Bremer Schaustellerin im Interview

„Ich bin zu jung, um im Haus zu sitzen“

„Break Dancer“-Betreiberin Claudia Vespermann-Dreher will arbeiten, als Schaustellerin blickt sie aber auf ein katastrophales Jahr zurück. Ein Gespräch über Corona, Volksfeste, Existenzängste und Hilfen.
19.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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„Ich bin zu jung, um im Haus zu sitzen“
Von Pascal Faltermann
„Ich bin zu jung, um im Haus zu sitzen“

Claudia Vespermann-Dreher betreibt einen kleinen und einen großen "Break Dancer", die beide in diesem Jahr kaum zum Einsatz kamen.

Frank Thomas Koch
Die Karussells stehen still, die Buden bleiben geschlossen. Wie sieht Ihre Situation gerade aus?

Claudia Vespermann-Dreher: Heiter bis wolkig. Es ist komisch, in dieser Jahreszeit zu Hause zu sein. Eigentlich wäre ich jetzt im Kassenhäuschen des „Break Dancers“ auf dem Winterdom in Hamburg. Mein Mann würde den Weihnachtsmarkt in Berlin vorbereiten, mein Sohn hier in Bremen. Stattdessen habe ich zum ersten Mal meinen Geburtstag zu Hause gefeiert. Ich bin zu jung, um nur im Haus zu sitzen, den Garten zu machen oder zu putzen. Schön ist was anderes.

Nach der Absage für den „Freipark“ folgten wenig später der Lockdown und das Aus für die Weihnachtsmärkte. Wie geht es weiter?

Ich hatte mit der Absage der Weihnachtsmärkte gerechnet, das war abzusehen. Ich glaube nicht, dass die Zahlen wieder so stark sinken, dass es in diesem Jahr noch Lockerungen gibt. Wir würden so gerne etwas tun, können aber nicht. Es ist eine Zwangspause. Wir wollen dem Staat nicht auf der Tasche liegen, wir wollen arbeiten. Ich bin am liebsten an der frischen Luft, zwischen den Leuten, auf meinem Fahrgeschäft. Wenn das alles nicht geht, dann schlägt das schon sehr aufs Gemüt.

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In Hannover wird über einen Wintermarkt im Januar und Februar nachgedacht – als Ersatz für den ausgefallenen Weihnachtsmarkt. Ist so etwas in Bremen vorstellbar?

Es wird derzeit für den Dezember geprüft, ob man eine Bebauung für einen temporären Markt bis Weihnachten schaffen kann. Dafür haben wir uns mit unseren Räuchermännchen auch beworben. Aber das ist noch nicht greifbar. Ich denke, der Einzelhandel in der Bremer Innenstadt wird sehr darunter leiden, wenn wir nicht da sind. Die City ist schon jetzt nicht voll. Zu einem Weihnachtsmarkt gehört mehr als eine Glühweinbude vor dem Geschäft. Wir könnten an verschiedenen Stellen Stände aufbauen, wir könnten diese Stimmung erzeugen, weil wir das beherrschen, weil das unser Beruf und unsere Berufung ist.

Den Umständen entsprechend oder eine Katastrophe für die Schausteller – wie würden Sie dieses Jahr beschreiben?

Es war alles nicht zu erwarten. Auch für den Freipark, der abgespeckten Version des Freimarktes, gab es nur eine 50/50-Chance. Dass es mit einer Grippewelle zu höheren Infektionszahlen kommt, damit haben wir gerechnet. Dass die Zahlen im Oktober aber so schnell in die Höhe gehen, das war nicht abzusehen. Wir hatten für 31 Tage geplant und hatten dann nur fünf Tage und ein paar Stunden offen.

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Was ist übrig geblieben vom „Freipark“?

Die Veranstalter und Schausteller haben sehr viele Eintrittskarten, Kugelschreiber, Registrierungsformulare, Desinfektionsmittel und die dazugehörigen Spender gekauft und nicht gebraucht. Das steht nun alles bei uns, weil wir noch eine freie Halle hatten. Wir können den ganzen Krimskrams ja nicht wegwerfen. Außerdem waren in dem Bürocontainer auf der Bürgerweide noch viele Dinge. Nach dem Abbau kam zudem ein ordentlicher Rattenschwanz hinterher.

