Bremer Sparkassen-Areal

Blockade am Brill

Nachdem die Regierungskoalition die umstrittenen Pläne des US-Architekten Daniel Libeskind für das Bremer Sparkassen-Areal gekippt hat, steckt der neue Bremer Senat in der Sackgasse.
19.07.2019, 19:00
Lesedauer: 5 Min
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Blockade am Brill
Von Jürgen Hinrichs
Blockade am Brill

Die bisherigen Pläne für das Sparkassen-Areal am Brill werden nicht umgesetzt, nun wird nach Alternativen gesucht.

Frank Thomas Koch

Der Investor und die Stadt reden noch miteinander, erst in dieser Woche wieder, doch so wie es aussieht sind die hochfliegenden Pläne für das Sparkassen-Areal am Brill gescheitert. Ende Juni hatte die neue Bremer Regierungskoalition aus SPD, Grünen und Linken den Entwürfen des New Yorker Architekten Daniel Libeskind eine Absage erteilt – mit Folgen, die noch nicht absehbar sind. Zwar könnte der neue Eigentümer des 11.000 Quadratmeter großen Geländes vom Kauf zurücktreten und damit die Möglichkeit eröffnen, dass jemand anderes an der Nahtstelle zwischen der City und dem Stephaniviertel die Entwicklung vorantreibt. Genauso möglich ist aber auch, dass lange Zeit nichts passiert und ein erhoffter Neuanfang der Innenstadt in diesem Bereich blockiert wird.

Im Oktober kommenden Jahres verlässt die Sparkasse ihren Stammsitz und bezieht die neue Zentrale der Bank im Technologiepark an der Universität. Die Arbeiten an dem Gebäude gehen planmäßig voran, im September wird Richtfest gefeiert. Mit dem Tag des Umzugs sollte am alten Sparkassenstandort eigentlich sofort mit dem Abriss der Häuser begonnen werden. Bis auf die denkmalgeschützte Kassenhalle direkt am Brill waren nach den bisherigen Planungen sämtliche Gebäude dem Ende geweiht. Das könnte sich jetzt ändern. Sicher ist bereits, dass der ohnehin sehr ambitionierte Starttermin für das Großprojekt nicht mehr eingehalten werden kann.

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Neuer Eigentümer der Fläche am Brill ist das israelischen Brüderpaar Pinchas und Samuel Schapira. Die beiden investieren in der ganzen Welt in Immobilien und waren auch schon in Bremen aktiv – mit der damals neu entwickelten Stadtbibliothek im alten Polizeihaus am Wall und einem großen Gebäude im Güterverkehrszentrum. Bei dem Projekt am Brill lassen sich die Schapiras vom Berliner Planungsbüro Assmann vertreten.

Assmann-Chef Martin Fecke war am Mittwoch zu Gesprächen in Bremen, wie die Baubehörde bestätigt. Er hat sich mit Senatsbaudirektorin Iris Reuther und dem Leiter der Stadtplanung, Reinhard Viering, getroffen. Fecke sei zunächst darüber informiert worden, was genau die neue Koalition zur Entwicklung des Grundstücks am Brill festgelegt hat, erklärt Jens Tittmann, Sprecher des Bauressorts. Eine Präzisierung der bisherigen Pläne habe es nicht gegeben. „An der Stelle sind wir keinen Schritt weiter“, so Tittmann. Für Anfang September sei eine neue Runde vereinbart worden.

Geteiltes Echo in der Öffentlichkeit

Die Entwürfe von Libeskind sehen den Bau von vier Türmen vor, deren höchster 98 Meter aufragen soll. Der niedrigste misst 64 Meter. In der Öffentlichkeit waren die Pläne auf ein geteiltes Echo gestoßen. Von Begeisterung bis schroffe Ablehnung war alles dabei. Die Fraktionen der Bürgerschaft zeigten sich allesamt sehr aufgeschlossen, Form und Größe gefielen, diskutiert wurde lediglich, wie die Flächen in den Häusern genutzt werden können. Bau-Staatsrat Ronny Meyer (Grüne) sprach von einem „überzeugenden Aufschlag“. Regelrecht euphorisch war Matthias Fonger, Hauptgeschäftsführer der Handelskammer. „Ich bin begeistert und fasziniert“, sagte er nach der Präsentation, „wir haben unsere schöne historische Architektur, brauchen aber auch so etwas.“

Vehement gegen die Pläne sind Landesdenkmalpfleger Georg Skalecki und die Architektenkammer. Sie sehen durch die hohen Türme den Maßstab der Innenstadt in Gefahr und mokieren sich über den Ruf nach sogenannter Stararchitektur. Das Büro Libeskind glänzt international mit einem großen Namen. In Deutschland hat es das Jüdische Museum in Berlin entworfen, das Zentralgebäude der Leuphana-Universität in Lüneburg und das Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück. Für Bremen war von Libeskind einst ein Konzerthaus im Gespräch. Das Projekt hatte sich aber zerschlagen.

