Interview mit Martinsclub-Vorstand

„Wir haben aus der Pandemie gelernt“

Thomas Bretschneider, Vorstand des Martinsclubs Bremen, schildert, welche Auswirkungen die Corona-Regelungen für Menschen mit Beeinträchtigung haben.
05.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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„Wir haben aus der Pandemie gelernt“
Von Hans-Ulrich Brandt

Herr Bretschneider, Sie haben noch vor drei Monaten beklagt, wie wenig bei den Corona-Lockerungen an Menschen mit Beeinträchtigung gedacht wird. Wie ist die Lage jetzt?

Thomas Bretschneider : Es hat sich seitdem eine Menge verändert. Am Anfang der Pandemie war es so, dass geistig behinderte Menschen wie alte Menschen behandelt wurden. Das ist jetzt nicht mehr so. Fast jede Woche gibt es neue Corona-Regelungen, die wir zu beachten haben. Und da wird durchaus unterschieden zwischen alten Menschen und Menschen mit geistiger Beeinträchtigung. Das ist schon mal ein großer Erfolg, denn zu Beginn von Corona waren die Bewohner unserer Einrichtungen, wie die alten Menschen in den Pflegeheimen, komplett von der Außenwelt abgeschnitten – und das drei Monate lang.

Ist es immer noch ein politischer Reflex, alte Menschen und Menschen mit geistiger Beeinträchtigung gleichzusetzen?

Sagen wir so: In der Bremer Sozialbehörde ist dasselbe Referat für beide Gruppen zuständig. Und die haben entschieden, dass das, was alte Menschen in Zeiten von Corona schützen soll, auch für Menschen mit Beeinträchtigung gilt. Über die Konsequenzen dieser Entscheidung ist da nicht groß nachgedacht worden. Erst als wir vom Martinsclub darauf öffentlich aufmerksam gemacht haben, hat sich das geändert.

Hat sich inzwischen das Leben für Menschen mit Beeinträchtigung wieder weitgehend normalisiert?

Im Wesentlichen schon. Beispiel: die Besuchsregelung. Zunächst wurde niemand in unsere Einrichtungen gelassen, dann wurde der Besuch durch eine Person pro Woche erlaubt, und jetzt ist die Besucherregelung wieder ganz offen. Die Bewohner dürfen auch wieder nach Hause gehen, ohne danach für zwei Wochen in Quarantäne zu müssen. Wo sich aber noch viel tun muss, ist die Situation in unseren Werkstätten. Von den etwa 70 Personen aus unserem stationären Bereich dürfen auch jetzt überhaupt nur 14 dort wieder arbeiten.

Warum ist das so?

Die Begründung für die amtlichen Bedenken: Die Werkstatthallen seien zu klein. Und: Die Beschäftigten würden die Hygieneregelungen nicht einhalten können.

Sie sehen das anders?

Mich ärgert das. Ich würde da von der Leitung der Werkstatt eine andere Strategie erwarten.

Welche denn?

Es müsste genauer geprüft werden, wer in die Werkstatt kommen kann. Und die Einhaltung der Hygieneregeln müsste viel besser geschult werden. Das wird aber nicht gemacht. Stattdessen wird gesagt: Die Person kann nicht, nur weil sie in einer stationären Einrichtung lebt. Das geht so nicht. Diese Menschen sind durchaus lernfähig, man muss ihnen nur die Chance dazu geben. Für uns bedeutet das etwa ein Drittel mehr an unbezahltem stationären Betreuungsaufwand. Und das seit sechs Monaten.

Wie sieht es mit dem Schulbesuch von Menschen mit Beeinträchtigung aus?

Das läuft inzwischen wieder normal, da hat die Bildungsbehörde wirklich einen guten Job gemacht. Auch die Inklusion beginnt wieder vernünftig zu laufen. Da habe ich im Moment keinen Grund zur Klage.

Wie viele Kinder betrifft das?

Ich würde sagen, so 300 bis 400 Kinder. Sicher ist auch bei der Inklusion alles noch nicht wieder so wie früher, aber wenn sich an der Corona-Lage nichts Wesentliches ändert, sind wir da auf einem guten Weg.

Sie fordern mehr denn je die gesellschaftliche Gleichbehandlung von Menschen mit Beeinträchtigung. Was hat sich da getan in den letzten Jahren?

Ich glaube, wir sind mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem wir sagen können: Wir brauchen keine stationären Einrichtungen mehr – ob das nun Wohneinrichtungen sind oder Werkstätten. Der Martinsclub wird deshalb seine beiden großen stationären Wohneinrichtungen komplett ambulant ausrichten, sie also auflösen.

Warum wollen Sie das machen?

Weil wir aus der Pandemie gelernt haben: Wir brauchen sie nicht. Die Nachteile der stationären Einrichtungen sind einfach immens groß.

Weil sie dort zu Beginn der Corona-Krise wie eingesperrt gelebt haben?

Ja genau, drei Monate lang. Das ist in den ambulanten Einrichtungen nicht der Fall gewesen – die können kommen und gehen wie sie wollen, weil sie ihre eigenen Wohnungen haben. Und dieses Problem haben wir in stationären Einrichtungen auch in Grippezeiten oder bei Durchfall-Infektionen. Immer kommen wir in eine Notsituation. Sowohl die Bewohner als auch die Betreuer hängen einfach zu dicht zusammen. Durch Corona haben wir festgestellt: Eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung kriegen wir auch ambulant hin. Und hinzukommt: Das können wir in den Wohnungen sogar viel besser als stationär.

Und bei den Werkstätten?

Da ist unser Ziel, dass die Menschen mit Beeinträchtigung nicht mehr in den Werkstätten arbeiten, sondern dass wir sie im ersten Arbeitsmarkt unterbringen.

Für den Fall, dass es doch eine starke zweite Welle von Corona-Infektionen geben sollte: Sind sie dann besser vorbereitet?

Wir müssen die Gesetze einhalten. Und wenn die auf den Stand von März/April zurückfallen, dann haben wir erneut eine solche Lockdown-Situation. Um die stationären Einrichtungen wie geplant aufzulösen, brauchen wir etwa zwei Jahre. Das lässt sich leider nicht so schnell ändern, obwohl wir es gerne möchten. Aber insgesamt haben wir viel gelernt in den vergangenen Monaten und würden uns ein Wegsperren so nicht mehr gefallen lassen.

Das Gespräch führte Hans-Ulrich Brandt.

Info

Zur Person

Thomas Bretschneider

ist seit 2015 Vorstand des Martinsclubs Bremen e. V.; bereits seit 1993 ist er dort leitender Mitarbeiter. Seit 1973 setzt sich der Martinsclub für Menschen mit Beeinträchtigung ein.

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