Corona-Beschlüsse

Bremer Wissenschaftler kritisieren Oster-Lockdown

Der Lockdown über Ostern kann aus Sicht von Bremer Wissenschaftlern die Infektionswelle nicht brechen. Eine „Sinnhaftigkeit“ sei in der Strategie nicht erkennbar. Es sei mit minimalen Effekten zu rechnen.
23.03.2021, 21:27
Lesedauer: 3 Min
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Von Sabine Doll und Pascal Faltermann

Der Bremer Infektionsepidemiologe Hajo Zeeb hat keine „allzu großen Erwartungen“ an die Wirkung des verschärften Lockdowns über Ostern. Australien habe häufiger zu diesem Mittel des kompletten Herunterfahrens gegriffen, bei lokalen Ausbrüchen mit wenigen Fällen. „Insofern ist meine Erwartung in dieser Situation, dass der Stillstand eher zu einem kleinen Effekt führen kann, nicht aber zum grundsätzlichen Bruch der Welle“, sagt Zeeb.

Dass die Maßnahme erst in mehr als einer Woche greifen soll, sei vermutlich eine pragmatische Entscheidung, weil sich die Feiertage anböten. „Aus epidemiologischer Sicht ist das nicht ganz verständlich“, so der Infektionsexperte vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie. Die Verdopplungszeit der Infektionen liege aktuell bei wenigen Tagen, man müsse damit rechnen, dass zu Ostern deutschlandweit eine Inzidenz von 200 erreicht sei.

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Zeeb vermisst eine längerfristige Strategie, auch beim Einsatz von Schnelltests. „Sie bieten die Möglichkeit, früher eine Entwicklung zu erkennen und schnell darauf zu reagieren.“ Er fordert zudem die Einrichtung eines Pandemie-Rats mit Experten aus unterschiedlichen Bereichen. „Diese Forderung gibt es seit Langem, das würde es auch der Politik leichter machen, zu den richtigen Entscheidungen zu kommen. Insgesamt macht die Politik kein besonders gutes Bild.“

Auch der Bremer Virologe Andreas Dotz­auer bewertet die Maßnahmen kritisch und kann „keine Sinnhaftigkeit“ darin erkennen, wie er betont. „Insbesondere gilt dies für die Öffnung der Supermärkte am Sonnabend. Damit entzerrt man nicht, sondern konzentriert. Es hätte eher Sinn gemacht, auch am Sonnabend zu schließen. Allerdings würde dies wohl auch bedeuten, dass es sich an den Tagen davor konzentriert.“ Richtig sei, Kontakte über Ostern etwa durch Familienbesuche zu verhindern. Von den Beschränkungen seien aber erneut Kinder unter 14 Jahren ausgenommen. „Auch das ist wieder eine Halbwahrheit“, so der Uni-Professor. „Der Sinn dieser Strategie erschließt sich daher nicht so recht.“ Die sogenannte dritte Welle habe ihren Höhepunkt noch nicht erreicht, sie werde von den deutlich infektiöseren Virusvarianten getragen.

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Bremen und Bremerhaven werden, wenn die Sieben-Tages-Inzidenz mehrere Tage lang den Inzidenzwert von 100 in einer der beiden Städte übersteigt, die sogenannte Notbremse ziehen. Die Regeln, die bis zum 7. März gegolten haben, treten damit wieder in Kraft: Kontakte, Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten werden eingeschränkt. Treffen sind nur mit einer weiteren Person möglich statt mit einem weiteren Haushalt. Eine Ausnahme gilt für den Zoo am Meer. Das Oberverwaltungsgericht (OVG) Lüneburg hatte in der vergangenen Woche die Schließung von Zoos und Tierparks in den sogenannten Hochinzidenz-Kommunen per Eilbeschluss außer Kraft gesetzt.

„Es gibt keinen Zweifel, dass wir uns an die Regeln halten werden“, sagt Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte. Er habe sich mit Bremerhavens Oberbürgermeister Melf Grantz geeinigt, dass die „Notbremse“ auch dort gilt. Der Wert in Bremerhaven liegt seit elf Tagen über 100, derzeit bei 176,9, die Stadt Bremen von 96,6. Wann welche Lockerungen aufgehoben werden, soll an diesem Mittwoch entschieden werden.

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Als Teil des fünftägigen Oster-Lockdowns soll am Gründonnerstag und Karsamstag die Arbeit überwiegend ruhen. Das hatten Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten vereinbart. Bovenschulte rechnet mit zwei verpflichtenden Ruhetagen für fast alle Arbeitnehmer. Einzelheiten wie die Frage von Zuschlägen für Arbeitnehmer müssen noch geklärt werden.

Ob die Kirchen der Bitte nachkommen, auf Präsenzgottesdienste zu Ostern zu verzichten, ist unklar. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-­Strohm, sagte: „Der Beschluss des Corona-Gipfels hat uns sehr überrascht, zumal davon das wichtigste Fest der Christen betroffen wäre. Wir werden uns in den von der Bundeskanzlerin angekündigten Gesprächen zunächst genau erläutern lassen, warum die bewährten Hygieneschutz-Maßnahmen, die alle Landeskirchen für ihre Gottesdienste haben, nun nicht mehr ausreichen sollen.“ Die Katholische Kirche will an Präsenzgottesdiensten festhalten: „Zu Weihnachten haben wir gezeigt, wie wir mit Vorsicht Messe feiern können. Darauf wollen wir Ostern nicht verzichten“, so der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing.

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