22-Jähriger legt Feuer in eigener Wohnung

Viereinhalb Jahre Haft für Brandstifter

In einem der Fälle wird der Angeklagte freigesprochen. Doch in den anderen hat das Gericht keine Zweifel: Dreimal hat der 22-Jährige Feuer gelegt und damit das Leben vieler Menschen gefährdet.
11.05.2020, 18:36
Lesedauer: 3 Min
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Viereinhalb Jahre Haft für Brandstifter
Von Ralf Michel
Viereinhalb Jahre Haft für Brandstifter

Schwere Brandstiftung in drei Fällen: Der 22-jährige Angeklagte kurz vor der Urteilsverkündung im Bremer Landgericht.

Ralf Michel

Alkoholabhängigkeit, Drogensucht, Posttraumatische Belastungsstörung nach der Flucht aus Syrien ...? Alles möglich, sagt das Gericht. Zumindest nicht auszuschließen. Aber selbst wenn – einen direkten Zusammenhang zu den angeklagten Taten und eine verminderte Schuldfähigkeit sehen die Richter nicht. Und verurteilen den 22-jährigen Mann am Montagvormittag wegen schwerer Brandstiftung zu viereinhalb Jahre Haft.

Vier Brände zwischen Januar 2017 und März 2019 in Bremerhaven sind es, wegen denen sich der junge Mann vor dem Landgericht verantworten muss. Gebrannt hat es jeweils in der Wohnung, in der er zu diesem Zeitpunkt lebte. Für den ersten Brand wird er freigesprochen. Die Parallelen zu den drei späteren sind auffällig, doch bei der Frage „Technischer Defekt oder Brandstiftung?“ muss der Sachverständige passen. Nicht mehr feststellbar. „Eventuell sind Sie dadurch erst auf die Idee gekommen“, sagt die Vorsitzende Richterin zum Angeklagten. Aber das ist nur eine Mutmaßung. Deshalb Freispruch in diesem Fall.

Weg für „schnelle Kündigung“

Bei den anderen drei Feuern hat das Gericht dagegen keine Zweifel, dass es der 22-Jährige war, der sie gelegt hat. Für den letzten der Brände im März 2019 gibt es sogar einen Tatzeugen, einen Freund des Angeklagten. Der 22-Jährige sei an dem Tag angespannt gewesen und schlecht gelaunt, berichtet dieser. Er habe auf Geld vom Jobcenter gewartet. Außerdem habe er sich über den Zustand seiner Wohnung beschwert, die sei unbewohnbar. Und dann verkündet, dass er einen Weg für eine „schnelle Kündigung“ kenne.

Gemeinsam hätten die beiden das Sofa in der Wohnung an ein Fenster gerückt. Dann habe der 22-Jährige die Sitzfläche aufgeschlitzt und die Schaumstofffüllung angezündet. Zu diesem Zeitpunkt verließ der Freund nach eigenem Bekunden die Wohnung und wartete draußen. Keine fünf Minuten später sei der Angeklagte aufgetaucht. Anschließend ging man einkaufen, dann in ein Café.

Währenddessen fraß sich das Feuer in der Wohnung vor, griff auf Fußleisten, Fensterrahmen und die Querverstrebungen der Decke über. Zum Glück wurde der Brand schnell bemerkt, die Feuerwehr konnte die anderen Wohnungen in dem Mehrfamilienhaus evakuieren und das Feuer löschen. Was hätte passieren können, deutet die Vorsitzende Richterin mit dem Hinweis an, dass ein Mann und ein Kind in dem Gebäude bereits schliefen als die Feuerwehr anrückte.

Die Aussagen des Freundes seien absolut glaubhaft, sagt die Richterin. Zumal er nicht hätte aussagen müssen, um sich nicht selbst zu belasten. Wegen seiner Beteiligung an dem Geschehen wird auch gegen ihn ermittelt. Ganz anders die Aussagen des Angeklagten. Der lieferte gegenüber der Polizei gleich mehrere in sich widersprüchliche Versionen des Tatgeschehens, eine davon in Form einer Räuberpistole, bei der man ihn gezwungen habe, seine Wohnungsschlüssel herauszurücken, um in der Wohnung Frauen und Drogen unterzubringen.

Für die anderen beide Brände, im April und im September 2017, gab es keinen unmittelbaren Tatzeugen, dafür aber jede Menge Indizien, die den 22-Jährigen schwer belasteten. Von der nahezu identischen Vorgehensweise über die Tatsache, dass niemand anderes als der Angeklagte kurz vor den Bränden Zugang zu der jeweiligen Wohnung hatte, bis hin zu seinen Angebereien gegenüber Dritten, er habe so etwas schon in der Vergangenheit ­gemacht.

Den Grund für die Brandstiftungen kann das Gericht nicht aufklären. Allgemeine Unzufriedenheit mit seiner Lebenssituation, die Hoffnung, etwas Besseres zu finden, mögen dabei eine Rolle gespielt haben, erläutert die Vorsitzende Richterin. Eventuell auch das finanzielle Motiv, anschließend für die Erstausstattung einer neuen Wohnung Geld vom Jobcenter bewilligt zu bekommen.

„Gefahr für Vielzahl von Menschen“

Der Schaden, der in den drei Wohnungen entstand, blieb dank der Feuerwehr letztlich überschaubar. Von einem minder schweren Fall könne trotzdem nicht gesprochen werden, betonte die Vorsitzende Richterin in ihrer Urteilsbegründung. In jedem der betroffenen Gebäude hätten sich zum Zeitpunkt des Brandes andere Menschen aufgehalten. „Von Ihnen ging große Gefahr für eine Vielzahl von Menschen aus.“

Da der Angeklagte bei zwei der drei Taten 19 und 20 Jahre alt war, somit noch als Heranwachsender galt, und bei ihm nach Auffassung des Gerichts keine altersgemäße Entwicklung vorliegt, wird er nach Jugendstrafrecht verurteilt. Aus dem Gefängnis, wo er bislang in Untersuchungshaft saß, kommt er deshalb aber nicht. Anders als von seinen Verteidigern beantragt, wird der Haftbefehl bis zum Antritt seiner am Montag verhängten Haftstrafe nicht ausgesetzt. Das Gericht geht weiterhin von Fluchtgefahr aus. Der 22-Jährige habe keinen Wohnsitz, keine Arbeit und seine Familie lebe außer in Bremerhaven auch in München und in den Niederlanden.

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