Würden Sie erneut für ein paar Tage Ihre Buden oder Fahrgeschäfte aufbauen?

Ja, wir würden es sofort machen, wir würden alles ausprobieren. Aber es ist total unsicher, wie es im kommenden Jahr weitergeht. Wird es eine Osterwiese in einer Freipark-Version geben? Können andere Organisatoren wie beispielsweise die der Pfingstkirmes in Geldern ihre Veranstaltung einzäunen?

Wie wirkt sich dieses Jahr finanziell aus?

Größere Anschaffungen wie Fahrgeschäfte, Hallen, Fahrzeuge oder einen Kran zum Aufbauen muss man über mehrere Jahre finanzieren. Also sprechen gerade viele Schausteller mit ihren Banken. Wir haben die Tilgung unserer Kredite auf Eis gelegt, um von den hohen Kosten runterzukommen. Stattdessen zahlen wir nur die Zinsen. Genauso mussten die Versicherungen runtergefahren und das Personal in Kurzarbeit geschickt werden. Es muss alles so günstig sein wie möglich.

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Sie haben vor Kurzem eine Halle gebaut, um Fahrgeschäfte und Stände zu lagern. Bekommen Sie den Bau nach dem Corona-Jahr überhaupt finanziert?

Bei der Halle sind wir nun ein Jahr tilgungsfrei. Doch wenn die Einschränkungen länger anhalten als 2022, weiß ich nicht, wie es weitergehen soll. Wir haben eine Lebensversicherung aufgelöst und das Geld in den Betrieb gesteckt. Damit sind wir an unsere Altersvorsorge rangegangen. Wir hoffen natürlich, dass der Staat uns hilft. Finanzminister Olaf Scholz hat versprochen, dass es Hilfen gibt. Es muss eine Lösung her, nicht nur für die Schausteller, sondern für die ganze Veranstaltungsbranche, die unter einem Berufsverbot leidet.

Haben Sie schon finanzielle Hilfen bekommen?

Ja, wir haben die Überbrückungshilfe eins bekommen und jetzt erneut einen Antrag gestellt. Damit ein Teil der Fixkosten übernommen wird, muss das alles vom Steuerberater gemacht werden. Die Soforthilfen im April waren sofort weg. Wir dachten ja auch, dass wir im Juli wieder losfahren.

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Können Sie auf Rücklagen zurückgreifen oder hängen daran Haus und Hof?

Weil es in Bremen keinen Unternehmerlohn wie etwa in Nordrhein-Westfalen gibt, haben mein Mann und ich in diesem Jahr im Prinzip nichts verdient. Als Selbstständige können wir nicht selbst in Kurzarbeit gehen. Hartz IV können wir nicht beantragen, weil wir dann erst Teile unseres Besitzes verkaufen müssten. Dann ist der Kran weg, um die Fahrgeschäfte aufzubauen. Daran hängt unsere Existenz. Aber ich habe Hoffnung. Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt ist wirklich bemüht, uns zu helfen.

Wann glauben Sie, wird es wieder Volksfeste wie vor Corona geben?

Ich hoffe, dass wir 2022 wieder in einem Normalzustand rausfahren können. Wenn es dann gut läuft, machen wir vielleicht 60 Prozent des Vor-Corona-Umsatzes. Dann hängen mein Mann und ich sechs Jahre dran, um die Verluste wieder aufzufangen. Wenn diese Rechnung nicht aufgeht, ist unsere Halle weg.

Das Gespräch führte Pascal Faltermann.

Info

Zur Person

Claudia Vespermann-Dreher (47) leitet mit ihrem Mann Andreas Vespermann ein Schausteller-Unternehmen. Sie betreiben zwei „Break Dancer“ und zwei Stände. An einem Stand gibt es Feuerzangenbowle, an dem anderen Räuchermännchen.

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