75 Bremer Betriebe machen mit

Lebensmittel retten per App

Kurz vor Ladenschluss können sich Kunden in rund 75 Bremer Läden überzählige Essensportionen abholen, die sie zuvor via Handy vergünstigt gekauft haben. Das soll auch gegen Lebensmittelverschwendung helfen.
26.05.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Lebensmittel retten per App
Von Sara Sundermann
Lebensmittel retten per App

Auch dieser Sushi-Imbiss in der Bremer Innenstadt verkauft überzählige Portionen abends zum kleinen Preis.

Frank Thomas Koch

Es ist eine Art täglicher digitaler Schlussverkauf von Gastro-Betrieben: Kurz vor Ladenschluss können sich Kunden bei einer ganzen Reihe von Bremer Imbissen und Läden überzähliges Essen zum kleinen Preis abholen. Inzwischen gibt es diverse Plattformen und Gruppen, die sich dafür einsetzen, dass weniger Lebensmittel in den Müll wandern. Sie nennen sich Foodsaver, Sir Plus oder ResQ Club. Eines dieser Portale ist die App „Too good to go“, die darauf setzt, dass sich Nutzer kulinarische Überbleibsel abholen, die sie zuvor per Handy reserviert und bezahlt haben.

Nach Angaben der App-Betreiber nehmen in Bremen derzeit insgesamt 75 Gastronomie-Betriebe an dem System teil. In der Hansestadt seien so bislang etwa 65 000 Mahlzeiten vor der Verschwendung gerettet worden, teilt „Too good to go“ mit. Die App wurde von einem dänischen Start-Up gegründet. Sie ist beim Download kostenlos, verdient aber an den Essenskäufen mit. Die Gründer werben damit, sich gegen Lebensmittelverschwendung einzusetzen.

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An diesem System nehmen in Bremen kleine inhabergeführte Bistros und Bäcker teil, aber auch Ketten wie Nordsee, Mr. Clou, Le Crobag und Starbucks ebenso wie Supermärkte wie Real oder Alnatura. Sammai Küstner und Aida Farhadi gehören zu den ersten, die mitgemacht haben. Sie betreiben das junge Bistro Soups and Stew im Ostertor. „Wir haben mit dem System sehr viele positive Erfahrungen gemacht, die Rückmeldungen sind durchweg positiv“, sagt Küstner.

Essen nicht wegwerfen zu müssen, ist einer der Gründe dafür, auf das System zu setzen. „Es ist aber auch hilfreich, um gerade als junges Start-Up Reichweite zu generieren. Dadurch haben wir schon neue Gäste gewonnen, die anfangs etwas von den Portionen abholen wollten und später wieder gekommen sind.“ Das Bistro biete über die App fast jeden Tag fünf Portionen an, erzählt Küstner. Das kann zum Beispiel Eintopf mit Reis und Salat sein. Verkauft werden die Portionen Küstner zufolge für 50 bis 60 Prozent des normalen Preises.

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Seit vergangenem Jahr ist auch die Kagi Bar mit dabei, ein japanischer Imbiss in der Bremer Innenstadt, erzählt Huy Danh Ta, Betreiber der Bar. Im Untergeschoss von Karstadt gibt es einen Sushi-Stand, der laut Ta zur Kagi Bar gehört. Dort kann man abends meist zwischen 17 und 18 Uhr überzählige Sushi-Portionen vergünstigt kaufen. Wird das angenommen? Ja, sagt Ta: „Es kommen jeden Tag Leute vorbei, die sich etwas abholen.“

Er betont: Was an kulinarischen Überbleibseln verkauft werde, sei stets Essen, das am gleichen Tag zubereitet wurde: „Wir machen alles frisch.“ Es sei schwer vorherzusehen, ob man fünf, zehn oder 20 Portionen Sushi an einem Tag verkaufen werde, sagt Ta. Deshalb sei es sinnvoll, überzählige Portionen digital zu verkaufen und nicht wegzuschmeißen. Wie viele Kunden kommen, hänge vor allem vom Wetter ab, sagt Ta. „Bei schlechtem Wetter stellen wir oft mehr Portionen über die App ein.“

Ein regelmäßiger Nutzer von „Too good to go“ ist auch die Bäckerei Trage, die in Bremen vier Filialen hat. „Wir stellen meist in unserer Filiale drei bis fünf Portionen ein, die man ab 18 Uhr abholen kann“, erzählt eine Mitarbeiterin von Trage in der Neustadt. Abzuholen gibt es Brötchen, Brot und Kuchen. „Man kann sich aus dem, was dann noch da ist, etwas aussuchen.“ Für App-Nutzer heißt das: Ihr Einkauf hat etwas von einer Wundertüte, sie bezahlen weniger, und müssen dafür mit dem vorliebnehmen, was noch da ist.

Verkauft werden die Portionen für ein Drittel des Preises, sagt Ralf Trage, Geschäftsführer der vier Filialen. „Die Nachfrage ist generell groß und seit Corona nochmal gewachsen“, erzählt er. „Die eingestellten Einheiten verkaufe ich eigentlich immer.“ Trage möchte seine Retouren minimieren und weniger wegschmeißen. Zusätzlich arbeite er mit den Suppenengeln und der Bremer Tafel zusammen.

Beim Branchenverband Dehoga hält man Portale wie „Too good to go“ für sinnvoll: „Wir finden solche Formate gut, weil wir dagegen sind, Lebensmittel wegzuschmeißen“, sagt Nathalie Rübsteck, Geschäftsführerin des Dehoga Bremen. Sie widerspricht aber einer Annahme der App-Betreiber: Diese gehen davon aus, dass nun, wo die Gastronomie mit Auflagen wieder öffnen darf, besonders unvorhersehbar sei, wie viele Gäste kommen – und dass in der Folge viele Lebensmittel in der Tonne landeten.

Das sieht Rübsteck anders: Es sei in diesen Tagen für Betriebe sicher nicht ganz einfach abzusehen, wie viele Kunden kommen werden. Doch dass derzeit große Mengen Essen übrig bleiben, glaubt sie nicht: „Die meisten Betriebe werden schon aus wirtschaftlichen Gründen eher zurückhaltend sein und nicht zu viel Essen auf Halde legen, das sie dann nicht verkaufen können.“ Es werde wohl eher vorkommen, dass mancher Kunde zu hören bekomme, dass ein Gericht schon ausverkauft sei.

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