Proben für den Ernstfall

Was Sie über den bundesweiten Warntag am 10. September wissen müssen

Wenn an diesem Donnerstag um 11 Uhr der bundesweite Warntag anläuft, werden vielerorts die Sirenen heulen. Nicht so in Bremen. Das hat seine guten Gründe.
09.09.2020, 06:53
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Was Sie über den bundesweiten Warntag am 10. September wissen müssen
Von Frank Hethey
Was Sie über den bundesweiten Warntag am 10. September wissen müssen

Unter anderem machen digitale Werbetafeln die Bevölkerung auf den sogenannten Warntag aufmerksam.

Rolf Vennenbernd

Manchen werden sie noch gut in Erinnerung sein: heulende Sirenen, die zweimal jährlich als Probealarm die Bevölkerung vor dem Angriff des Klassenfeinds aus dem Osten warnen sollten. Doch der auf- und abschwellende Heulton wird zumindest in Bremen nicht zu hören sein, wenn an diesem Donnerstag um 11 Uhr zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung wieder bundesweit Alarm geschlagen wird. Denn als der Kalte Krieg zwischen Ost und West vorbei war, verschwanden die Sirenen von den Dächern der Stadt. Bremen setzt inzwischen auf andere Kommunikationskanäle.

Warum wird gewarnt?

Aus Gründen der körperlichen Unversehrtheit. Größere Schadensereignisse und Gefahrenlagen seien eine Gefahr für die eigene Sicherheit und die der Familie, heißt es in einem Flyer des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Auch Angehörige, Freundinnen und Freunde sowie persönliches Eigentum könnten bedroht sein. Bei Gefahren vor Ort wird man rechtzeitig gewarnt, damit man sich auf die Gefahr einstellen und richtig verhalten kann. „Wer rechtzeitig gewarnt wird und weiß, was zu tun ist, kann sich in einem Notfall besser selbst helfen“, so Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) über Sinn und Zweck der Übung.

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Wovor wird gewarnt?

Nicht nur Naturgefahren wie starke Unwetter, Hitzewellen oder Hochwasserereignisse können Anlass für eine Warnung sein. Auch bei Großbränden, Stromausfällen oder gesundheitsgefährdenden Chemieunfällen wird die Bevölkerung in Kenntnis gesetzt. Weitere denkbare Szenarios sind Warnungen vor Krankheitserregern, Angriffen und Waffengewalt sowie Hinweise auf akute Gefahren wie etwa Bombenentschärfungen.

Wie wird gewarnt?

Eine Warnung kann die Menschen auf unterschiedlichen Verbreitungswegen und Kanälen erreichen. Große Bedeutung haben verschiedene Warn-Apps wie die vom BKK bereitgestellte Warn-App Nina, kurz für Notfall-Informations- und Nachrichten-App. Eine wichtige Rolle als Multiplikatoren spielen auch Radio Bremen als öffentlich-rechtlicher Sender sowie das Rathaus, die Deutsche Bahn, die Feuerwehr und die Polizei über ihre sozialen Medien. Mit dabei ist auch die Bremer Straßenbahn AG (BSAG), auf deren elektronischen Infotafeln an den Haltestellen ein Warntext abgespielt werden soll. Zusätzlich sollen digitale Werbetafeln als Kommunikationskanal dienen. Eine wichtige Rolle spielt die Benachrichtigung durch den Familien- und Freundeskreis oder die Nachbarschaft, wenn der Zugang zum Internet oder mobilen Datenträgern nicht gewährleistet ist.

Welchen Kommunikationskanal empfiehlt Bremen besonders?

Bremen rät zur Nutzung der Warn-App Nina. Mit dieser App kann man Warnmeldungen auf bestimmte Gebiete oder Orte eingrenzen. Die Warnmeldung wird per Satellit übertragen, technischer Ausgangspunkt ist das Modulare Warnsystem des Bundes. Die App kann kostenfrei über den App Store iTunes und den Google Play Store heruntergeladen und auf dem Handy installiert werden. Nach Einschätzung der Verbraucherzentrale Bremen handelt es sich um vertrauenswürdige Seiten. Im Land Bremen sei die Warn-App das schnellste Warnmittel, so Jens Cordes, Leiter der Feuerwehr Bremerhaven. Das Warnsignal kann individuell eingestellt werden, möglich ist zum Beispiel ein Piep- oder Sirenenton.

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Wer warnt?

Im Verteidigungsfall warnt der Bund, im Katastrophenfall sind die Länder zuständig. Über ihre Katastrophenschutzeinrichtungen wie etwa die Feuerwehr sprechen Städte, Kreise und Gemeinden ihre Warnungen aus. Weitere Akteure sind der Deutsche Wetterdienst und Hochwasserportale.

Warum findet der Warntag überhaupt statt?

