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Bremer Polizei ändert Einstellungstests

Bundes- und Landespolizei haben ihre Einstellungstests geändert und den Anforderungen des Arbeitsalltags angepasst. Betroffen sind sowohl der schriftliche als auch sportliche Teil der Tests.
09.02.2020, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremer Polizei ändert Einstellungstests
Von Ralf Michel
Bremer Polizei ändert Einstellungstests

Im Arbeitsalltag müssen Polizisten richtig zupacken können. Dafür ist die Handkraft wichtig – im Sporttest wird sie deshalb mit einem Dynamometer gemessen.

Polizei

Junge Männer und Frauen müssen beim Einstellungstest der Bundespolizei künftig nicht mehr darüber nachdenken, wie man „Chrysantheme“ schreibt. Und das nicht etwa, weil nach Jahrzehnten blumiger Diktate jemandem aufgefallen ist, dass Straftaten im Zusammenhang mit den zarten Korbblütlern in der polizeilichen Statistik eine eher zu vernachlässigende Größe sind („Ich hab's genau gesehen, Herr Kommissar, er hat seinem Opfer einen Strauß Chrysanthemen über den Schädel gezogen“). Nein, die Fehlertoleranz im Diktat sei ganz allgemein geringfügig angehoben worden, heißt es seitens der Bundespolizei. Und diesem Ansinnen seien dann unter anderem eben auch die Chrysanthemen zum Opfer gefallen.

Das freut vermutlich diejenigen, die Rosen und Nelken vorziehen, auch und gerade im Diktat. Alle anderen aber könnten argwöhnen, dass die Bundespolizei gerade dabei ist, ihren Einstellungstest zu vereinfachen, um ausreichend Nachwuchs rekrutieren zu können. Doch das weist die Bundesbehörde entschieden zurück. „Die Bundespolizei hat die Anforderungen an Anwärter ausdrücklich nicht abgesenkt“, betont sie in einer Pressemitteilung. Vielmehr würden die Voraussetzungen für eine Bewerbung zur Bundespolizei „regelmäßig evaluiert und gegebenenfalls angepasst“.

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Für den Rechtschreibtest bedeute dies zum Beispiel, dass künftig 24 statt 20 Fehler erlaubt sind. Zugleich sei aber auch der Umfang des Diktats angehoben worden – von 180 auf rund 250 Wörter. „Eine Absenkung der Anforderungen an die Bewerber liegt also nicht vor.“

Dass die Änderungen im Diktat trotzdem auch im Zusammenhang mit dem Bedarf an Nachwuchskräften stehen, räumt die Bundespolizei indirekt dann aber doch ein. Denn dadurch solle „einem größeren Bewerberkreis die weitere Teilnahme auch in den nachfolgenden Testbestandteilen“ ermöglicht werden. Offenbar scheiterten bislang zu viele Bewerber schon am Sprachtest.

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Ein zeitgemäßes Bild der physischen Leistungsfähigkeit

Die höhere Fehlertoleranz ist nicht die einzige „Anpassung“ im Bewerbungsverfahren der Bundespolizei. So wurde die generelle körperliche Mindest- und Maximalgröße für die Einstellung abgeschafft. Im Sporttest wurden Standweitsprung und Liegestütze durch einen Pendellauf ersetzt, erklärt Holger Jureczko, Pressesprecher der Bundespolizeiinspektion in Bremen. „Dadurch wird ein zeitgemäßes Bild der physischen Leistungsfähigkeit, insbesondere von Bewerberinnen, dargestellt.“

Nachwuchsprobleme hat die Bundespolizei mit ihren rund 50.000 Beschäftigten nach eigener Aussage nicht. 2019 habe es für die etwa 3000 zu besetzenden Stellen 35.000 Bewerber gegeben. Über deren Qualifikation sagen diese Zahlen nichts, die Bundespolizei vermeldet aber, dass am 1. Januar 2020 alle vorhandenen Stellen besetzt waren oder es dafür zumindest Anwärterinnen und Anwärter gegeben habe, wie die Polizei ihre Auszubildenden nennt. Zum Stichtag 1. Januar gab es davon 7420.

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Die Diskussion um ihre Einstellungstests kennt auch die Bremer Landespolizei. Auch hier gab es unlängst Änderungen. Auch hier hätten diese aber nichts mit Niveausenkung zum Zwecke erleichterter Nachwuchsgewinnung zu tun gehabt, sondern vielmehr mit der „deutlicheren Orientierung an den Alltagsanforderungen der Polizei“, erläutert ein Behördensprecher. Statt des klassischen Dreiklangs „Sprint, Konditionsparcours und Ausdauerlauf“ gehören deshalb seit 2019 unter anderem auch Waffenbehandlung, das Überwinden von Hindernissen und Personenrettung zur Ausbildung.

Vor allem aber hat sich bei der Bremer Polizei die grundsätzliche Herangehensweise bei der Bewertung der sportlichen Leistungen geändert. Bestwerte werden am Prüfungstag nicht erwartet, es reicht der Nachweis einer Grundfitness, die dann in der dreijährigen Ausbildung ausgebaut werden soll. Und das absolute K.-o.-System ist auch Geschichte. Eine der geforderten sportlichen Disziplinen nicht zu schaffen, bedeutet nicht mehr das sofortige Aus. Innerhalb von vier bis sechs Wochen ist ein weiterer Versuch möglich.

Das Lückendiktat hat ausgedient

Zum Sporttest wird bei der Bremer Polizei allerdings nur zugelassen, wer zuvor die schriftliche Prüfung erfolgreich absolviert hat. Deutsch als Amts- und Dienstsprache perfekt zu beherrschen sei eine der Grundvoraussetzungen für eine Teilnahme am aktiven Dienst, betont die Polizei. Auch hier hat es 2019 Änderungen gegeben. Das Lückendiktat hat ausgedient, es wurde durch Tests zur Überprüfung von Rechtschreibung, Grammatik und Sprachgebrauch ersetzt.

Ob mit oder ohne Lückendiktat – der Sprachtest der Bremer Polizei bleibt eine Hürde, an der nicht wenige Bewerber scheitern. 2019 fielen hierbei 37 Prozent durch, in den drei Jahren zuvor lag die Quote sogar zwischen 39 und 41 Prozent. Unverändert dabei ein auffallendes Detail: Die männlichen Bewerber schnitten im Sprachtest stets etwas besser ab als die weiblichen.

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