Brustkrebs-Früherkennung

Blinde Frauen ertasten Krebs in Bremer Klinik

Ihr guter Tastsinn soll helfen, verdächtiges Gewebe in der Brust zu erkennen. Das St.-Joseph-Stift setzt als erste Klinik Bremens blinde Tastuntersucherinnen zusätzlich in der Früherkennung von Brustkrebs ein.
03.02.2019, 19:00
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Blinde Frauen ertasten Krebs in Bremer Klinik
Von Sabine Doll

Anita Spickhofen tastet sich Millimeter für Millimeter vor. Mit den Fingerspitzen übt sie leichten Druck aus. Damit sie jede Veränderung in dem weichen Gewebe erkennt. Nichts. Keine Auffälligkeit. Ihre Finger wandern weiter. Immer an den rot-weißen Klebestreifen entlang. Sie sind eine Art Maßband, das die Brust in unterschiedliche Zonen aufteilt. „Die Kästchen auf den Streifen sind mit Blindenschrift, der Braille, versehen und dienen als Wegmarkierungen“, erklärt die 44-Jährige. Ertastet sie mit ihren Fingerspitzen eine auffällige Veränderung in dem Brustgewebe, gibt sie die Koordinaten in einen Computer mit Brailleschrift ein.

Anita Spickhofen ist MTU. Das Kürzel steht für Medizinisch-Taktile-Untersucherin. Sie ist eine von 40 sehbehinderten und erblindeten Frauen in Deutschland, die von der Initiative „Discovering Hands“ (Entdeckende Hände) zur Tastuntersucherin in der Brustkrebs-Früherkennung ausgebildet wurden.

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Die Frauen arbeiten laut der Initiative bundesweit mit 65 Arztpraxen und auch Kliniken zusammen. 2008 hat der Duisburger Gynäkologe Frank Hoffmann „Discovering Hands“ gegründet. Als erstes Krankenhaus in Bremen will das St.-Joseph-Stift ab März Tastuntersucherinnen in der Früherkennung und Nachsorge von Brustkrebs einsetzen. Die Idee dahinter: „Viele sehbehinderte Menschen haben einen nachweislich überlegenen Tastsinn“, sagt der Chefarzt des Instituts für Radiologische Diagnostik an dem Schwachhauser Krankenhaus, Felix Dieckmann.

Spickhofen ist im Alter von 21 Jahren erblindet. „Für mich war klar, dass ich etwas mit meinen Händen machen möchte“, sagt die 44-Jährige aus Friesoythe. Sie beginnt als Masseurin zu arbeiten und lässt sich in Lymphdrainage ausbilden. Dadurch lernt sie viele Frauen kennen, die an Brustkrebs erkrankt sind und diese besondere Form der Massage benötigen. „Wenn man nicht sehen kann, entwickelt man automatisch den Tastsinn weiter“, sagt Spickhofen.

Ausbildung in neun Monaten

Als sie von der Ausbildung zur MTU erfährt, ist sie sofort begeistert. Neun Monate dauert das Programm, es ist in einen theoretischen und praktischen Abschnitt aufgeteilt. Die Tastuntersuchung erfolgt nach einem speziell entwickelten, standardisierten und qualitätsgesicherten Konzept, wie „Discovering Hands“-Geschäftsführer Arndt Helf betont. Sie funktioniert ohne technisches Gerät – allein das Fingerspitzengefühl und der Tastsinn der Frauen sind entscheidend. Die besonderen Fähigkeiten der Untersucherinnen drückt Helf in Zahlen aus: „Ein Mensch ohne Sehbehinderung kann einen Knoten ab zwei Zentimetern Größe ertasten, ein erfahrener Arzt ab etwa 1,2 Zentimetern.

Eine blinde Tasterin erkennt schon Veränderungen ab sechs Millimetern.“ Studien belegten den Erfolg: etwa der Universität Erlangen, wonach die Frauen bis zu einem Drittel mehr Krebsgeschwüre ertasten können als ein Arzt. Ein Vorteil, so Helf: Die Untersuchung durch die MTU dauere 45 bis 60 Minuten, bei den meisten Gynäkologen vier bis fünf Minuten.

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Spickhofen hat in den knapp elf Jahren als MTU viele Auffälligkeiten im Brustgewebe von Patientinnen ertastet: Diese trägt sie mit den entsprechenden Koordinaten in eine Tabelle ein – damit die Ärzte ihrem Tastbefund nachgehen können. Dann folgen Untersuchungen wie Ultraschall oder Mammografie. In über 90 Prozent der Fälle liege sie mit ihrem Ergebnis richtig, sagt die 44-Jährige.

Tasten eine besondere Fähigkeit

Chefarzt Dieckmann ist begeistert von den Fähigkeiten der blinden und sehbehinderten Frauen – und von der Möglichkeit, diese in die Früherkennung einzubeziehen. „Mein Großvater war erblindet“, erzählt der Arzt. „Am Abtasten des Gesichts konnte er uns Kinder erkennen. Damals hatte ich immer schon das Gefühl, dass dies besondere Fähigkeiten sind, und fand es sehr traurig, dass man sie nicht nutzt.“ Dieckmann macht aber auch klar, dass die Tastuntersuchung durch MTU nur eine Ergänzung sein kann. „Sie ersetzt nicht die sichere Diagnose durch den Arzt.“

Das Bremer Krankenhaus will die taktile Untersuchung in der Früherkennung und in der Nachsorge zusätzlich einsetzen: bei Patientinnen, die nach einer Brustkrebs-Diagnose an das Brustzentrum der Klinik zur weiteren Abklärung verwiesen wurden. : Es soll sich aber auch an andere Frauen richten. Geplant sei zunächst ein Tag in der Woche an dem eine MTU im Einsatz ist. Die Kosten für die Spezialuntersuchung werden nicht von allen Krankenkassen übernommen, als private Leistung kostet sie 46,50 Euro.

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Brustkrebs am häufigsten

In Bremen erkrankten nach Angaben des Krebsregisters in den Jahren 2012 bis 2014 im Schnitt jährlich 1890 Frauen und und 2040 Männer neu an Krebs. Bei Frauen war die Diagnose Brustkrebs mit einem Anteil von 30,8 Prozent am häufigsten. Es folgten Darmkrebs (13,4 Prozent) und Lungenkrebs (10,1 Prozent). Männer erkrankten der Statistik zufolge vor allem an Prostatakrebs (22,7 Prozent), Lungenkrebs (17,1 Prozent) und Darmkrebs (12,8 Prozent). Lungenkrebs war bei Frauen (18 Prozent) und Männern (27 Prozent) die häufigste Todesursache. Das niedersächsische Krebsregister meldete im Schnitt jährlich 50 000 Neuerkrankungen. Wie in Bremen erkrankten Frauen am häufigsten an Brustkrebs (30,8 Prozent) und Männer an Prostatakrebs (24,2 Prozent).

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