Der bundesweite Warntag soll den Menschen vermitteln, wie Bund und Länder im Falle einer akuten Gefahrenlage die Bevölkerung alarmieren. Dabei geht es auch darum, die vorgesehenen Mechanismen und Verhaltensweisen nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. „Diese Übung soll die Bevölkerung daran erinnern, wie wichtig es ist, Warnungen ernst zu nehmen und sich im Ernstfall selbst zu schützen“, sagt Innensenator Mäurer. Das Ziel lautet, in der Bevölkerung ein Bewusstsein für die vorhandenen Informationskanäle zu schaffen. Die Menschen sollen sensibilisiert, nicht beunruhigt werden. „Seien Sie also auch über den 10. September hinaus in jeder Hinsicht aufmerksam und nehmen Sie Gefahrenhinweise ernst.“

Wie lange dauert der Warntag?

Natürlich nicht den ganzen Tag. Doch der Warntag ist auch keine Sache von nur wenigen Sekunden. Insgesamt sind für den Warntag nach Angabe des Innenressorts 20 Minuten angesetzt, er dauert also von 11 bis 11.20 Uhr. Die BSAG bleibt dagegen noch länger am Ball. „Etwa eine Stunde werden die Warntexte auf unseren Displays laufen“, sagte BSAG-Sprecher Andreas Holling.

Gibt es eine Entwarnung?

Ja, das BKK versendet eine Entwarnung, wenn die Gefahr vorüber ist oder sich verringert hat. In der Regel erfolgt die Entwarnung auf dem gleichen Kanal, der zuvor gewarnt hat.

Muss die Bevölkerung aktiv werden?

Nein, niemand wird aufgefordert, sich in Schutzbereiche zu begeben oder seine Tätigkeit zu unterbrechen.

Ist der Warntag eine einmalige Übung?

Nein, der bundesweite Warntag soll künftig jedes Jahr am zweiten Donnerstag im September stattfinden. Das hat die Innenministerkonferenz 2019 beschlossen. Damit greifen Bund und Länder auf die flächendeckenden Warnungen zurück, die seit den 1950er-Jahren fester Bestandteil des Zivil- und Katastrophenschutzes waren. Bis zum Ende des Kalten Krieges gab es jährlich zwei Probealarme, den einen im März, den anderen im September.

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Haben die Sirenen ein- für allemal ausgedient?

Nicht generell, in Bremen aber schon. In vielen großen Städten sind die Sirenen nach Ende des Kalten Krieges in den frühen 1990er-Jahren abgebaut worden. „Das war auch eine Kostenfrage, die Sirenen mussten schließlich gewartet werden“, sagt Karen Stroink, Sprechern des Innenressorts. Gänzlich abgeschafft sind die Sirenen damit aber nicht, vor allem in ländlichen Gebieten haben sie noch eine wichtige Funktion als Warnsignal. Der Nachteil: Man hört das Signal, weiß aber nicht, was zu tun ist. „Dafür braucht es zusätzliche Informationskanäle“, so Stroink.

Wird der Warntag evaluiert?

Ja. Es gebe zwar kein Rückmeldesystem, sagt Ressortsprecherin Stroink. Dennoch wollen die Behörden den Warntag auswerten. „Wir wollen sehen, ob die Technik funktioniert hat, ob man beim nächsten Mal bestimmte Dinge besser machen kann.“

Wie können sich Tierhalter vorbereiten?

Niedersachsens Landesbeauftragte für den Tierschutz hat vor dem bundesweiten Warntag am Donnerstag vor einer Belastung für Tiere gewarnt. Der Probealarm mit Sirenen in Städten und Dörfern bedeute eine immense Belastung für Tiere, teilte die Landesbeauftragte Michaela Dämmrich am Dienstag in Hannover mit. „Die Töne sind sehr laut und anhaltend, Tiere können sie nicht einordnen und verstehen.“

Tiere sollten an dem Tag im Stall oder an einem sicheren Ort bleiben, ihre Halter sollten in der Nähe sein, um sie zu beruhigen und Panikattacken zu verhindern, riet Dämmrich. Hilfreich sei ein sicherer Platz als Versteck: „Zwanzig Minuten sind eine sehr lange Zeit für Tiere, in der die Sirenen durchgehend, beziehungsweise in einem bestimmten Rhythmus sehr laut erschallen“, sagte die Landesbeauftragte.

In ganz Deutschland werden an dem Tag Sirenen heulen, Warn-Apps piepen, Radio- und Fernsehsender ihre Sendungen unterbrechen und Lauftexte einblenden. Auch in Niedersachsen sollen sich die Kommunen beteiligen und ihre Sirenen ausprobieren. Ziel ist nach Angaben des niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes, alle Warnmöglichkeiten – auch via App und Internet – zu testen. Laut Innenministerium unterstreichen die wachsende Zahl an Naturkatastrophen sowie die Gefahr von Terroranschlägen den Stellenwert des Warnsystems.

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