Kommissarische Chefs über Pandemie und Kontrolle

Bremer Gesundheitsamtsleiter: Der Druck ist massiv spürbar

Mitten in der Corona-Krise ist der bisherige Chef des Bremer Gesundheitsamtes zurückgetreten. Im Interview sprechen die beiden neuen kommissarischen Leiter darüber, wie sie um die Kontrolle der Pandemie ringen.
02.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Gesundheitsamtsleiter: Der Druck ist massiv spürbar
Von Nico Schnurr
Bremer Gesundheitsamtsleiter: Der Druck ist massiv spürbar

„Alle schauen auf uns.“ Joachim Dullin und Patricia Hamer haben mitten in der Corona-Krise die kommissarische Leitung des Gesundheitsamtes übernommen.

Frank Thomas Koch

Frau Hamer, Herr Dullin, seit zwei Wochen leiten Sie beide das Gesundheitsamt kommissarisch. Haben Sie sich das gut überlegt?

Patricia Hamer : Wir haben das innerhalb von wenigen Tagen entschieden. Der Rücktritt des bisherigen Leiters kam auch für uns überraschend, aber in der Pandemie dürfen wir keine Zeit verlieren. Wir können diese Position jetzt nicht ewig unbesetzt lassen, also sind wir sofort eingesprungen.

Es gibt leichtere Aufgaben als ein Gesundheitsamt in der Corona-Krise zu übernehmen.

Joachim Dullin : Uns war bewusst, dass sehr viel Arbeit auf uns warten wird, und das hat sich auch gleich bestätigt. Das ist eine Arbeitsdichte, die ich so noch nicht erlebt habe. Es geht hier um die Gesundheit in dieser Stadt. Natürlich gibt es viele Institutionen, auf die es nun ankommt, aber alle schauen auf uns. Der Druck ist massiv zu spüren.

Sie meinen die Kritik?

Dullin : Der Unmut ist derzeit groß. Viele Menschen sind sauer auf uns. Ich verstehe das. Angesichts der hohen Infektionszahlen haben wir unsere gesamten Personalkapazitäten in die Fallbearbeitung gesteckt. Die Folge ist, dass wir für sonstige Beratungen am Telefon kaum noch Zeit haben.

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Einige Kontaktpersonen berichten, dass sie zu spät informiert wurden. Manche erhalten den Brief erst nach Ablauf der Zeit, die sie in Quarantäne hätten verbringen müssen.

Dullin : Wir befinden uns in einer schwierigen Situation. Die Masse der Fälle erdrückt uns. Wenn wir 200 Corona-Fälle an einem Tag bearbeiten müssen, dann bedeutet das für uns 100 Telefonstunden. Mit jeder positiv getesteten Person sprechen wir im Durchschnitt eine halbe Stunde. Diese Leute sind verunsichert und haben Fragen. Das sind keine Gespräche, die man mal eben in zwei Minuten abhakt.

Hamer : Oft fehlen auch die Telefonnummern oder die Adressdaten. Dann ist erst mal eine aufwendige Recherche nötig. Diese Zeit fehlt uns am Ende bei den Kontaktpersonen.

Haben Sie die Kontrolle verloren?

Dullin : Nein, es werden nach wie vor alle positiv auf das Coronavirus getesteten Personen, von denen wir die Kontaktdaten haben, sofort informiert. Bei den Kontaktpersonen kommen wir allerdings nicht mehr schnell genug hinterher. Es dauert derzeit teilweise zu lange, bis die Briefe bei den Kontaktpersonen landen.

Bei 75 Prozent der Ansteckungen weiß man bundesweit nicht mehr, woher sie kommen. Warum verfolgen Sie weiter Einzelfälle statt sich auf Cluster zu konzentrieren?

Hamer : Wir haben kaum Cluster. Es gibt derzeit keine größeren Ausbrüche in Bremen, die auf ein Ereignis oder einen Ort zurückzuführen sind.

Dullin : Ich weiß, Berlin ändert die Strategie, die Niederlande verfolgen die Kontakte der Infizierten nicht mehr. Mit der Senatorin haben wir beraten, wie wir mit der aktuellen Situation umgehen. Das Ressort hat entschieden, möglichst alle Kontakte weiterhin nachzuverfolgen. Wir geben noch nicht auf.

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Hoffen Sie, dass Ihnen der Lockdown hilft?

Dullin : Wir müssen schauen, ob die Maßnahmen so greifen, wie wir uns das erhoffen. Ich denke, Mitte November gibt es eine erste Tendenz. Klar ist: Die Maßnahmen allein werden uns nicht reichen. Um die Situation wieder besser zu beherrschen, brauchen wir mehr Personal, eventuell auch noch weitere Hilfe der Bundeswehr, die uns schon jetzt sehr unterstützt.

