Bremer Arzt im Interview

Wie sich die Corona-Maßnahmen auf Kinder auswirken

Der Bremer Arzt Stefan Trapp warnt vor Folgen der Pandemie-Maßnahmen für Kinder. Dazu zählten Entwicklungsdefizite und psychische Probleme. Der Besuch von Kita und Schule sollte ermöglicht werden, fordert er.
13.01.2021, 20:37
Lesedauer: 4 Min
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Wie sich die Corona-Maßnahmen auf Kinder auswirken
Von Sabine Doll

Herr Trapp, seit zehn Monaten befinden wir uns in der Corona-Pandemie. Was heißt das für Kinder- und Jugendarztpraxen?

Stefan Trapp: Zum einen haben sich die organisatorischen Abläufe in den Praxen sehr verändert. Es wurden spezielle Infektsprechstunden eingerichtet, Eltern werden gebeten, sich zunächst immer telefonisch zu melden – und wir haben als zusätzliche Möglichkeit Videosprechstunden eingeführt. Für den laufenden Betrieb gibt es Hygienekonzepte zum Schutz vor einer Infektion. Das bedeutet: Ärzte und medizinische Fachangestellte tragen Masken, ebenso die Eltern. Alles wurde so organisiert, dass die Patienten mit anderen so wenig wie möglich in Berührung kommen.

Das funktioniert?

Sehr gut, es ist aber auch grundsätzlich weniger in den Praxen los.

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Woran liegt das?

Das Infektionsgeschehen hat sich total verändert. Die Alltagshygienemaßnahmen wie das Tragen von Masken, der Lockdown in Schulen und Kitas sowie der weitgehende Ausschluss von Kindern aus ihrem sozialen Umfeld führt dazu, dass es deutlich weniger Infekte gibt als in normalen Wintermonaten. Wir hätten jetzt eigentlich die Hochphase, in der Kinder mit Atemwegsinfektionen, fieberhaften Virusinfekten und Durchfallerkrankungen in den Praxen behandelt würden. Das ist auf ein hochsommerliches Maß geschrumpft.

Ist das ein positiver Effekt von Corona beziehungsweise der Schutzmaßnahmen?

Was die Infekte betrifft, sicher. Aber: Die Schäden durch die Einschränkungen für Kinder und Jugendliche wiegen sehr schwer. Wir stellen gravierende und besorgniserregende Veränderungen fest.

Welche sind das?

Wir haben mit Kindern zu tun, die massive psychische Auffälligkeiten entwickeln, weil sie mit dieser Situation nicht umgehen können. Sie erleben in ihrem ganzen Umfeld große Verunsicherung. Die Vereinsamung durch den Wegfall der Kontakte im sozialen Umfeld Kita und Schule halte ich für besonders bedrohlich. Die Lernaufgabe für Kinder ist es, mit Gleichaltrigen klarzukommen. Anders als Erwachsene, die dies durch Kontakte auf der Arbeit, beim Einkaufen oder auch bei Videokonferenzen kompensieren können, fällt das bei Kindern weg. Der Zeitraum von fast einem Jahr ist für Erwachsene schon lang, für kleine Kinder ist das in dem Moment praktisch ihr ganzes Leben.

Macht sich das auch bei der Entwicklung bemerkbar – stellen sie bereits Auswirkungen fest?

Viele Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, machen massive sprachliche Rückschritte. Ursache ist, dass sie nur sporadisch im Kindergarten gewesen sind – der Kindergarten für diese Mädchen und Jungen aber häufig das einzige deutschsprachige Umfeld ist. Auch andere Fähigkeiten, die sie in der Kita und im Spiel mit anderen Kindern erwerben, gehen verloren. Die fein- und grobmotorischen Fähigkeiten etwa nehmen ab. Dazu kommt das Thema Bewegungsmangel: Was uns im Sommer erschüttert hat, ist der starke Rückgang der normalen Spielunfälle. Das klingt zynisch. Es zeigt aber, dass die Kinder sich weniger bewegen, wenn sie nicht in Kita, Schule oder Sportverein gehen.

