Pfand auf Zigaretten

Bremer kämpft gegen die Aschenbecherstadt

Zigarettenreste sind giftig, doch sie landen ständig auf der Straße. Was tun gegen die Aschenbecherstadt? Der Bremer Jörg Jozwiak hat eine ungewöhnliche Idee. Ein Rundgang am Hauptbahnhof.
13.01.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremer kämpft gegen die Aschenbecherstadt
Von Nico Schnurr
Bremer kämpft gegen die Aschenbecherstadt

„Es muss den Leuten wirklich weh tun, Kippen wegzuschmeißen“: Jörg Jozwiak fordert ein Pfandsystem für Zigaretten.

Frank Thomas Koch

Nur zwei Schritte raus aus der Halle, vor den Bremer Hauptbahnhof, schon bleibt Jörg Jozwiak stehen. Er blickt auf den Boden, vor seine Füße. Zigaretten. Nicht bloß ein paar, Dutzende. Jozwiak stochert mit seinen Schuhen durch den Müll. Halbe Kippen, Stummel, Filter. Die Zigarettenreste kleben am Asphalt, sie haben sich ins Pflaster gefressen. Jozwiak schaut unbeeindruckt. Schockt ihn nicht. Er hat kein anderes Bild erwartet. So sieht es eben aus, wenn die Leute schnell noch ihre Kippe wegschnipsen, bevor sie in den Bahnhof eilen.

Die Zigarettenreste landen in Bremen aber nicht nur vor dem Bahnhof, sie liegen auch auf Spielplätzen oder in Parkanlagen. Wo Menschen rauchen, hinterlassen sie Reste. Ein ästhetisches Ärgernis, das auch, vor allem aber eine Gefahr für die Umwelt. Bis sich die giftigen Kunststoffe aus einem Zigarettenfilter zersetzt haben, vergehen Jahrzehnte. Solange verschmutzen sie das Grundwasser. Und können Tiere verseuchen, die den Müll mit Nahrung verwechseln.

Damit die Bremer weniger Zigaretten auf dem Boden werfen, hat die Stadt ein Bußgeld eingeführt. Wer vom Ordnungsdienst erwischt wird, wie er eine Kippe fallen lässt, muss 20 Euro zahlen. Deutlich weniger als in anderen Städten, weshalb die Bremer Innenbehörde überlegt, die Strafe zu erhöhen. Doch würde das wirklich etwas ändern?

20 Cent pro Kippe

Ein Donnerstagmittag im Januar. Jörg Jozwiak, 47, Künstler, zieht seinen Rollkoffer durch die Bahnhofshalle. Die Feiertage hat er in Vegesack verbracht, in der Heimat, gleich geht es nach Hannover, zu Freunden, danach zurück nach Wien, wo er lebt. Eine Stunde, bis der Zug kommt. Zeit für einen Rundgang am Bahnhof. Jozwiak will zeigen, warum bislang nichts hilft im Kampf gegen die Kippenreste. Warum es mutigere Maßnahmen braucht. Eine hat er sich ausgedacht, zusammen mit Stephan von Orlow, einem Berliner Prozessmanager. Die beiden leiten eine Initiative, „Die Aufheber“ heißt sie, und das war anfangs auch schon die ganze Idee. Sie riefen online dazu auf, einmal am Tag, auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen, drei Müllteile aufzusammeln. Bloß wer kratzt schon freiwillig Stummel von der Straße? Kaum jemand. Also haben sich Jozwiak und von Orlow etwas einfallen lassen, damit die Kippenreste gar nicht erst dort landen. Ein Pfandsystem für Zigaretten: 20 Cent je Kippe, vier Euro Pfand pro Schachtel. Wer die Stummel samt Schachtel zurückgibt, bekommt sein Geld wieder. Und wer das nicht tut, der hat halt vier Euro auf die Straße geworfen. So einfach, so verrückt. Oder?

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Wie ein Spinner wirkt Jozwiak nicht. Ein nüchterner Typ, akribisch eingearbeitet ins Thema. Er berichtet von Studien aus Kanada und Projekten aus Indien und Mexiko, wo Zigaretten recycelt werden. Fragt man ihn, was so schlimm an den Kippenresten ist, erzählt er ausschweifend von giftigen Stoffen. Arsen, Blei, Kupfer, Chrom, Cadmium. Man muss ihn stoppen, damit er nicht ewig weitermacht. Die Liste ist lang. In jeder Zigarette stecken noch 7000 weitere Gifte.

