Klage über Kriminalität, Vandalismus, Müll

Bremer Schnoor: Ein Touristenmagnet mit Makel

Der Schnoor gilt als ein Besuchermagnet Bremens. „Ist aber umzingelt von hässlichen Zuwegungen“, klagt ein Geschäftsmann aus dem historischen Viertel. Und kritisiert in diesem Zusammenhang die Stadt.
11.03.2020, 05:00
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Bremer Schnoor: Ein Touristenmagnet mit Makel
Von Ralf Michel
Bremer Schnoor: Ein Touristenmagnet mit Makel

Vandalismus ist nur eines der Probleme der Geschäftsleute im Schnoor: Monno Marten hinter den Bruchstücken der zerstörten Schaufensterscheibe seines Ateliers für Papiermodelle und Bastelbögen.

Frank Thomas Koch

Die Kriminalität nehme zu. Der Vandalismus auch. Dazu, vor allem abends, jede Menge Lärm und nicht zu vergessen, der viele Müll. Nein, sagt Wendy Santoyo, so kenne sie Bremen eigentlich nicht. Und schon gar nicht den Schnoor.

Die Mexikanerin, die seit 15 Jahren in Bremen lebt, steht neben dem Schaufenster des Atelier GAG im Schnoor 31. Es ist der Laden ihres Freundes Monno Marten. Wo sonst eine Vielzahl von Papiermodellen und Bastelbögen steht und hängt – Flugzeuge, Autos, Schiffe, berühmte Bauwerke in allen Größen, Farben und Formen –, stehen jetzt ein paar verloren wirkende Schiffe und Leuchttürme. Davor die zertrümmerte Schaufensterscheibe, fixiert von einer Notscheibe, Folien und weißen Klebepunkten.

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Zwei Jugendliche hätten die Scheibe eingeschlagen, berichtet Marten. Warum, weiß er nicht. Gestohlen hätten sie nichts. Es sei wohl allein darum gegangen, die Scheibe zu zertrümmern. Nachbarn hätten die beiden Unbekannten lachend davonlaufen sehen. Es war schon der zweite große Schaden innerhalb eines halben Jahres für den Geschäftsmann.

Beim ersten Mal drang nachts ein Mann durch die Seitenscheibe ein und hinterließ im Laden eine Spur der Verwüstung. Die von Nachbarn alarmierte Polizei schnappte ihn noch im Laden. Ein Video zeigt, wie vier Polizisten mit gezogener Waffe auf den Tatort zugehen. Der Täter sei „voll auf Drogen“ gewesen, habe es später geheißen. Immerhin – da es sich um einen Einbruch gehandelt habe, ermittelte die Polizei zumindest, erzählt Marten. Eingestellt worden sei das Verfahren dann aber trotzdem. Bei dem zertrümmerten Schaufenster habe es sich dagegen „nur“ um Vandalismus gehandelt. Deshalb keine weiteren Ermittlungen. „Ich habe einen Zettel für die Versicherung bekommen. Das war's.“

Schnoor Rundgang mit Monno Morten zum Thema Kriminalität und Vandalismus - Kolpingstraße

Auch hier geht’s zum Schnoor: eine wilde Müllkippe in der Kolpingstraße.

Foto: Frank Thomas Koch

„Die Stadt scheint es nicht mehr zu kümmern“

Marten könnte an dieser Stelle auch von den Ladendiebstählen berichten, die ihm und anderen Geschäftsleuten im Schnoor zunehmend Ärger bereiteten. Doch was ihn eigentlich stört, ist eine grundsätzliche Entwicklung, die er ausgemacht zu haben meint. „Die Stadt scheint es nicht mehr zu kümmern, wie es im Schnoor aussieht.“

Der kleine Rundgang, mit dem er das belegen will, beginnt bei der Treppe zwischen Altenwall und Marterburg. Oben am Altenwall kommen während der Saison die Touristenbusse an. „Die gehen dann die Treppe runter. Und was ist ihr erster Eindruck?“, fragt Marten und zeigt mit ausholender Geste auf die über und über mit Graffiti beschmierte Wand auf einer Seite der Treppe.

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Dass es auch anders geht, zeigt die gegenüberliegende Wand. Diese Fassade wurde 2014 im Rahmen eines Projektes zur Verschönerung des Schnoors mit einer großflächigen Wandmalerei versehen. Seither ist sie von Graffiti weitgehend verschont geblieben. Auch an der beschmierten Wand gab es diesen Ansatz. Oben an der Treppe wurden an der Wand des sogenannten Ankerhauses ein Rolltor und große Steinblöcke aufgesprüht. Eine Anspielung auf den internationalen Rohtabakhandel, der seit über 150 Jahren in diesem Gebäude betrieben wird. Doch dabei ist es geblieben, der Rest der Hausfassade kommt schmuddelig wie eh und je daher.

