Interview mit Zukunftsforscher „Bis 2030 sind Städte praktisch autofrei“

Der Stuttgarter Zukunftsforscher Eike Wenzel erklärt zum Start der Stadtplanungs-Konferenz „Ideenmeisterschaft #MitteBremen“, wie sich Digitalisierung und Mobilitätswandel auswirken.
11.09.2018, 06:30
Lesedauer: 5 Min
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„Bis 2030 sind Städte praktisch autofrei“
Von Nina Willborn

Nach zwei Tagen in der Stadt, was ist Ihr Eindruck von Bremen?

Eike Wenzel: Ich war auch schon früher mal zu Besuch hier. Ich finde Bremen sehr angenehm. Ich bin jetzt in Sonntagslaune vom Bahnhof in die Stadt gelaufen, und habe wieder gemerkt, dass man sehr schnell ein Gefühl für dieses Alte, Bürgerliche, Traditionelle bekommt.

Sie sind Zukunftsforscher. Was sind die großen Themen, die unsere Gesellschaft verändern?

Im Moment passiert sehr viel. Die Megatrends Digitalisierung, Energie- und Mobilitätswende, aber auch demografischer Wandel, sind große Themen, die sich auch auf Städte auswirken. Ich erwarte zum Beispiel, dass wir bis 2030 praktisch keinen Verkehr mehr in den Innenstädten haben. Dass wir nur noch 30 Prozent aller Autos, die jetzt fahren, haben, und dass die dann weitgehend selbst fahren, also Robotaxis und ähnliche Konzepte. Ich hoffe, dass wir das in den nächsten Jahren hinbekommen.

Ein Blick in die Zukunft: Bezogen auf Bremen – würde ich die Innenstadt im Jahr 2050 noch wiedererkennen?

Eine Stadt ist ein Organismus, etwas Hybrides. Trends schlagen dort manchmal besonders schroff auf, aber dadurch entwickelt und verändert sie sich. Ich würde also schwer hoffen, dass Bremen im Jahr 2050 nicht mehr wiederzuerkennen ist.

Was ist aus Ihrer Sicht der Bereich, der sich am stärksten verändern wird?

Die markanteste Veränderung hängt dann wirklich mit der Mobilität zusammen. Aber auch das Wohnen wird sich verändern, das ist ziemlich sicher.

Inwiefern?

In den 2000er-Jahren hat man gesagt: Wenn du dabei sein willst bei den großen Veränderungen, wenn du Lebensqualität und Innovationen und Trends willst, musst du in die Stadt. Aber dieser Trend wurde auch immer schon ein bisschen überschätzt. Landflucht findet in Deutschland und den USA nicht mehr so statt. Vor allem in Gegenden, in denen Innenstadtlagen extrem teuer sind wie zum Beispiel in München ist es so, dass die Jüngeren bewusst sagen, dass sie gerne in die suburbanen Zonen gehen, um dort ihre Kinder großzuziehen.

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Worin sehen Sie die zentrale Aufgabe der Innenstädte?

Wir müssen uns klarmachen, dass sich der Handel umstrukturieren wird. Die Digitalisierung schafft den stationären Handel nicht ab, aber sie verändert ihn stark, zu sehen ist das unter anderem am Beispiel Amazon. Die Entmischung, also die Trennung von Wohnen und Einkaufen, die in den 60er- und 70er-Jahren entstanden ist, wird zurückgehen. Eine gute Qualität von Stadt ist auch, dass Zuzug vernünftig organisiert wird. Das hat Städte immer ausgezeichnet.

Sie meinen ausreichend bezahlbaren Wohnraum?

Ja, aber auch, dass ich Migration als Vielfaltsanforderung sehe. In einer lebendigen Stadt brennt abends Licht, wenn ich durch das Zentrum gehe, und es ist nicht nur das Licht der Kaufhäuser, sondern auch das von Privathaushalten. Auch ein wichtiges Thema ist Digitalisierung. Ich glaube, dass große Städte eine große Aufgabe haben werden, was Partizipation angeht. Städte sind in vielen Bereichen eigenständig, sie können selbst Beschlüsse fassen, zum Beispiel energie- oder mobilitätspolitisch. Das könnte beim Thema der Ungleichheit wichtig werden, neben der Mobilitätswende eine der großen Herausforderungen.

Was meinen Sie genau?

Städte müssen lernen, ihre Bürger so anzusprechen wie es Facebook macht, wie Uber es macht oder Airbnb. Die technologischen Schranken werden niedriger. Ich hoffe, dass es gelingt, darüber Menschen näher an ihre Stadt binden und dadurch diesem Verdruss, den man im Moment ja an vielen Orten spürt, in Chemnitz zum Beispiel, zu begegnen. Städte können neue Bindungskräfte erzeugen, weil die Leute ihnen eine hohe Glaubwürdigkeit einräumen. Das sehen wir immer wieder in Umfragen. Nationale Politik ist manchmal weit weg, aber in meiner Stadt sehe ich, dass sich etwas verändert, da kann ich auch selbst etwas verändern. Das muss auf digitalem Wege noch intensiviert werden. Der Anspruch muss sein, dass eine Stadt Integration bewältigt, indem sie Leuten Arbeitsplätze anbietet, indem sie auch auf digitalem Wege Partizipation möglich macht.