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Ursprünglich war es ein anderes Architekturbüro, das zum Zuge kommen sollte. Robertneun aus Berlin hatte einen städtebaulichen Wettbewerb gewonnen. Grundlage war damals eine exakt bemessene Bruttogeschossfläche. Mehr als 47 000 Quadratmeter durften es nach den Vorstellungen der Stadt nicht werden. Als der Investor plötzlich Libeskind als Planer ins Spiel brachte, schnellte die Zahl nach oben. Nach seinen Entwürfen würden 75.000 Quadratmeter entstehen. Hoch oben in den begrünten Türmen sind Luxusappartements vorgesehen, es soll aber auch Wohnungen für Studenten und Senioren geben. Läden, Hotels und Cafés gehören dazu, ein Museum und andere öffentliche Nutzungen, getragen von Bildungseinrichtungen.

Die Schapiras und der Projektentwickler hatten es eilig gemacht, damit Ende kommenden Jahres begonnen werden kann. Bis zum Spätherbst sollte Bremen sich im Grundsatz entscheiden, damit danach planerisch am Feinschliff gearbeitet werden kann. Die Baugenehmigung erhoffte sich der Investor pünktlich zum Auszug der Sparkasse. Begleitet werden sollte dieser Prozess von einem Gestaltungsbeirat und verschiedenen Foren, in denen die breite Öffentlichkeit mitwirkt.

Konkret ist nichts passiert

So war es im April vereinbart worden, konkret passiert ist seitdem aber nichts. Der Beirat zum Beispiel mit Architekten, der Senatsbaudirektor, dem Landesdenkmalpfleger und anderen Fachleuten hat sich noch nicht einmal konstituiert.

So ein Gremium könnte zwar noch kommen, wahrscheinlich aber nicht mehr im Zusammenhang mit den Libeskind-Plänen. Die designierte Bausenatorin Maike Schaefer (Grüne) will nach eigener Aussage zurück zum Ergebnis des städtebaulichen Wettbewerbs und der Bruttogeschossfläche, die damals gewählt wurde. Es bringe nichts, mit Stararchitekten aufzuwarten, um auf diesem Wege deutlich mehr Fläche zu bauen, sagte Schaefer. Libeskind könne sich aber gerne beteiligen, sollte es einen Architekturwettbewerb geben. Seinen Ausdruck findet diese Haltung im druckfrischen Koalitionsvertrag zwischen der SPD, den Grünen und den Linken.

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Völlig offen, wie die Schapiras darauf reagieren. Dem Vernehmen wollen sie am Kauf des Areals festhalten. Möglich, dass der Investor die Gebäude stehen lässt und sie so gut es geht vermietet. Niemand kann ihn zwingen, abzureißen und neuzubauen. Ergebnis wäre ein jahrelanger Stillstand nicht nur auf dem Grundstück. Verbunden mit den Neubauplänen war nämlich auch eine Veränderung der Bürgermeister-Smidt-Straße, sie sollte von vier auf zwei Spuren zurückgebaut werden. Auch war daran gedacht, den Brill als Platz neu zu gestalten und das benachbarte Telekom-Quartier im Stephaniviertel städtebaulich zu entwickeln. Das könnte jetzt alles hinfällig werden.

Info

Zur Sache

Das steht im Koalitionsvertrag zum Brill-Gelände

Die Entwicklung des Grundstücks Am Brill muss einen starken Beitrag zur Entwicklung der Innenstadt leisten. Es soll dazu beitragen, die Zäsur zwischen Faulenquartier und dem kommerziellen Zentrum an der Hutfilter- und Obernstraße zu reduzieren. Es soll sich in die Pläne für die Verkehrswende im Stadtzentrum einfügen und einen Beitrag zur Entwicklung des Faulenquartiers leisten. Und es muss sich in den Maßstab der Innenstadt zwischen Wall und Weser einfügen.

Die hieraus resultierenden Konsequenzen insbesondere für die Erschließung sowie weitere städtebauliche Aspekte sind im Weiteren sorgfältig zu überprüfen. Maßgabe für das Gestaltungsgremium sind sowohl die Voraussetzungen als auch die Ergebnisse des abgeschlossenen Wettbewerbsverfahrens. Ziel ist es, gemeinsam die besten Ideen für die bestmögliche Entwicklung dieser zentralen Lage in der Innenstadt zu finden und umzusetzen.

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