Handelskammer-Geschäftsführer im Interview

„Herabwürdigende Pauschalkritik“

Die Handelskammer wirft der Umweltsenatorin im Streit um die Innenstadt vor, keine sachliche Debatte zu führen. Laut Kammer-Geschäftsführer Matthias Fonger hat sich der Umgangston verschlechtert.
30.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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„Herabwürdigende Pauschalkritik“
Von Michael Brandt
„Herabwürdigende Pauschalkritik“

Die Innenstadt ist auf Kunden aus der Region angewiesen, sagt die Kammer. Deshalb müssten zunächst Alternativen für die Erreichbarkeit angeboten werden, ehe Verkehrsraum für die Autos reduziert werde.

Frank Thomas Koch
Herr Fonger, die Umweltsenatorin wirft der Handelskammer vor, sie bausche im Verkehrskonflikt Skandale auf, sei nicht konstruktiv und zeige keine fairen Umgangsformen. Sind Kammer und Senatorin auf Konfrontationskurs?

Matthias Fonger: Wir haben eine sachorientierte Stellungnahme zum Verkehrsentwicklungsplan abgegeben, um die wir gebeten worden waren. Da kann ich nicht verstehen, warum wir statt einer sachlichen Antwort nur eine herabwürdigende Pauschalkritik bekommen. Das ist eine neue Diskussionsart, die wir uns überhaupt nicht wünschen. Es geht doch um die Zukunft unserer Stadt. Das braucht ein konstruktives Miteinander. Wir bitten daher die Senatorin, zu einer sachlichen Diskussion zurückzukommen. Warum sollten wir im Falle der Martinistraße nicht zu einer vernünftigen Lösung kommen? Mit einem Rückbau auf eine Spur je Fahrtrichtung und Temporeduzierung. Das wäre ein erstes Projekt im Sinne einer nachhaltigen Verkehrsentwicklung, das gemeinsam getragen würde und sofort umgesetzt werden könnte – ohne 1,3 Million Euro für Verkehrsversuche auszugeben.

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Sieht sich die Kammer, wie es der Grünen-Politiker Ralph Saxe sagt, als anachronistischer Bremsklotz?

Das ist wieder so eine unzutreffende Polemik, die alle Beteiligten in der Sache keinen Schritt weiterbringt. Vor allem lässt sie außer Acht, dass sich die Handelskammer in ihrer Stellungnahme ausdrücklich für eine nachhaltige, stadtökologische Verkehrswende ausspricht, aber mit Vernunft und Augenmaß.

Es gab einst das ungeschriebene Gesetz, dass sich Kammer und Senat in der Hansestadt nicht offen angreifen. Was ist heute anders?

Wir haben immer Gespräche mit dem Senat geführt. Wir haben aber auch immer öffentlich und ergebnisorientiert unsere Position vertreten. Entscheidend ist, dass es auf der Sachebene bleibt. Das ist, was wir im Interesse unserer Stadt einfordern.

Auch bei der Domsheide gibt es mit dem Ressort aber keinen gemeinsamen Nenner.

Die Zukunft der Domsheide ist eine sehr komplexe Frage. Es geht um die Glocke, um die Verkehrsführung und um die Frage, wie wir diesen zentralen Innenstadtplatz gestalten wollen. Wir finden daher die Überlegung richtig, dass man noch einmal Daten und Fakten zusammenträgt, gerade vor dem Hintergrund der neuen Überlegungen zu einem möglichen Um- und Ausbau der Glocke. Auch halten wir es für sinnvoll, dass zu einer denkbaren Verlagerung des Straßenbahnverkehrs aus der Obernstraße heraus in die Martinistraße eine Prüfung in Auftrag gegeben wird.

Die Handelskammer vertritt in den aktuellen Verkehrsdebatten, besonders zum Wall und zur Martinistraße, eine Pro-Auto-Position. Warum wundert Sie da die Kritik aus dem grünen Lager?

Die Handelskammer vertritt eine Pro-Innenstadt-Position und hat dabei die Belange der hier ansässigen 5.000 Gewerbebetriebe im Blick. Vor diesem Hintergrund haben wir zum Verkehrsentwicklungsplan insgesamt und damit auch zum Wall und zur Martinistraße fachlich Stellung genommen. Unsere Positionen haben wir breit in unseren Gremien abgestimmt, das heißt es stehen viele Unternehmerinnen und Unternehmer hinter dieser Haltung. Und selbstverständlich sprechen wir mit den betroffenen Anwohnern und Händlern. Im Falle der Martinistraße wollen wir, wie gesagt, auch eine Reduzierung des Verkehrs. Was wir aber nicht wollen, sind Einbahnstraßen-Regelungen oder Sperrungen, weil sie zu Ausweichverkehren in benachbarte Stadtteile führen und die Erreichbarkeit wichtiger Teile der Innenstadt erschweren.

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Die Handelskammer sagt: Für alle Vorhaben gelte es, zuerst alternative Mobilitäts-, Routen- und Stellplatzangebote zu schaffen, bevor der motorisierte Individualverkehr nachhaltig reduziert werden kann. Wie soll das gehen? Der Verkehrsraum kann nicht beliebig erweitert werden.

Die Bremer Innenstadt ist ein Oberzentrum für mehr als 2,5 Millionen Menschen in einem Einzugsradius von 100 Kilometern. Für sie muss die Erreichbarkeit gesichert bleiben. Wenn man eine großflächig autofreie Innenstadt umsetzt, ohne Alternativen zu schaffen, stärkt man den Verkehr zu den Einkaufszentren in der Region. Das ist weder ökonomisch noch ökologisch sinnvoll.

Aber die Menschen satteln um und kaufen Fahrräder. Muss man deshalb nicht auch das Thema Erreichbarkeit neu betrachten?

Die Tatsache, dass wir mehr Fahrräder im Stadtverkehr haben, ist außerordentlich positiv. Es wird sicherlich immer mehr Menschen geben, die mit dem Fahrrad in die Innenstadt fahren. Auch ich pendle mit dem Fahrrad zur Arbeit in den Schütting. Aber Handel, Gastronomie und Kulturangebote eines Oberzentrums müssen auch überregional vernünftig erreichbar sein.

Aber die Kunden benötigt man nicht im Auto am Wall.

Genau deswegen hat die Handelskammer in ihrer Stellungnahme vorgeschlagen, Park-and-Ride- und Bike-and-Ride-Möglichkeiten auszubauen und nach holländischem Vorbild zu Mobilitäts-Hubs weiterzuentwickeln. Dort hat man Umsteigepunkte am Stadtrand geschaffen, um den Menschen einen komfortablen Umstieg zu ermöglichen. Dieser Ausbau wäre auch für Bremen ein wichtiger Schritt. Wer die Erreichbarkeit einschränkt, ohne Alternativen anzubieten, wird letztlich keinen Erfolg haben.

Das Gespräch führte Michael Brandt.

Info

Zur Person

Matthias Fonger

ist seit 1999 Hauptgeschäftsführer und 1. Syndicus der Handelskammer. Er hat Volkswirtschaftslehre und Jura studiert. Zuvor war er für den Deutschen Industrie- und Handelskammertag tätig.

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