Aktionsplan für mehr Bio-Kost

Bremen zeigt Hamburg bei gesunder Ernährung den Weg

Zwei Jahre gibt es den Aktionsplan „Gesunde Ernährung“, der für mehr Bio-Kost in Bremens Gemeinschaftsverpflegung sorgen soll. Durchaus eine Erfolgsgeschichte - kurioser Weise aber vor allem außerhalb Bremens.
10.02.2020, 06:00
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Bremen zeigt Hamburg bei gesunder Ernährung den Weg
Von Ralf Michel
Bremen zeigt Hamburg bei gesunder Ernährung den Weg

Auch so kann ein Büffet aussehen, wie die Grundschule an der Parsevalstraße schon seit Jahren beweist.

Frank Thomas Koch

Seit ziemlich genau zwei Jahren gibt es in Bremen den Aktionsplan 2025, der dafür sorgen soll, dass in den Schulen, Kitas, öffentlichen Mensen und Kantinen Bremens mehr Bio-Kost auf den Tisch kommt. Das hat sich augenscheinlich herumgesprochen. "100% Bio: Was tut die Hamburger Politik für gesundes & umweltfreundliches Essen" ist ein Symposion am 17. Februar in Hamburg überschrieben. Untertitel: "Kopenhagen, Berlin und Bremen zeigen den Weg."

„Man muss sich das mal vorstellen“, sagt Monika Baalmann vom Verein „SozialÖkologie“, der das Projekt „Mehr Bio in Bremer Kitas“ durchgeführt. „Bremen und Kopenhagen auf einer Stufe.“ Die dänische Hauptstadt gilt in Sachen Bio-Kost und nachhaltiger Ernährung als Vorzeigemodell. Michael Thun legt noch eine Schippe drauf. „Ich bekomme Anfragen aus ganz Deutschland, in denen sich die Leute erkundigen, wie wir das machen“, erzählt der Leiter der Bremer Vernetzungsstelle Schulverpflegung.

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Das sind sie, die Erfolgsgeschichten, von denen Peter Bargfrede in seiner Zwischenbilanz zu zwei Jahren Aktionsplan spricht. Bargfrede ist Sprecher des Agrarpolitischen Bündnisses Bremen (ABB). Das Bündnis war die treibende Kraft bei der Verabschiedung des Aktionsplans, der auf einen Bürgerantrag aus dem Jahr 2016 zurückgeht und im Februar beziehungsweise März 2017 von Senat und Bürgerschaft beschlossen wurde. Der Ruf, dass Bremen in diesem Bereich Pionierarbeit leiste, eile der Stadt voraus.

Im krassen Gegensatz dazu stehe jedoch, wie das Thema in Bremen selbst behandelt werde, sind sich Baalmann, Thun und Bargfrede einig. Ziemlich stiefmütterlich nämlich. „Man hat so das Gefühl, außerhalb Bremens mehr wahrgenommen zu werden als in Bremen selbst.“ Was das Trio ausdrücklich nicht als Kritik an den engagierten Menschen an der Basis verstanden wissen will. In den meisten Schulen und Kindergärten und in den Kantinen des Klinikverbundes Gesundheit Nord werde der Aktionsplan mit viel persönlichem Einsatz vorangetrieben. „Da passiert eine Menge. An denen liegt es nicht.“

Fehlende Verwaltungsstrukturen

Was jedoch fehle, seien die entsprechenden Strukturen auf Verwaltungsebene in den zuständigen Ressorts. „Das größte Versäumnis besteht darin, dass bis heute keine ressortübergreifende Projektarbeitsgruppe eingerichtet wurde“, sagt Bargfrede. Die hätte eigentlich Maßnahmen für die Erreichung der Ziele des Aktionsplans erarbeiten sollen. Und ein System, wie die Einhaltung der Bio-Quoten überprüft und gewährleistet werden könne, erklärt der ABB-Sprecher. Dass es diese Gruppe auch zwei Jahre nach dem Start immer noch nicht gebe, sei ein Armutszeugnis. „Das lässt uns zweifeln, ob die Ressorts wirklich ernsthaft an der Umsetzung des Aktionsplans interessiert sind.“

Für Schulen und Kitas sieht der Plan bis 2022 eine schrittweise Umstellung auf Bio-Kost vor, für Krankenhäuser bis 2024. Mit festgelegten Quoten, wie viel Prozent bei tierischen und pflanzlichen Produkten in jedem Jahr und am Ende des Plans erreicht werden müssen. „Aber im Grunde können wir nicht sagen, ob die Quoten bis Ende 2019 tatsächlich erreicht wurden“, konstatiert Thun für den Bereich der Schulen. Von den Akteuren selbst höre man zwar, dass sie im Zeitplan lägen. „Aber es gibt keine belastbaren Zahlen. Denn die werden nicht erhoben.“

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Thun bezweifelt, ob den Verantwortlichen in Bremen klar ist, welche Dimension die Umsetzung des Aktionsplans hat. „Es geht um Millionen von Essen jedes Jahr, also um gigantische Mengen. Dafür muss unglaublich viel bewegt werden“, sagt Thun und errechnet ein Finanzvolumen von 70 bis 100 Millionen Euro jährlich. „Das ist verwaltungsmäßig alles noch überhaupt nicht personell hinterlegt.“

Hier sei auch der Schlüssel für die viel beschworene Aufwendungsneutralität zu finden. Unter dem Strich darf die Umstellung auf Bio-Kost nicht mehr kosten, fordert der Bürgerschaftsbeschluss von 2017. Ist zu schaffen, sagt Thun. Aber nur mit entsprechender personeller Ausstattung der Behörden und einer professionellen Herangehensweise. „Und nicht, wenn man das wie jetzt einfach so irgendwie laufen lässt. Genau dieser Schlendrian macht das Ganze dann nämlich um ein Vielfaches teurer.“

Punkten beim Klimaschutz

Bargfrede ist noch ein anderer Aspekt wichtig – der Klimaschutz. Zu viel Nitrat aus überdüngten Feldern im Grundwasser, gefährliche Antibiotikaresistenzen, das dramatische Insektensterben und ein klimaschädlicher, weil viel zu hoher Fleischkonsum. „Dies alles hat viel damit zu tun, wie wir uns ernähren und welche Landwirtschaft betrieben wird“, betont der ABB-Sprecher.

Und gerade hier könne Bremen ebenfalls punkten: „Mit dem Aktionsplan haben wir ein ambitioniertes und bundesweit beachtetes Projekt beschlossen, das diesen negativen Entwicklungen etwas entgegensetzt.“ Zustimmung von Baalmann und Thun: „Wir haben hier einen gesellschaftspolitischen Bereich, in dem Bremen eine Vorreiterrolle einnimmt – nur muss das jetzt auch in den Verwaltungsstrukturen umgesetzt werden.“

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