Projekt Seehilfe Bremer Verein hilft Flüchtlingen auf Sizilien

Der Verein Projekt Seehilfe engagiert sich auf Sizilien für Geflüchtete. Dabei können sie nun auf die Unterstützung von zwei bekannten Bremern und einem Hamburger Fußballclub zählen.
11.09.2018, 07:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Verein hilft Flüchtlingen auf Sizilien
Von Kristin Hermann

Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem das Gefühl der Untätigkeit unerträglich wurde. Bei Philipp Leusbrock und Johanne Bischoff war das im Sommer 2014 der Fall, als sie die Bilder von Tausenden Geflüchteten in den Nachrichten sahen, die zu dieser Zeit nicht mehr auf Lampedusa, sondern vor allem auf Sizilien landeten.

Damals wie heute finden sie dort häufig fatale Lebensbedingungen vor und es fehlt oft am Nötigsten: An administrativer, psychologischer, rechtlicher sowie medizinischer Unterstützung, sagt Leusbrock, der seitdem viele Male auf der Mittelmeerinsel war. Leusbrock und Bischoff taten sich mit Gleichgesinnten zusammen und sammelten in Bremen und Jena Spenden, um anschließend mit einem großen Transporter gen Sizilien aufzubrechen.

Einen Teil der Geldspenden setzten sie damals dafür ein, Geflüchteten in einem illegalen Lager unter einer Autobahnbrücke Lebensmittel zu besorgen. Es war die erste von vielen Fahrten und der Startschuss für den Verein Projekt Seehilfe, der sich aus dem Vorhaben der beiden damaligen Studenten gründete. Mittlerweile hat es der Verein geschafft, immer mehr Menschen auf sich aufmerksam zu machen.

Bedarf nach wie vor riesig

Dank der ehrenamtlichen Arbeit können sie zwei Hilfsfahrten pro Jahr realisieren. Der Bedarf sei nach wie vor riesig: „Die Ankünfte in Italien sind zwar weniger geworden, aber die Situation hat sich auf keinen Fall entspannt. Wir haben immer noch Menschen, die zum Teil jahrelang in Camps oder auf der Straße wohnen oder auf ihr Asylverfahren warten“, sagt Leusbrock, der mittlerweile in der Nähe von Münster lebt. Viele seien auf sich allein gestellt.

„Wenn das Asylverfahren negativ beschieden wird, gibt es keine Abschiebungen. Viele tauchen dann in die Obdachlosigkeit ab, arbeiten illegal auf Feldern oder bieten vor Supermärkten ihre Dienste an.“ So wie einer der Migranten, den die Mitglieder schon seit Monaten begleiten und der unter der Treppe eines Einkaufszentrums wohnt.

Der Moment, wenn der Bulli des Vereins auf den dazugehörigen Parkplatz abbiege, sei für beide Seiten sehr emotional und ende nicht selten mit Tränen. „Das ist vielleicht nur ein kleiner Moment, aber das gibt ihm und uns total viel“, sagt Leusbrock.

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Um die Hilfsangebote aus Deutschland weiter auszubauen, gibt es nun Unterstützung von oberster Stelle: Alexia Sieling, Ehefrau von Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) hat vor einiger Zeit die Schirmherrschaft übernommen und auch Klaus Platz, Geschäftsführer der Bremischen Hafenvertretung, ist seit Kurzem mit an Bord. Beide kennen sich mit dem Thema gut aus.

„Mein Vater war selbst politischer Flüchtling und ist Mitte der 1960er-Jahre über den Seeweg von Marokko nach Europa gekommen. Ich weiß deshalb, was es für Familien bedeuten kann, mit Fluchterfahrung konfrontiert zu sein", sagt Sieling. Platz lässt das Thema nicht mehr los, seitdem er Ende 2016 zwei Wochen an Bord der "Aquarius" war, das von den Hilfsorganisationen SOS Méditerranée und Ärzte ohne Grenzen betrieben wird und Geflüchtete im Mittelmeer vor dem Ertrinken rettet.

"Für mich ist Bremen eine Art Zelle, von der unheimlich viel Hilfsbereitschaft ausgeht. Das war damals so, als die Aquarius von Bremerhaven aus aufgebrochen ist, und das erwarte ich mir auch von diesem Projekt", sagt er. Dafür wollen Sieling und Platz nun ihre Kontakte nutzen. Unter anderem haben sie bereits bei den Honorarkonsuln um Unterstützung gebeten – mit Erfolg. Sie haben angekündigt, sich auf einer Sondersitzung mit dem Thema zu befassen.

Häufig keine Abschiebungen

Zweimal im Jahr bringen mehrere Vertreter des Projekts Seehilfe verschiedene Sach- und Geldspenden nach Sizilien. Vor Ort arbeiten sie mit hiesigen Hilfsorganisationen zusammen, die vor allem diejenigen unterstützen, die aus dem staatlichen System herausfallen. Wenn Asylbescheide negativ beschieden werden, finden – anders als in Deutschland – in Italien häufig keine Abschiebungen statt, weshalb etliche Migranten obdachlos in illegalen Freiluftcamps leben und auf Feldern oder in anderen Bereichen ausgebeutet werden.

Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin ist zudem vor Ort. Sie sorgt gerade dafür, dass das neueste Projekt des Vereins an den Start gehen kann: Ein Computerzimmer, von dem aus Sprachkurse stattfinden. Wenn es Mitte September für vier der deutschen Helfer wieder nach Sizilien geht, werden sie von weiteren prominenten Unterstützern begleitet.

Der FC St. Pauli veranstaltet gemeinsam mit dem Projekt Seehilfe vom 15. bis 22. September ein Fußballcamp auf Sizilien. Dieses Projekt soll Geflüchtete und Jugendliche aus der Region Siracusa zusammenbringen. Für das Camp reist eine Delegation des Fußballclubs, bestehend aus Trainern der FC St. Pauli Rabauken und Vertreter des Vereins nach Syracusa.

Auch Ewald Lienen, Technischer Direktor bei den Braun-Weißen, wird zeitweise mit vor Ort sein und das Projekt unterstützen. „Uns geht es darum, die Menschen wenigstens für einen kurzen Moment aus ihrer schwierigen Situation rauszuholen“, sagt Lisa Bartling, die seit einem Jahr bei Projekt Seehilfe dabei ist. Nicht immer sei das leicht, gibt die 32-Jährige zu.

Momente der Frustration gebe es immer wieder. Etwa, wenn sie auf Sizilien von einem Migranten auf Deutsch angesprochen werden und davon erfahren, dass er nach Jahren in Deutschland wieder nach Italien abgeschoben wurde, obwohl er gerade ein Jobangebot hatte. „Solche Momente sind nicht leicht. Ich selber arbeite im Pflegebereich und dort fehlen massig Fachkräfte. Warum nutzt man das nicht?“, sagt Leusbrock.

Der Verein hat auch mit der veränderten Stimmung in Italien zu kämpfen. Der rechtspopulistische Umschwung und die Politik des italienischen Innenministers Matteo Salvini seien auch auf Sizilien zu merken. "Trotzdem nehmen sich speziell die Sizilianer als Seefahrervolk wahr und sind sehr hilfsbereit", so Leusbrock. Die problematische politische Entwicklung sehen auch Platz und Sieling: „Man muss sich auf europäischer Ebene für die Veränderung der Dublin-Regel einsetzen, die für die südeuropäischen Länder fatale Folgen hat", sagen sie.

Weitere Informationen

Mehr Informationen über den Verein Projekt Seehilfe gibt es im Internet unter der Adresse www.seehilfe.com.

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