Stephanie Silber im Porträt

Die erste Frau an der Spitze der Baumwollbörse

Stephanie Silber setzt als neue Präsidentin der Bremer Baumwollbörse in Zeiten der Krise auf den Zusammenhalt in der Branche. 2022 feiert der Verein sein 150-Jähriges – mit der Managerin an der Spitze.
30.06.2020, 05:00
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Die erste Frau an der Spitze der Baumwollbörse
Von Lisa Boekhoff
Die erste Frau an der Spitze der Baumwollbörse

Auftakt für die Amtszeit: Stephanie Silber ist die erste Frau an der Spitze der Baumwollbörse.

Christina Kuhaupt

Erst wenige Tage dauert die Amtszeit von Stephanie Silber. Doch zum Aufwärmen bleibt ihr kaum Zeit. Die Krise hinterlässt auch in der Baumwollindustrie deutliche Spuren: Der Textilhandel ist von der Pandemie schließlich besonders betroffen. Das schlägt sich bei allen Akteuren in der Kette nieder – bis hin zum Rohstoff. Der Kurs von Baumwolle brach im März deutlich ein.

Der Kaltstart scheint der Managerin, die gerade erst zur Präsidentin der Bremer Baumwollbörse gewählt wurde, nichts auszumachen. Statt einer eigenen Agenda geht es nun vor allem um Krisenbewältigung. Die Umstände geben Silber ihre Arbeit vor. „Alles ist jetzt fokussiert auf die Auswirkungen von Corona“, sagt die 40-Jährige. Das werde wahrscheinlich ihre Präsidentschaft begleiten.

Der Einschnitt ist hart: Die Nachfrage sei stark zurückgegangen, es gebe keine Nachholeffekte und gleichzeitig sei die Ernte groß. Verträge werden verschoben oder gekündigt. Der Verein Baumwollbörse setzt sich für die Faser und den Austausch in der Branche ein. Produzenten, Händler und Verarbeiter sollen in den Dialog gebracht werden – nicht leicht in Zeiten einer Pandemie. Die Baumwolltagung, die alle zwei Jahre Experten aus der ganzen Welt nach Bremen bringt, musste in diesem Jahr abgesagt werden.

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Doch Silber verfügt über die Fähigkeit, neue Wege zu finden, wenn das nötig ist. Als der Lockdown kam, setzte sie sich kurzerhand vor die Kamera und begann für die Kinder ihrer Freunde Geschichten vorzulesen: 100 Ausgaben sind dabei entstanden mit „Petronella Apfelmus“ und „Richtig gute Freunde“. Silber erzählt das erst, als das Aufnahmegerät für das Gespräch schon nicht mehr läuft. Sicher: Das hat nichts mit Baumwolle zu tun, sagt jedoch etwas über die neue Spitze der Bremer Institution.

Seit acht Jahren gehört Silber zur Geschäftsführung des Baumwollhändlers Otto Stadtlander. Das Unternehmen mit 30 Mitarbeitern handelt weltweit mit der Rohware. Zur Gruppe gehören daneben drei Gesellschaften, die synthetische Fasern vertreiben. Während der Fokus von Stadtlander in der Vergangenheit auf Deutschland und Europa lag, hat sich der Markt heute nach Fernost verschoben. Vor allem in China, Indien, Bangladesch, Vietnam und Indonesien macht das Unternehmen seinen Umsatz. „Unsere Kunden sind die Spinnereien“, sagt Silber. Denn aus der Baumwolle muss zunächst noch das Garn für die Textilien gefertigt werden.

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Wie aber kam Silber zur Baumwolle? Nach dem Abitur in Oldenburg reizte sie die Ausbildung im Außenhandel bei Otto Stadtlander wegen der internationalen Ausrichtung. Damals hatte sie noch keinen Bezug zum weißen Gold. Doch die Lehre bei Stadtlander habe ihr sehr viel Spaß gemacht, und sie sei „hängengeblieben“ an der spannenden Faser – ein ganz passendes Bild. Worauf kommt es bei der überhaupt an? „Eigentlich gibt es keine schlechte Baumwolle“, sagt Silber, denn es gebe unterschiedliche Einsatzzwecke.