Weiter geht's durch die Kolpingstraße. Marten hat sich extra Notizen für den Rundgang gemacht, damit er nichts vergisst, aber dieser Schandfleck ist ohnehin nicht zu übersehen. Eine wilde Müllkippe an der Ecke Süsterstraße, exakt in der Sichtachse vom Schnoor. „Und das ist nichts Einmaliges“, sagt der Geschäftsmann. „Wenn das abgeholt wird, dauert es keine Woche, dann liegt da der nächste Haufen. Und der bleibt dann auch erst wochenlang liegen und wird jeden Tag größer.“

Schnoor Rundgang mit Monno Morten zum Thema Kriminalität und Vandalismus - Treppe zum Wall

Der erste Eindruck für Touristen, die mit dem Bus am Altenwall ankommen: rechts schmucke Wandmalerei, links Graffiti-Tristesse.

Foto: Frank Thomas Koch

Wenig attraktive Wege zum Schnoor

Es seien vor allem die Wege zum Schnoor, die wenig attraktiv daher kämen, findet Marten. „Wir sind umzingelt von hässlichen Zuwegungen.“ Für ihn nicht nachvollziehbar. „Beim Bahnhof heißt es doch auch immer, dass es der erste Eindruck ist, der zählt.“

Rüber zur Dechanatstraße, wo schon das nächste Beispiel wartet. An der langen Wand der St.-Johannis-Schule prangt ein gut sichtbarer Fleck mit Erbrochenem. „Der ist da schon seit Jahren. Und nichts passiert.“ Es sind diese „Kleinigkeiten“, die den Geschäftsmann ärgern. „Schauen Sie hier.“ Marten zeigt auf eine Hinweissäule der Stadt. „WC Stavendamm“ ist dort zu lesen, daneben ein Pfeil, der die Richtung weist. „Das Klo gibt es schon seit Jahren nicht mehr.“ Oder, direkt am Eingang zur Straße Schnoor, ein offizielles Verkehrsschild der Stadt. Könnte sich um „Durchfahrt verboten“ handeln. Doch zu erkennen ist das nicht. Das Schild ist komplett mit Stickern zugeklebt. „So ein Schild an dieser Stelle ist ohnehin nicht schön“, sagt Marten. „Aber wenn es denn so wichtig ist, warum kümmert es dann niemanden, dass es zugeklebt ist?“

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Natürlich sei die Stadt nicht für alles zuständig, betont der Geschäftsmann. „Aber so ein bisschen mehr kümmern.“ Indem etwa abends ab und zu mal jemand Offizielles durchfahre, schlägt er vor. Allein, um zu signalisieren: Hier ist jemand und passt auf. Oder dass die Hausbesitzer zumindest einmal im Jahr Unterstützung bekämen beim Beseitigen der unzähligen Graffiti und Aufkleber. Oder dass wieder Mülleimer in der Straße Schnoor aufgestellt würden. „Selbst so kleine Dinge würden helfen“, sagt Marten mit Blick auf Hunderte von Zigarettenkippen zwischen den Pflastersteinen der Straße.

Der Schnoor sei überregional und sogar international ein Aushängeschild Bremens. „Da würden wir uns schon wünschen, dass er in der Stadt selbst nicht so vergessen wird“, sagt Marten und äußert zum Abschluss des Rundgangs einen ganz persönlichen Wunsch: „Ein, zwei Politiker, die sich der Sache annehmen und dafür sorgen, dass der Schnoor wieder mehr ins Bewusstsein der Stadt rückt.“

Info

Zur Sache

„Schnoor Street“ erobert auch Herzen in New York

Die New York Post, eine der ältesten und auflagenstärksten Tageszeitungen der USA hat in ihrer Online-Ausgabe die zehn „coolsten Straßen der Welt“ vorgestellt. Vertreten ist neben der Caminito in Buenos Aires, der Haji Lane in Singapur oder der Wale Street in Kapstadt auch eine Straße in Europa. Nein, nicht die Champs-Élysées in Paris. Und nein, auch nicht La Rambla in Barcelona. Es ist der Schnoor in Bremen.

Nicht der Bekanntheitsgrad der Straße zähle, sagen die Autoren, sondern vielmehr, dass die Straßen die Herzen der Besucher erobern. Vor allem Geschichtsinteressierte würden sich freuen, entlang „Schnoor Street in Bremen, Germany“ mit ihren Häusern aus dem 15. und 16. Jahrhundert zu schlendern, heißt es in der New York Post. „Ein großartiger Ort, um Schmuck und Kunsthandwerk zu kaufen, Galerien zu durchsuchen oder sich einfach in einem Labyrinth alter Gassen zu verirren.“

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