Bepflanzte Dächer haben zahlreiche Vorteile

Bremen hat Nachholbedarf bei Dach-Begrünung

In Bremen sind begrünte Dächer noch ein seltener Anblick, auch wenn es Beispiele gibt. Das „Bündnis für eine lebenswerte Stadt“ fordert Regeln und Vorgaben für eine verpflichtende Begrünung.
17.01.2019, 15:57
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Bremen hat Nachholbedarf bei Dach-Begrünung
Von Pascal Faltermann
Bremen hat Nachholbedarf bei Dach-Begrünung

Seit gut fünf Jahren ist das Dach der Krankenkasse AOK Bremen/Bremerhaven mittlerweile grün.

AOK Bremen/Bremerhaven

Wer mit dem Flugzeug über Bremen fliegt, stellt zahlreiche bebaute, graue Flächen fest. Der Blick über die Hansestadt von oben zeigt, dass grüne Dächer eher die Ausnahme sind. Das veranschaulichen auch zahlreiche Luftaufnahmen der Hansestadt, die das „Bündnis für eine lebenswerte Stadt“ zusammengestellt hat. Dabei haben bepflanzte Dächer zahlreiche Vorteile, wie Ulf Jacob, Sprecher des Bündnisses, und Martin Rode, Geschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), in einem Gespräch erläutern.

Das Bündnis fordert seit Längerem eine verpflichtende Begrünung der Dächer aller dafür geeigneten Neubauten. Über eine weitere Förderung der Dachbegrünung bei größeren Wohnanlagen diskutierten am Donnerstag die Abgeordneten der Umweltdeputation. Auf entsprechende Regeln und verpflichtende Richtlinien, die in einem Ortsgesetz festgehalten werden sollen, wollen sich SPD und Grüne in der nächsten Woche am Rande der Bürgerschaft einigen.

Eigentlich nur Vorteile

Ein Beispiel aus der Praxis sind die grünen Dächer der AOK-Hauptgeschäftsstelle in Bremen. Dort wachsen Kräuter wie Thymian, Schnittlauch oder Majoran sowie vor allem Moose und Sedum (Fetthenne). „Wir haben vor fünf Jahren eine Dachfläche von etwa 1000 Quadratmetern begrünt“, sagt Olaf Woggan, Vorstandsvorsitzender der AOK Bremen/Bremerhaven. Er sieht darin eine erhebliche Verbesserung zum vorherigen Zustand und eigentlich nur Vorteile.

Im Zuge von umfangreichen Sanierungen des Gebäudes aus dem Jahre 1958 ließ die AOK auch die Dächer grün werden. „Insgesamt können wir sagen, dass wir dadurch Strom und Energie sparen. Wir sind sehr zufrieden“, sagt Woggan. Das Raumklima der angrenzenden Büros habe sich verbessert, die Räume seien besser isoliert, der Regen werde gespeichert und auch die Lebensdauer des Dachbelages habe sich erheblich erhöht. Das erfreue vor allem die Mitarbeiter der Krankenkasse, rund 300 arbeiten in dem Gebäudekomplex.

Lesen Sie auch

Der alte Belag aus Bitumen habe sich stark erhitzt – auf bis zu 50 Grad – und musste alle fünf Jahre erneuert werden. „Durch die Grünflächen wird nun weniger Wärme abgestrahlt“, erklärt Landschaftsgärtner Manuel Peppler, der die Dächer der Krankenkasse begrünt hat. Sieben Zentimeter Vegetation hat Peppler auf eine Platte aufgebracht. Die Pflanzen und kleine Rillen (Drainagen) in den Platten speichern Wasser und lassen es langsamer abfließen. Seitlich ist ein Kiesbett, welches das Wasser zu Abflüssen leitet.

„Bei Starkregen speichern die Gründächer das Niederschlagswasser und halten es zurück“, erklärt BUND-Geschäftsführer Martin Rode. Starkregen führe schnell zu einer Überlastung der Kanalisation bis hin zu Rückstaus auf Straßen und in Kellern. Gründächer könnten Niederschlag von 40 bis 90 Prozent zurückhalten. Durch Verdunstung könne das gespeicherte Wasser zudem wieder an die Stadtluft abgegeben werden. Das trage zur Abkühlung der Luft bei.

Bremen hinkt weit hinterher

Durch den Klimawandel komme es laut Rode immer wieder zu Problemsituationen, die grünen Dächer könnten dem entgegenwirken. Wichtige Effekte seien, dass Gründächer Schadstoffe und Stäube aus der Luft filtern und binden, aber auch gegen Hitze und Kälte isolieren. Und damit nicht genug: Wenn die Dächer mit heimischen Pflanzen bewachsen seien, fördern sie die Artenvielfalt im Stadtzentrum: Insekten und Vögel könnten diese Pflanzenarten nutzen. „Die ökonomischen Vorteile ergeben sich aus den geringeren Kosten für Heizung und Kühlung“, sagt Rode.

Trotz einer Vielzahl nachgewiesener Vorteile würden in Bremen derzeit fast alle neuen Gebäude ohne grüne Dächer gebaut werden, sagt Ulf Jacob, Sprecher des „Bündnis für eine lebenswerte Stadt“. Bremen hinke anderen Städten weit hinterher. Angesichts des Klimawandels können es sich Bremen nicht leisten, das Thema liegen zu lassen.

Er kritisiert, dass bisher noch kein Beschluss vom Senat vorgelegt wurde. Wir wollen eine Stadt der Zukunft bauen, in der sich die Leute wohlfühlen“, sagt Jacob. Mit den grünen Dächern könne man Aufenthaltsräume und grüne Inseln schaffen, was wiederum auch eine soziale Komponente habe. Begrünte Dächer und Freiflächen verbessern darüber hinaus auch durch ihre ästhetische Wirkung die Aufenthaltsqualität. Die Stadt werde attraktiver.

Lesen Sie auch

Eine Reihe von anderen Städten wie Aachen, Mainz, Dortmund, Osnabrück oder Essen hätten mittlerweile verpflichtende Regeln zur Dachbegrünung, so Jacob. „Auch Gelsenkirchen plant eine Gründachverpflichtung, die auch bei Sanierung und im Bestand gelten soll“, so Jacob. Diese Regelung fehle bislang in der Vorlage des Bremer Gesetzes, was das Bündnis kritisiert. In Bremen gibt es neben dem der AOK weitere Beispiele. Experten nennen die Dächer des neuen Nord-LB-Gebäudes (ehemalige Bremer Landesbank), der Finanzbehörde oder von Bruker Daltonik in der Nähe der Universität. Es sind alles Initiativen von Unternehmen.

Eine rund 40.000 Quadratmeter große Fläche soll nun auf einer neuen Halle der Mercedes-Benz-Niederlassung grün werden. „Es ist richtig, dass auf einer unserer Hallen eine größere Fläche begrünt wird“, bestätigt Unternehmenssprecherin Stefanie Krugsberger. Diese erste Dachbegrünung sei eine konsequente Fortführung der die Biodiversität steigernden Maßnahmen im Rahmen der langfristig ausgerichteten Standortstrategie, so Krugsberger.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+