Im Anschluss an die Ausbildung ging es für Stephanie Silber ganz im Sinne ihrer Leidenschaft für das Reisen ins Ausland: für ein internationales Baumwollseminar in die USA nach Memphis. Dort traf sie Menschen aus der ganzen Welt zum Austausch über Baumwolle und zum Vernetzen. Memphis sei eine klassische Baumwollstadt. „So wie Bremen.“

Nun ist Silber die erste Frau an der Spitze der Baumwollbörse seit 1872. Für die Zukunft wünscht sie sich, dass auch mehr Bremerinnen und Bremer um die Einrichtung im markanten Gebäude unweit des Marktplatzes wissen. „In der Baumwollwelt ist Bremen bekannt.“ Als eine Art Schiedsrichter kommt die Börse etwa ins Spiel, wenn es Streitigkeiten gibt: Werden sich Käufer und Verkäufer beim Handel nicht einig, beurteilen die Bremer die Ware, ihre Reißfestigkeit, Dichte, Verschmutzung oder Farbe. In einem der Räume sind Baumwollreferenzen aus der ganzen Welt versammelt.

Jubiläum in der Amtszeit

Die Baumwollbörse blickt auf eine lange Geschichte zurück. Wenngleich der Auftakt der Präsidentschaft von Silber wegen Corona nicht leicht ist, wartet zum Ende der Amtszeit eine Belohnung: 150 Jahre wird die Baumwollbörse im Jahr 2022 alt. Silber konnte mit Stadtlander bereits Feste feiern: Das Traditionsunternehmen beging 2019 seinen 100. Geburtstag und Silber ihr 20-Jähriges im Haus. Einladungen konnten da noch ohne Hygienekonzept ausgesprochen werden. Silber hofft, dass das Jubiläum der Baumwollbörse gebührend gefeiert werden kann.

Pläne für eine Veranstaltung gibt es hier auch für das nächste Jahr. Die Baumwollbörse will ihre ausgefallene Tagung dann nachholen. „Sie ist vobereitet, daran wird es nicht scheitern“, sagt Silber. Allerdings müsse genau beobachtet werden, ob die internationalen Teilnehmer überhaupt in die Hansestadt reisen können, ob sich das verantworten ließe. Sonst müssten eben andere Formen des Austausches gefunden werden. Die Baumwollwelt soll wieder nach Bremen schauen – mit Stephanie Silber als Gastgeberin in ihrer Stadt.

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Derzeit passiert im Alltag der Managerin viel per Video. Weil Silbers Schwerpunkt die Finanzen sind, ist ihr Arbeitsplatz ohnehin oft Bremen. „Da ist die Reisetätigkeit per se nicht ganz so ausgeprägt.“ Doch Silber ist weiter gerne unterwegs, besucht Tansania oder Myanmar. In Israel hat sie sich unlängst den Baumwollanbau vor Ort angeschaut. Den Rohstoff bezieht Stadtlander neben Israel auch aus Brasilien oder Ägypten. In den vergangenen Wochen sei der Transport schwerer gewesen, die Herausforderung größer, Ware aufs Schiff zu bringen, berichtet Silber.

Die Krise spürt ihr Unternehmen auch bei der Nachfrage. Das Neugeschäft sei zurückgegangen. Schon gleich zu Beginn der Krise hätten Textilketten in der Branche Bestellungen storniert. Und Erholung sei momentan noch nicht in Sicht. „Wer geht mit Maske gerne einkaufen? Das hat keinen Charme.“ Doch der Einkauf sei wichtig, appelliert Präsidentin Silber angesichts der vielen Beschäftigten in der Baumwollindustrie. Allein vom Anbau bis hin zum Ballen leben 150 Millionen Menschen von der Baumwolle – davon viele in Entwicklungsländern.

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