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Stichwort: Bewegungsmangel und Übergewicht. Auch vor der Corona-Pandemie war dies bereits ein Thema, auf das Kinder- und Jugendärzte immer wieder hingewiesen haben. Laut dem Landesgesundheitsbericht 2019 lag der Anteil übergewichtiger oder adipöser Schulanfänger in der Stadt Bremen bei 11,7 Prozent.

Der Corona-Effekt verstärkt das wahrscheinlich noch, das sehen wir fast täglich. Bewegungsmangel und erhöhter Kalorienkonsum führen teilweise zu deutlichen Gewichtszunahmen. Es gibt dazu noch keine aktuellen Erkenntnisse, aber zu vermuten ist, dass auch dies eine soziale Komponente hat. Heißt: Dass Familien, die über weniger Ressourcen verfügen, ihre Kinder auch weniger unterstützen können – nicht nur im Hinblick auf schulisches Lernen.

Bildungssenatorin Claudia Bogedan wird teilweise massiv dafür kritisiert, dass die Schulen in Bremen prinzipiell offen gehalten werden. Wie sehen Sie das?

Als Kinderärzte setzen wir uns vehement dafür ein, dass Kinder ihre Kontakte in Schule und Kita behalten können – es werden gute Hygienekonzepte umgesetzt, darauf muss man vertrauen. Natürlich muss alles so sicher wie möglich gemacht werden, aber man kann die Kinder nicht einfach auf Dauer nach Hause schicken. Ihnen fehlt mehr als der Unterricht – und zwar nachhaltig. Bremen geht aus meiner Sicht den richtigen Weg, Kindern den Besuch von Kita und Schule prinzipiell zu ermöglichen.

Die Corona-Pandemie wird noch lange nicht beendet sein. Im Moment kann niemand sagen, wie sich die Infektionszahlen trotz des Impfbeginns entwickeln werden. Einschränkungen werden deshalb ebenso lange Thema bleiben – auch für Schulen und Kitas. Weiß man denn überhaupt, welche Maßnahmen einen Effekt haben?

Nein, das ist aber dringend notwendig und wird gerade auf Bundesebene angegangen. Das heißt: Es wird ausgewertet, welche Präventionsmaßnahmen in Schulen wissenschaftlich überprüft wirksam sind und welche nicht. Ziel ist eine nationale Leitlinie, die Ende Januar zur Verfügung stehen soll. Im Moment werden nach meinem Eindruck oft punktuell Erkenntnisse zitiert, die in den eigenen politischen Forderungskatalog passen. Deshalb ist es höchste Zeit, dass wissenschaftliche Erkenntnisse zusammengetragen werden.

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Welche konkreten Maßnahmen in Schulen und Kindergärten werden dabei auf ihre Wirksamkeit überprüft?

Es geht etwa um das Tragen von Masken im Unterricht oder um Wechselgruppen-Unterricht. Oder auch: Was bringen Lüftungskonzepte? Und natürlich: Was bringen Schulschließungen? Wichtig ist, dass diese Maßnahmen wissenschaftlich begleitet und hinsichtlich ihrer tatsächlichen Wirksamkeit ausgewertet wurden.

In den vergangenen Monaten haben wir gerade beim Thema Schule und Kita erlebt, dass die Bundesländer sehr häufig eigene Wege gehen. Leitlinien sind Empfehlungen – wie groß ist daher die Hoffnung, dass sie auch politisch umgesetzt werden?

Es soll sich um eine S3-Leitlinie handeln, die damit den höchsten Evidenzgrad hat. Das sind dann nicht einzelne Expertenmeinungen oder ein Konsens, sondern wissenschaftliche Fakten, die zusammengefasst werden. Man kann nur hoffen, dass die Politik dies dann eins zu eins umsetzt, weil sie sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse berufen kann.

Das Interview führte Sabine Doll.

Info

Zur Person

Stefan Trapp (56) ist in einer kinder- und jugendärztlichen Gemeinschaftspraxis in Huchting niedergelassen und Landesvorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte.

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