Tag der Architektur Bremer Haus der Bürgerschaft steht vor Umbau

Das Haus der Bürgerschaft bleibt jetzt für eineinhalbjährigen Umbau geschlossen. Bremer schauen sich das denkmalgeschützte Parlamentsgebäude an und kommen mit Abgeordneten ins Gespräch.
30.06.2019, 19:10
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Von Kornelia Hattermann

Der offene Blick, von draußen nach drinnen und von drinnen nach draußen, ist die zentrale Idee für das Haus der Bürgerschaft am Markt. Eine gute Idee war es am Sonntag, sich das lichtdurchflutete und klimatisierte Parlamentsgebäude beim Tag der Architektur anzuschauen. Zur konstituierenden Sitzung der Bürgerschaft am 3. Juli dürfen die gewählten Parlamentarier noch einmal in dem Plenarsaal mit den roten Sesseln Platz nehmen, bevor das denkmalgeschützte Gebäude für eineinhalb Jahre geschlossen bleibt.

Ab 15. Juli wird der Bauzaun aufgestellt, dann ziehen die Handwerker in die Bürgerschaft ein, erneuern die Technik, bringen neue Sicherheitsverglasung an und modernisieren den Brandschutz. „Jede Decke muss geöffnet werden“, erklärt Bürgerschaftspräsidentin Antje Grotheer (SPD), die wie Mitarbeiter und einige Abgeordnete, Gästegruppen durchs Haus führt. Bislang befinde sich alles im Zeit- und Kostenplan, betont sie. Zehn Millionen Euro sind für den Umbau des 1966 eröffneten und heute innen wie außen unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes veranschlagt.

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In den 1960er-Jahren hatte es kontroverse Diskussionen und Unterschriftensammlungen gegen den Entwurf des international anerkannten Architekten Wassili Luckhardt gegeben, der einen zweiten Architektenwettbewerb gewonnen hatte. Er musste den Plan mehrfach überarbeiten, der eine senkrechte Stein- und Glasgliederung der Fassade mit acht angedeuteten Giebeln in der Dachlinie vorsah. Und immer noch gab es Proteste. Der damalige Präsident der Bürgerschaft entschied mit der Mehrheit des Hauses, dass der überarbeitete Luckhardt-Entwurf umgesetzt werden sollte. Der Stahlbetonskelettbau mit Backsteinmauerwerk öffnet sich mit seiner verglasten Fassade zum Marktplatz hin – als gleichsam demokratische Geste. Das für seinen Baustil der Zeit einzigartige Gebäude wurde 1992 unter Denkmalschutz gestellt.

Heute überzeugt der moderne Bau

„Ich war damals ein Kritiker des Baus“, sagt Kurt Sommer, der mit seiner Frau die Gelegenheit nutzt, sich die Bürgerschaft auch von innen anzusehen. Die Glasfassade gefalle ihm jetzt aber doch, sie sei nicht nur transparent, sondern auch reflektiv, urteilt der 75-Jährige. Der moderne Stil mit dem Kompromiss des Zierrats an der Außenfassade überzeuge ihn jedoch auch heute noch nicht. Dann lieber ganz modern bauen, wie es sein Cousin, der verstorbene Architekt Ulf Sommer, gemacht habe.

Antje Grotheer führt die Gruppe derweil durch das lichte Treppenhaus aus Stahl und Glas mit dem hellgrauen Teppich – „das kann sich nur ein Mann ausgedacht haben“ –, dessen Farbe ebenso erhalten bleiben muss wie die dunklen Holzeinbauten in ihrem ansonsten bereits leer geräumten Zimmer, „das schönste Büro Bremens“. Schütting, Roland, Rathaus – alles hat sie im Blick. Hatte, denn am Mittwoch wird voraussichtlich ihr Nachfolger als Bürgerschaftspräsident gewählt.

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Die Besucher nutzen die Gelegenheit, sich auf die Stühle in den Sitzungsräumen zu setzen, die bequemer aussehen als sie sind. Das trifft auch auf die aufgepolsterten Stühle im Plenarsaal zu, der viel kleiner sei als er bei Übertragungen wirke, wie ein 40-jähriger Besucher sagt. „Und ich wollte nicht auf diesen Stühlen sitzen“, merkt er an. Die roten Bezüge müssen erhalten werden, ebenso der rote Teppich, den Abteilungsleiter Hermann Kleen gern mal durch Parkett ersetzen würde. Dem Landesdenkmalpfleger Georg Skalecki habe er das mal vorgeschlagen, und als dieser zwei Wochen nach dem Vorschlag wieder aus seiner Ohnmacht erwacht sei, wie Kleen launig in dessen Beisein erzählt, habe der klar gestellt: unmöglich.

Die Optik bleibt weitestgehend unverändert

An der Optik wird sich insgesamt so gut wie nichts ändern, Rotwein wird es bei Veranstaltungen auf dem neuen, hellgrauen empfindlichen Teppich in Zukunft wohl auch nicht geben. An diesem Tag der Architektur werden Wasser und Kaffee im Festsaal der Bürgerschaft gereicht, in dem Antje Grotheer, Georg Skalecki und Karikaturist Til Mette zur Feier des Tages eine Torte mit Bürgerschaftsmotiv anschneiden. Da greifen die Besucher gerne zu, der Erlös geht in das Projekt „Dem Hass keine Chance“.

Die Bürger nutzen auch die Gelegenheit, mit Abgeordneten wie Mustafa Öztürk (Grüne) oder auch Klaus Möhle (SPD) ins Gespräch zu kommen. Für Claas Rohmeyer (CDU) ist das ganze Gebäude nach fast 20 Jahren immer noch etwas Besonderes, und „kein normaler Arbeitsplatz“.

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