Nochmal zurück zur Mobilität, die sich verändern wird. Sehen Sie darin auch für Bremen eine Chance?

Das ist eine Riesenchance. Wenn wir im Jahr 2030 nur noch 30 Prozent Autos in einer Stadt haben, diese Zahl ist von Wissenschaftlern in Stanford berechnet, heißt das, dass wir quasi keine Parkhäuser mehr bräuchten. Man könnte nachverdichten oder mit Gärten in der Stadt ein ökologisches Problem lösen. Die Mobilitätswende könnte in den nächsten Jahren tatsächlich dazu führen, dass wir städtischen Raum komplett neu bauen. Wir müssen es nur wollen.

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Gibt es in Deutschland Orte, wo daran schon gearbeitet wird?

In München und im Ruhrgebiet wird gerade damit begonnen, Fahrradautobahnen zu bauen. Frankfurt legt jetzt direkt am Main für ein Dreivierteljahr eine Straße still. Von dort können sich die Leute bis zur Einkaufstraße Zeil bewegen, ohne mit Autoverkehr konfrontiert zu werden. Für Frankfurt und andere Städte ist schon nachgewiesen worden, dass der Umsatz deutlich steigt, wenn mehr fußläufig oder mit dem Rad eingekauft werden kann. Wir arbeiten zum Stadtthema ziemlich viel, viel mehr als noch vor zwei, drei Jahren, und wir sind wirklich sehr erstaunt darüber gewesen, dass tatsächlich vieles angegangen wird, auch vor dem Hintergrund von Nachhaltigkeit. Die großen Städte tun etwas, und eine 1B-Größe wie Bremen könnte von ihnen lernen.

Kann man mit einer Ideenmeisterschaft innerhalb von ein paar Tagen eine Vision für eine neue Bremer Innenstadt entwickeln?

Natürlich kann man das. Es geht ja darum, dass Leute aus unterschiedlichen Bereichen, die einfach mal Ideen auf den Tisch legen. Man hätte für das Ganze ja auch, wie es normalerweise gemacht wird, eine Studie in Auftrag geben können. Ich finde es auf diese Weise aber besser, weil man viele Leute und die Öffentlichkeit mitnimmt. Danach muss man natürlich auch die Konzepte umsetzen. Diejenigen, die jetzt bei dieser Wende vorne dabei sind, werden eine höhere Lebensqualität für ihre Mitbürger schaffen und die besten Leute anziehen. Ich kann mir Bremen schon vorstellen als die Hübsche da oben im Norden, die sehr früh Trends erkannt hat.

Die Fragen stellte Nina Willborn

Info

Zur Person

Eike Wenzel (52)

hat 2011 in Heidelberg das Institut für Trend- und Zukunftsforschung (ITZ) gegründet. Das ITZ erarbeitet seine Prognosen unter anderem auf Basis von „Megatrends“ (Reichweite 30 bis 50 Jahre), „Technologietrends“ (zehn bis 20 Jahre) und „Gesellschaftstrends“ (zehn bis 20 Jahre). Wenzel lehrt auch an deutschen und internationalen Universitäten.

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Zur Sache

Brainstorming für Bremen

Seit Sonntag sind mehr als 30 Experten rund um die Themen Stadtplanung, Trends, Einzelhandel, Architektur, Bildung und Gastronomie aus Deutschland und dem Ausland in Bremen zu Gast. Ihr Ziel bis Freitag: Anregungen für die sich wandelnde Innenstadt mit ihren diversen Projekten zu geben.

Eingeladen zu dieser fünftägigen Konferenz unter dem Motto „Ideenmeisterschaft #MitteBremen“ haben die Großinvestoren Kurt Zech und Johann Christian Jacobs zusammen mit den Ressorts für Bau und Wirtschaft. „Die Vision einer zukunftsfähigen Stadtmitte soll Wirklichkeit werden. Die Veränderungen des Areals sind nicht ohne Vernetzung im Zentrum und als Teil der umgebenden Innenstadt zu denken“, heißt es im Einleitungspapier zur Tagung. Die Fläche, um die es vor allem geht, ist das neue Quartier, das entsteht, wenn Zech das Parkhaus-Mitte wie geplant abreißt und mit die Karstadt- und Kaufhof-Häuser umstrukturiert.

Nach der Einführung mit einem Stadtrundgang am Sonntag und Impulsvorträgen am Montag arbeiten ab Dienstag die Teams, in denen auch Vertreter der Parteien und der Kaufleute sitzen, in Workshops zu unterschiedlichen Aspekten. Am Freitag bewertet der "Ideenrat (u.a. Zech, Jacobs und die renommierte Stadtplanerin Christiane Thalgott) die Ergebnisse und berät über die nächsten Schritte.

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