Elf Kontakte pro Infiziertem

Nachverfolgung stellt Gesundheitsbehörde vor Herausforderungen

Ziemlich zeitaufwändig kann die Suche nach Kontaktpersonen von Corona-Infizierten sein. Um die Infektionsketten zu sprengen, wird das Personal des Gesundheitsamts aufgestockt.
20.10.2020, 07:31
Lesedauer: 3 Min
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Nachverfolgung stellt Gesundheitsbehörde vor Herausforderungen
Von Frank Hethey

Angesichts drastisch steigender Corona-Infektionszahlen strecken die ersten Gesundheitsämter bei der Kontaktnachverfolgung die Waffen: Nach einer Umfrage der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ist es in Hessen etwa in knapp über 60 Prozent nicht mehr möglich, die Kontakte von Corona-Infizierten zu ermitteln. In Baden-Württemberg liegt der Wert bei knapp 56 Prozent, in Bayern bei 80 Prozent. Mit Slowenien stellte am Sonnabend erstmals ein ganzer Staat die Rückverfolgung ein.

In den Corona-Hotspots Bremen und Delmenhorst will man davon nichts wissen. Die Antwort auf immer mehr Infizierte lautet, das Personal der Gesundheitsämter immer weiter aufzustocken. In Bremen sind aktuell 139 Personen damit beschäftigt, die Kontaktpersonen infizierter Menschen zu ermitteln, zum 1. November sollen weitere 20 Containment-Scouts eingestellt werden.

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Ob diese Zahl ausreicht, wird sich zeigen. „Notfalls werden wir noch einmal nachlegen“, sagt Lukas Fuhrmann, Sprecher des Gesundheitsressorts. Bereits Mitte Oktober hatte das Gesundheitsamt zehn zusätzliche Containment-Scouts zugewiesen bekommen. Dass die stetig ansteigende Zahl der Neuinfektionen eine große Herausforderung für das Gesundheitsamt bedeutet, stellt Fuhrmann nicht in Abrede. „Wegen der hohen Fallzahlen haben wir es auch mit einer massiv gestiegenen Zahl von Kontaktpersonen zu tun.“

Momentan kommen auf einen Infizierten durchschnittlich elf Kontaktpersonen. Wenn wie kürzlich mehr als 100 Neuinfektionen an einem Tag gemeldet werden, stößt das Gesundheitsamt an seine Grenzen. „Über 1000 Kontaktpersonen zu informieren, ist dann an einem Tag nicht mehr möglich“, so Fuhrmann. Erst recht, wenn nur der Name der Kontaktperson bekannt ist, aber keine Kontaktdaten vorliegen. Für ausbaufähig hält der Ressortsprecher dabei die Unterstützung von Teilen der Ärzteschaft.

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Eine Kapitulation in Sachen Kontaktnachverfolgung ist für die Gesundheitsbehörde undenkbar. „So etwas passiert hier natürlich nicht“, sagt Fuhrmann. Stattdessen reagiere Bremen bei akutem Bedarf mit personellen Verstärkungen aus anderen Verwaltungsbereichen. Zu Beginn der Pandemie habe man das schon einmal praktiziert. Diese Umschichtungen seien wegen der niedrigeren Fallzahlen im Sommer wieder zurückgefahren worden. Bremen könne flexibel reagieren. „Da wird jetzt eben wieder Personal aufgestockt aus verschiedenen Bereichen der Stadtverwaltung.“

Ob immer mehr Personal wirklich hilft, bezweifelt SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Aus seiner Sicht ist ein Strategiewechsel nötig. „Ich plädiere seit Wochen dafür, dass das Robert Koch-Institut seine Empfehlung verändert und die Gesundheitsämter von ihrer Pflicht entbindet, jeden einzelnen Kontakt nachzuverfolgen“, sagte er gegenüber „tagesschau.de“.

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Aktuell sind in Bremen 69 Scouts und 20 Bundeswehr-Angehörige mit der Kontaktnachverfolgung beschäftigt. Hinzu kommt das rund 50-köpfige Pandemie-Team des Gesundheitsamts. Damit das Gesundheitsamt auch seine anderen Aufgaben wie etwa die Schuleingangsuntersuchungen erfüllen kann, leisten verschiedene Behörden Amtshilfe. Derzeit sind sieben Mitarbeiter aus anderen Dienststellen im Gesundheitsamt eingesetzt. Ähnlich verfährt Delmenhorst. Oberbürgermeister Axel Jahnz (SPD) teilte am Montag mit, die personellen Kapazitäten des Gesundheitsamts zur Kontaktrecherche seien in „großem Umfang nochmals verstärkt worden“.

Unterdessen unterstreicht das Robert Koch-Institut (RKI) die Bedeutung der Kontaktnachverfolgung. Diese sei „nach wie vor essentiell, um Infektionsketten zu unterbrechen und die Ausbreitung von Covid-19 zu verlangsamen“, sagt RKI-Sprecherin Marieke Degen. In einem Strategieausblick auf die kommenden Monate warnt das RKI jedoch vor personellen Engpässen. „Die möglichen epidemiologischen Szenarien bedürfen allerdings einer nachhaltigen substantiellen personellen Stärkung des öffentlichen Gesundheitsdienstes durch die Länder“, heißt es in dem Papier.

Daneben kann laut Gesundheitsbehörde auch jeder Einzelne die Arbeit des Gesundheitsamts erleichtern. Im Infektionsfall sei ein Kontakttagebuch „total sinnvoll“, sagt Fuhrmann. Er empfiehlt, sich jeden Abend ein paar Minuten Zeit zu nehmen, um Stichpunkte zu den wichtigsten Fragen zu notieren: Mit wem war ich wie lange in Kontakt, und wie groß war der Abstand? Die Benachrichtigung von Kontaktpersonen erfolgt laut Fuhrmann wegen unvollständiger Daten vielfach auf postalischem Weg. Allerdings stehen Kontaktpersonen auch ohne amtliche Mitteilung in der Pflicht. Das geht laut Fuhrmann aus den Corona-Verordnungen hervor. „Wenn ich weiß, dass ich eine Kontaktperson bin, habe ich mich selbst zu isolieren.“

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