Kein Geheimnis, eigentlich. Seit Jahren klären Kampagnen darüber auf. Warum liegen die Reste trotzdem überall rum? „Einige finden es sicher schick, die Zigarette nicht richtig zu entsorgen.“ Wegschnipsen, irgendwie lässig. Eine eingeübte Geste, ein Code der Coolness, tausendfach gesehen in Kinofilmen und Musikvideos. „Viele denken vermutlich gar nicht nach“, sagt Jozwiak, „die lassen ihre Kippe einfach fallen, ganz automatisch.“ Und warum stört das so wenige? „Die Leute sind müllblind. Es liegen wie selbstverständlich überall so viele Zigaretten herum, dass einige sie kaum wahrnehmen.“ Passiert Jozwiak nicht. Wer die Stadt mit seinen Augen sieht, kann keine zwei Schritte machen, ohne Zigarettenstummeln zu begegnen. Bremen, ein einziger Aschenbecher.

Jozwiak schlängelt sich vorbei an Straßenbahnen und Menschenströmen, sein Koffer holpert hinterher. Am City Gate, zwischen der Häuserschlucht, hält er an. Jozwiak sieht auf den Boden. Wieder Zigarettenreste. Eine ganze Schicht, die sich über den Asphalt zieht. Er schaut hoch. Einen Meter über dem Gewirr aus Stummeln hängt ein Abfalleimer. Jozwiak nickt. „Der Klassiker“, sagt er, „und die Politiker denken wirklich, ein paar Mülleimer mehr könnten das Problem lösen.“

Bußgeld hilft wenig

Er will noch ein Beispiel liefern, also führt Jozwiak zurück in die Bahnhofshalle. Es geht die Treppe rauf, den Koffer unterm Arm, hoch zum Gleis. Dort zeigt er erst auf Kameras, die den Bahnsteig überwachen. Dann auf den markierten Raucherbereich daneben: Aschenbecher, Mülleimer, alles da. Er macht ein paar Schritte vor und beugt sich übers Gleisbett. Kieselsteine, Kronkorken, Kippen. Lauter Zigarettenreste. Trotz der Kamera. Trotz des Aschenbechers. Trotz des Bußgeldes. „Das nützt alles nichts“, sagt Jozwiak, „es muss den Leuten wirklich weh tun, Kippen wegzuschmeißen.“

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Ein Pfandsystem also. Wirft ja niemand gerne Geld weg. Der Plan gegen die Aschenbecherstadt geht ungefähr so: Wer Kippen kauft, bekommt einen wiederverwendbaren Taschenaschenbecher. Die Asche in die Tasche, nicht auf die Straßen der Stadt, auch die Stummel dorthin. Später bringt man den Taschenaschenbecher zusammen mit der Schachtel zurück. Ein Gerät scannt sie ab. Zählt, wie viele Zigaretten abgegeben wurden. Prüft, woher die Kippen kommen. Zahlt das Geld aus. Im Grunde wie ein Pfandautomat bei Getränken. Gerade wird eine erste Maschine entwickelt. Muss sein, meint Jozwiak. Die Petition zur Idee hat online zwar bereits mehr als 60 000 Unterstützer, doch so richtig vorstellen können sich viele noch nicht, wie das gehen soll: Pfand auf Zigaretten.

„Einige halten uns für wahnsinnig“, sagt Jozwiak, „die Politik ist sich bisher ziemlich einig darin, unsere Idee nicht gut zu finden, auch mit der Tabakindustrie kommen wir nicht auf einen Nenner.“ Schon klar, das alles wäre aufwendig, und Geld würde es auch kosten. Aber ist die Idee deswegen verrückt? Jörg Jozwiak steht wieder in der Wartehalle, sein Zug fährt gleich. Er deutet nach draußen, vor den Bahnhof, wo Kippen am Boden kleben, vermutlich Tausende, vielleicht noch mehr. Dann fragt er zurück: „Was ist jetzt verrückt?“

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