Hamer : Im November sollen uns 60 Containment-Scouts verstärken, die für uns die Fälle recherchieren. Wir haben auch über 20 weitere Stellen bewilligt bekommen, unter anderem Posten für Ärzte. Die Ausschreibungen laufen. Gerade richten wir die neuen Arbeitsplätze ein, schaffen die technischen Strukturen. Das passiert alles sehr plötzlich, ein ziemlicher Kraftakt.

Wieso haben Sie das nicht schon im Sommer gemacht? Es war doch abzusehen, dass die Infektionszahlen im Herbst steigen würden.

Hamer : Auch im Sommer hatten wir viel zu tun. Wir haben uns um die Reiserückkehrer gekümmert. Innerhalb von wenigen Tagen haben wir am Flughafen fünf Teststationen aufgebaut. Wir haben dort mehr als 10.000 Corona-Tests durchgeführt.

Dullin : Ich sage auch ganz ehrlich, dass es im Sommer eine Phase gegeben hat, in der wir erst mal Luft holen mussten. Wir waren erschöpft vom Frühjahr. In dieser ganzen Zeit hatte niemand aus dem Team Urlaub. Wir mussten dafür sorgen, dass die Mitarbeiter auch mal ein paar Tage frei machen und sich von der enormen Belastung erholen.

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Vor zwei Jahren warnte jemand aus dem Gesundheitsamt: „Sollte es zum Ausbruch einer Epidemie kommen, die zügiges Handeln erfordert, wären wir aufgrund des Personalmangels nicht in der Lage, entsprechend darauf zu reagieren.“ Erleben Sie gerade eine Überforderung mit Ansage?

Dullin : Es stimmt, dass wir vor ein paar Jahren im Referat für Infektionsschutz wirklich nicht gut aufgestellt gewesen sind. Zu Beginn der Pandemie sah es aber besser aus. Da waren fast alle Stellen besetzt. Inzwischen haben wir aber gelernt, dass ein Kernteam von 22 Leuten auf keinen Fall ausreicht, um diese Krise zu bewältigen.

Hamer : Es ist gut, dass wir jetzt Verstärkung bekommen. Das Team hat bisher Unglaubliches geleistet. Doch diese Arbeit kostet Kraft, alle sind erneut erschöpft.

Dullin : Wir müssen unsere Kräfte einteilen. Mit dem zusätzlichen Personal wird das hoffentlich besser funktionieren. Wir werden noch lange durchhalten müssen, bis die Pandemie zu Ende ist.

Wie lange?

Dullin : Das hängt nicht allein von uns ab, sondern von allen. Davon, ob die Leute mitmachen und sich an die Regeln halten.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

Info

Zur Person

Patricia Hamer und Joachim Dullin leiten das Gesundheitsamt seit dem Rücktritt von Folke ­Becker kommissarisch. Hamer hatte zuvor die stellvertretende Amtsleitung inne und leitete auch den sozialmedizinischen Dienst für Erwachsene. Dullin verantwortete zuletzt die Abteilung Gesundheit und Umwelt mit dem Referat Infektionsepidemiologie.

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Zur Sache

Kritik an der Gesundheitsbehörde

Rainer Bensch kritisiert die Gesundheitsbehörde. Der gesundheitspolitische Sprecher der CDU-Fraktion hat eine Berichtsbitte eingereicht. Bei der nächsten Sitzung der Gesundheitsdeputation soll Senatorin Claudia Bernhard (Linke) die 26 Fragen beantworten, die darum kreisen, ob die Behörde die Corona-Lage noch unter Kontrolle hat. „Wir müssen nachbohren, es fehlt an Transparenz gegenüber den Abgeordneten“, sagt Bensch, „deswegen wächst das Misstrauen gegenüber der Senatorin.“ Es sei „ein großer Fehler“, dass die Behörde nur selten Zahlen zum Infektionsgeschehen in den Stadtteilen veröffentliche. Die Senatorin müsse auch offener über die Lage im Gesundheitsamt sprechen. „Ich verstehe nicht, wieso sie die chaotische Situation nicht einfach eingesteht“, sagt Bensch. Das Gesundheitsressort weist die Kritik an der Informationspolitik zurück. Man biete den gesundheitspolitischen Sprechern regelmäßig Telefonkonferenzen und andere Gespräche an. Die Angebote würden aber nicht immer von allen Politikern wahrgenommen.

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