigen Bremerinnen eiskalt bestrafte. „So was geht dann schnell nach hinten los“, sagt Schultze.

Zum anderen hatte der BHC im Gegensatz zur Konkurrenz bislang keine Spielerin, die vorne zuverlässig trifft. Auch nicht bei Standardsituationen wie den Ecken. „Ein Tor aus sieben Ecken reicht nicht“, sagt Schultze. Besonders ärgerlich: Gegen den vermeintlichen Hauptkonkurrenten im Kampf um den zum Klassenerhalt genügenden fünften Tabellenplatz, Klipper Hamburg, ließ der BHC alle fünf Ecken ungenutzt.

Am späten Donnerstag und frühen Freitag dieser Woche jedoch flog beim BHC neue Hoffnung ein – in Person von Jule Grashoff und Svea Böker. Die Studentinnen, im Hockey beide Stürmerinnen, absolvierten bis Mitte der Woche in den USA noch Prüfungen und erweitern ab sofort die personellen Möglichkeiten ihres Heimatklubs. Schultze geht nun nicht so weit, dass er an diesem Sonnabend beim Harvestehuder THC (14.30 Uhr) oder am Sonntag beim Großflottbeker THGC (16 Uhr) mit Siegen rechnet. Doch Chancen für sein Team sieht er sehr wohl – vor allem am Sonntag beim punktgleichen Tabellenfünften.

„Für den Kopf brauchen wir endlich ein Erfolgserlebnis“, sagt Schultze. Am ersten Spieltag war der BHC meilenweit davon entfernt, danach jedoch zweimal nicht – trotz der verbesserungsbedürftigen Offensive. Auf die Abwehr kann sich der Neuling einigermaßen verlassen, auf Torfrau Mali Wichmann auch. Vor allem sie sorgte gegen den UHC mit großartigen Paraden dafür, dass es lange Zeit nach einer faustdicken Überraschung roch. „Wir sind stark genug, die Punkte zum Klassenerhalt zu holen“, sagt der Trainer. Auch gegen den UHC bewies die Mannschaft, dass sie sich nicht unterkriegen lassen will. Letztlich war auch Pech im Spiel, dass es nicht wenigstens zu einem Punkt reichte: Pech in der strittigen Situation, die zum Siebenmeter und damit zur Niederlage führte; und Pech bei zumindest zwei Erfolg versprechenden Aktionen, die der Gegner ohne Gegentor überstand.

Neben einem torgefährlichen Angriff fehlt dem Liga-Neuling auch die Zeit zur Eingewöhnung. In gerade mal sechs Wochen werden die zehn Spiele der Hallensaison durchgezogen. Ein kurzer Reifeprozess, der auch durch eine noch so akribische Vorbereitungsphase nicht beschleunigt werden kann. Der wirkliche Ernstfall lässt sich nun mal nicht proben. Und so kann es passieren, dass der mögliche Ertrag des Reifeprozesses erst zu sehen sein wird, wenn die Spielzeit bereits vorüber ist. „Man darf schließlich nicht vergessen“, sagt Schultze, „dass der Großteil meines Teams bislang nur auf die Erfahrung von ein bis drei Bundesliga-Partien zurückgreifen kann.“ Gemessen daran, schlägt sich der Aufsteiger hervorragend. Angesichts der Unerfahrenheit der Spielerinnen ist es umso wichtiger, dass der Trainer die taktische Ausrichtung vorgibt.

Gedanken an den Abstieg mache er sich gegenwärtig nicht, sagt Schultze. Darauf angesprochen, stellt er aber klar, dass ein Abstieg den BHC nicht umwerfen würde. Die Gefahr, dass nach jahrelangem Höhenflug und kurzer, nicht wirklich überraschender Erfolglosigkeit beim BHC alles zusammenbrechen würde, sieht er nicht. Die Strukturen im Klub sind hervorragend, in den Jugendmannschaften wachsen weitere vielversprechende Talente heran.

Die Bremer Talente, die jetzt ins kalte Wasser der Bundesliga geworfen wurden, sammeln gerade wertvolle Erfahrungen. Von denen werden sie möglicherweise erst profitieren, wenn die Saison vorüber ist. Vielleicht reicht es aber trotzdem zum Klassenerhalt. Vielleicht wirkt sich das intensive Training von Standardsituationen – Schultze: „Daran schrauben wir vor allem“ – schon bald positiv aus, am besten an diesem Wochenende. Und wenn nicht? Dann wird die Welt in Oberneuland nicht untergehen. Und die Erfahrungen, die die jungen Damen jetzt machen, wird ihnen auch keiner mehr nehmen können.

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