Diskussion über Parallelen von 1930 und 2020

Die Schreckensherrschaft vor Augen

Gibt es Parallelen zwischen den Jahren 1930 und 2020? Über diese Frage haben der CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Jens Eckhoff und der Politikwissenschaftler Herfried Münkler diskutiert.
29.10.2020, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Gerald Wessel

Zeiten, in denen Bewährtes an Stellenwert verliert und Einfaches als Erklärung für Komplexes angenommen wird – eine denkbare Beschreibung für Schicksalsjahre und um diese soll es an diesem Abend gehen: „Wir erleben einen massiven Einbruch in unsere Welt, die auf scheinbaren Gewissheiten beruht“, sagt Herfried Münkler und denkt bei der Frage des CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Jens Eckhoff kurz vor Halloween an weit mehr als nur historische Schreckgespenster. Der emeritierte Politik-Professor von der Humboldt-Universität zu Berlin geht mit seiner Antwort ins Detail. Denn hierzu ist er schließlich der Einladung der Bremer CDU zum Abschluss ihrer Veranstaltungsreihe unter der Frage „Deutschland 2020 – was unterscheidet uns heute von 1930?“ gefolgt.

„Es gibt einige irritierende Ähnlichkeiten“, vergleicht der Wissenschaftler das aktuelle Jahr mit 1930, in dem die anhaltende Weltwirtschaftskrise dem Aufstieg der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) endgültig Anschub gab. „Aber es gibt wichtige strukturelle Unterschiede“, gibt Münkler auch zu bedenken. Letztere seien vor allem der nicht geplante Abbau des Sozialstaates, wie er sich einst 1930 ankündigte und die fehlenden Reparationszahlungen. Damit sind die Sachabgaben und Geldsummen gemeint, die das damalige Deutschland als Kriegsentschädigung zu leisten hatte.

Doch das rasante Anwachsen der Wählerschaft der AfD (von 4,7 Prozent bei der Bundestagswahl 2013 auf 12,6 Prozent bei der Bundestagswahl 2017) wecke natürlich auch bei ihm Erinnerungen an die NSDAP, die zwischen den Reichstagswahlen 1930 und 1933 ihre Stimmanteile teils vervierfachte. Auch zu unserer Zeit würden Regierungsbildungen schwerer, wie die gescheiterten Jamaika-Verhandlungen zeigten. „Der Bundespräsident geriet in die Rolle des Reichspräsidenten und musste aktiv in die Koalitionsbildung eingreifen“, erinnert Münkler.

„Die Reaktionen auf die Wahl Kemmerichs in Thüringen haben aber gezeigt: Wir haben gegenüber den 30ern gelernt.“ Man wisse, dass es nottue, politische und gesellschaftliche Anstrengungen zu unternehmen, um solchen Entwicklungen entgegenzuwirken. So erhöhe und finanziere man heute öffentliche Ausgaben, um zusätzliche Arbeitslosigkeit Hunderttausender und damit potenzielle Neuwähler für extreme Parteien zu verhindern.

Doch auch eine andere, oftmals eher nicht zur Wahl gehende Gruppe sei ein Problem: Pegida. „Ein mürrisches, abgehängtes Publikum, dem man das Grauen ihres Lebens bis in ihre Kleidung ansehen kann“, sagt Münkler. Denn Nichtwähler seien für AfD wie auch einst für die NSDAP eine empfängliche Zielgruppe.

Zum Ende hin widmet er sich noch der FDP, die aus Sicht des Christdemokraten Jens Eckhoff bei manchen Themen sichtlich zur AfD rücken würden: „Ja, es zeichnet sich eine Verschiebung nach rechts ab“, sagt Münkler. Er empfiehlt der CDU, nicht auf sie als Stütze zukünftiger Koalitionen zu setzen. „Die FDP laviert derzeit stark, sie ist im Zuge ihrer noch anhaltenden neuen Profilentwicklung unberechenbar.“ Er hält ihren Rausfall aus dem Bundestag kommendes Jahr und damit eine weitere Stärkung der AfD für gut möglich. Nicht nur deshalb sei es wichtig, dass die historische Erinnerung nachwirkt: „Wir haben die Schreckensherrschaft allzeit vor Augen.“

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