Wirtschaftssenatorin zum Domsheide-Streit „Dann müssten wir die Glocke dichtmachen“

Der Streit um die Domsheide, Bremens Verkehrsknotenpunkt in der Innenstadt, spitzt sich zu. Im Interview mit dem WESER-KURIER widerspricht Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke) den bisherigen Plänen.
27.04.2021, 21:22
Lesedauer: 4 Min
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„Dann müssten wir die Glocke dichtmachen“
Von Jürgen Hinrichs

Frau Vogt, übles Foul an Ihrer Senatskollegin: Wie kommen Sie dazu, Maike Schaefer bei der geplanten Umgestaltung der Domsheide plötzlich dermaßen in die Parade zu fahren?

Kristina Vogt: Von plötzlich kann keine Rede sein, wie kommen Sie darauf?

Weil in den zwei Jahren Planung weder von Ihnen noch von ihrer Partei ein Nein zu den Vorstellungen von Schaefer zu hören war. Auch nicht von der SPD übrigens, die ebenfalls erst jetzt widerspricht.

Ich habe im Senat die ganze Zeit eine klare Haltung vertreten. Nicht in der Öffentlichkeit, stimmt, aber da gehörte es auch nicht hin.

Was ist Ihr Einwand gegen die Entscheidung Ihrer Kollegin von den Grünen, die zentrale Haltestelle auf der Domsheide vor der Glocke zu platzieren?

Das würde dem Konzerthaus wahnsinnige Probleme bereiten. Es muss sich weiter entwickeln können, mit einer inhaltlichen und räumlichen Öffnung. Bestes Beispiel dafür ist für mich das Theater am Goetheplatz mit dem Theatro daneben. Für so etwas wäre vor der Glocke kein Platz mehr, sollten dort künftig die Straßenbahnen halten und viele tausend Menschen umsteigen.

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Schaefers Vorschlag ist das Ergebnis eines langen Beteiligungsverfahrens, bei dem 14 Varianten untersucht wurden, um am Ende diese eine auszuwählen. Das ist doch kein schneller, unbedachter Wurf.

Nach meinem Eindruck war die Glocke-Variante früh gesetzt, die anderen Möglichkeiten, zum Beispiel in der Balgebrückstraße, sind nicht gründlich genug geprüft worden. Das ist der Grund, weshalb wir uns darauf geeinigt haben, noch einmal draufschauen zu lassen. Ich bin froh, dass wir den Resetknopf gedrückt haben. Bisher war mir die Sicht zu eng, hauptsächlich auf verkehrliche Fragen gerichtet. Es gibt aber auch die anderen Aspekte, städtebaulich und auf die Glocke bezogen. In dem Zusammenhang sollte man durchaus noch einmal darüber nachdenken, die Straßenbahn zu verlegen und sie über die Martinistraße zu führen. Auch wenn das zugegebenermaßen sehr teuer wäre. Das muss man ebenso ehrlich bewerten.

Frau Schaefer macht nicht den Eindruck, als ob sie das Paket aufschnüren wollte. Sie beharrt auf Ihren Vorschlag.

Ich erwarte jetzt zunächst, dass geprüft wird, und zwar ernsthaft und gut nachvollziehbar. Hier handelt es sich schließlich um keine Kleinigkeit. Das legt die Entwicklung der Innenstadt an dieser Stelle und die der Glocke für die nächsten Jahrzehnte fest. Wie dann am Schluss die Entscheidung ausfällt, werden die politischen Prozesse zeigen.

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Es ist doch nicht so, dass die Bau- und Verkehrssenatorin das Konzerthaus völlig außer Acht gelassen hat. Sie will Flüsterschienen verlegen und plant eine neue Zufahrt, damit die schweren Lastwagen nicht länger vor der Glocke halten müssen.

Gut, dass Sie das ansprechen. Es ist nämlich noch völlig ungeklärt, ob dieser Plan gelingt, das hängt vom Besitzer eines Gebäudes ab, das im Weg steht, und auch von der Domgemeinde. Stellen Sie sich vor, es klappt nicht. Dann müssten wir die Glocke dichtmachen, denn wo sollten die Lastwagen parken, wenn die neue Haltestelle kommt? Mir scheint, dass nicht allen klar ist, welches Kleinod wir mit dem Konzerthaus und seiner einzigartigen Akustik im großen Saal besitzen. Die Glocke ist von nationalem Rang. Der Bund hat das erkannt und 40 Millionen Euro bereitgestellt.

Eine Summe, die Sie mit dem gleichen Betrag ergänzen müssen.

Richtig, ob das gelingt, ist offen. Es wird gerade an einer Machbarkeitsstudie gearbeitet, wie wir die Glocke mit dem Geld weiterentwickeln können. Ich stelle mir, wie schon erwähnt, eine stärkere Öffnung der Glocke vor. Inhaltlich, aber auch baulich mit einer Gastronomie davor. Es soll ein cooler Ort werden, der auch ein jüngeres Publikum anspricht.

Ohne Haltestelle.

Genau.

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Droht Krach in der Koalition, oder ist er schon da?

Dass wir unterschiedlicher Meinung sind, gehört dazu. Es wird deswegen nicht gleich der große Streit ausbrechen. Ich werfe auch nicht die Flinte ins Korn, wenn ich mich in der Sache nicht durchsetzen kann. Aber warten wir doch einfach mal ab.

Am Freitag findet der nächste Innenstadt-Gipfel statt. Die Domsheide ist nur ein Thema. Was bringt ein neuerlicher Gipfel, wenn immer die gleichen Teilnehmer dabei sind?

Was sollen wir machen? Abwarten, bis der Lockdown vorbei ist? Die Pandemie trifft die City hart, da ist es wichtig, im Dialog zu bleiben. Deshalb wollen wir den nächsten Innenstadt-Gipfel auch streamen – die Innenstadt geht schließlich alle an. Außerdem wollen wir das Aktionsprogramm fortschreiben.

Zu dem Programm gehört eine verkehrsberuhigte Martinistraße, die für einen bestimmten Zeitraum und auf einem Abschnitt zur Einbahnstraße werden soll. Was halten Sie davon?

Ich kann's mir, ehrlich gesagt, nicht vorstellen. Die Martinistraße mit nur noch zwei Fahrspuren ist okay, Tempo 30 auch. Aber die Einbahnstraße, ich weiß nicht – wo wird der Verkehr hinfließen, welche Straßen werden dann zusätzlich belastet?

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Der Investor Kurt Zech hat gefordert, dass Bremen für die Innenstadt eine halbe Milliarde Euro zur Verfügung stellt.

Natürlich müssen auch städtische Mittel fließen, am besten, indem in der City eine Vielzahl von öffentlichen Nutzungen organisiert wird. Die Hochschule hat Raumbedarf, andere melden sich auch, diese Art von Nutzung wäre sehr förderlich. Es müssen neue Ankerpunkte entstehen. Ganz sicher können wir die Steuermittel aber nicht dafür ausgeben, um die Projekte von Herrn Zech absichern.

Das Gespräch führte Jürgen Hinrichs.

Info

Zur Person

Kristina Vogt (55) ist seit August 2019 Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa. Die Linken-Politikerin war von 2011 Mitglied der Bremischen Bürgerschaft und wirkte dort acht Jahre lang als Fraktionsvorsitzende.

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