Bremer Geheimnisse

Rätsel um eine eingemauerte Schatulle im Roland

In diesem Teil der „Bremer Geheimnisse“ geht es um eine eingemauerte Schatulle. Über viele Jahrzehnte befand sie sich im Inneren des Roland.
02.09.2020, 06:00
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Von Eva Maria Bast
Rätsel um eine eingemauerte Schatulle im Roland

Der Roland ist Wahrzeichen, beliebter Treffpunkt und begehrtes Fotomotiv. Wenige wissen jedoch, was es mit der eingemauerten Schatulle auf sich hat.

Frank Thomas Koch

Der Roland hat es gut! Ständig ist er von schicken Damen umringt, die sich vor oder neben ihm in Pose werfen. Einsamkeit kennt er nicht, denn wenn man sich in Bremen verabredet, trifft man sich in der Regel am Roland. Wäre er des Schreibens mächtig, er müsste bestimmt einen Autogrammwunsch nach dem anderen erfüllen. Alle lieben ihn, alle wollen mit ihm gesehen werden, in keinem Fotoalbum darf er fehlen. Dass er viele Jahre lang allerdings ein finsteres Geheimnis in sich barg, wissen nur wenige. Wer schaut sich schon die Rückseite des Roland genau an? Wem fällt auf, dass sich in etwa drei Metern Höhe relativ neue Steine befinden? Und wer würde diesen eine Bedeutung beimessen? Stadtführer Andreas Calic kennt das Geheimnis. Aber bevor wir es lüften, seien der Vollständigkeit halber einige Eckdaten genannt.

Die Statue stammt aus dem Jahr 1404 und gilt neben den Bremer Stadtmusikanten als Wahrzeichen der Stadt. Der 5,47 Meter große Kerl knackt dank seines 60 Zentimeter hohen Sockels insgesamt die Sechs-Meter-Marke. Und da der Roland obendrein noch einen Baldachin hat, weist er eine Gesamthöhe von exakt 10,21 Metern auf, was ihn zur größten mittelalterlichen frei stehenden Statue in Deutschland macht.

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Und wer ist nun dieser Roland? „Das ist angeblich der Neffe von Karl dem Großen”, stellt Calic vor. „Er soll den Kaiser repräsentieren, der die Marktrechte und Freiheiten verkündet, die man der Stadt verliehen hat.” Das ist auch der Inschrift zu entnehmen: vryheit do ik ju openbar / d’ karl vnd mēnich vorst vorwar / desser stede ghegheuen hat / des danket god’ is mī radt. Will heißen: „Freiheit tu ich euch öffentlich kund / die Karl und mancher Fürst fürwahr / dieser Stätte gegeben hat / dafür danket Gott, das ist mein Rat!“ Rolands Schwert symbolisiert die städtische Gerichtsbarkeit, sein Schild zeigt den Doppeladler als Zeichen des Anspruchs auf Reichsfreiheit.

So viel zu den Äußerlichkeiten. Was aber ist nun das Geheimnis des riesigen Kerls? Eines, für das er selbst gar nichts kann: Roland wurde 1938 als Versteck für Dokumente des Nazi-Regimes missbraucht. „Weil die Statue so marode war, dass sie beinahe umgefallen wäre, hat man sie auseinandergenommen, restauriert und wieder zusammengesetzt“, erzählt Calic. Die Nationalsozialisten nahmen den Wiederaufbau als willkommene Gelegenheit, eine Dokumentenkassette einzumauern. Die Texte priesen Adolf Hitler und seine nationalsozialistische Ideologie. „Auch ein Text des damaligen Bürgermeisters war darunter, ebenso Zeitungen. Es waren verschiedene historische Dokumente, die damals als so wertvoll eingeschätzt wurden, dass man sie für die Nachwelt bewahren wollte“, schildert der Stadtführer.

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Obwohl das Einmauern als offizieller Akt begangen wurde, geriet das papierne Innenleben zunehmend in Vergessenheit. „Zwar gab es in den 1960er-Jahren den Versuch, die Kassette zu entfernen, doch ist das im Sande verlaufen. Und 1988, als es kaum noch Zeitzeugen gab und keiner mehr so recht wusste, ob die eingemauerten Dokumente nicht nur ein Gerücht sind, wurde der Roland offiziell geöffnet“, berichtet Calic. Mithilfe von Metalldetektoren wurde die Kassette im Inneren des Roland aufgespürt, „denn den genauen Ort der Dokumente kannte niemand mehr“. Um die Kassette zu bergen, wurden drei Steine an der Rückseite in etwa drei Metern Höhe entfernt, damit man ins Innere der Statue gelangen konnte.

Andreas Calic kennt das Geheimnis, das den Roland umgibt, ganz genau.

Andreas Calic kennt das Geheimnis, das den Roland umgibt, ganz genau.

Foto: Bast

Die Kassette selbst, sagt Calic, sei allerdings zu groß und fest verankert gewesen, um sie herauslösen zu können. Also wurde die Schatulle lediglich geöffnet, ihr Inhalt entnommen – inklusive Überraschung in Form einer Karstadt-Tüte. „Das gab natürlich ein großes Hallo, denn diese Tüten gab es in den 1930er-Jahren, als man die Kassette einbaute, noch gar nicht“, erzählt der Stadtführer. Er hat die Erklärung für dieses Rätsel parat: 1984, also bevor die Figur offiziell geöffnet wurde, wurde der Kopf des Roland ausgetauscht, der durch den sauren Regen in den 1970er- und 1980er-Jahren angegriffen war. „Und bei dieser Gelegenheit haben Steinmetze, deren Chef die Geschichte der Kassette im Roland kannte, ihrerseits einen Kommentar geschrieben und diesen in einer Karstadt-Tüte auf die Schatulle gelegt.“ In ihrem Schriftstück erinnerten die Handwerker daran, dass durch Hitler Millionen Menschen sterben mussten.

Die Dokumente aus dem Inneren des Roland sind jetzt im Staatsarchiv aufbewahrt. Und der Roland ist bestimmt froh, dass man ihn von seinem düsteren Geheimnis befreit hat. Nun kann er ohne diese Last stolz und frei vor dem Rathaus stehen – und sich dem Blitzlichtgewitter stellen, das ihn täglich umgibt.

Der Roland steht mitten in der Stadt vor dem Rathaus. Die ausgetauschten Steine befinden sich in etwa drei Metern Höhe auf der Rückseite.

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